Nicole C. Vosseler

„Ein Buch zu schreiben, das allen gefällt, ist ein Ding der Unmöglichkeit„

06.2014 Die Histo-Couch im Interview mit Nicole C. Vosseler über Recherchen, Kritik, Schauspieler als Vorbilder für ihre Figuren.

Histo-Couch: Frau Vosseler, auch wenn es eine schon oft gestellte Frage ist, so interessiert die Leser diese dennoch: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Nicole C. Vosseler: Stimmt, diese Frage wird wirklich häufig gestellt. Und je öfter ich darüber nachdenke, desto mehr reduzieren sich meine Gedanken dazu auf ein schlichtes, aber grundlegendes: wollte ich schon immer. So weit ich mich zurückerinnern kann.

Ich habe schon immer Geschichten und Bücher geliebt, es geliebt, mir selbst Geschichten auszudenken. Mir Gedanken über Menschen – ob real oder fiktiv – zu machen. Mir vorzustellen, was in ihnen vorgeht, was sie denken und fühlen. Wie es wohl sein mag, in ihrer Haut zu stecken, in ihrer Welt zu leben. Und schon immer war der Drang da, diese Fragen und Gedanken, diese Vorstellungen und die Bilder in meinem Kopf in Worte fassen zu wollen. Das macht einfach einen sehr großen Teil dessen aus, was und wer ich bin.

Histo-Couch: Sie haben ja schon eine Menge Bücher geschrieben, aber gerade die Vergangenheit scheint Sie magisch anzuziehen. Was ist für Sie so interessant an den vergangenen Epochen?

Nicole C. Vosseler: Unsere Gegenwart ruht auf der Vergangenheit, sie ist daraus hervorgegangen. Ich finde es immer wieder erstaunlich und faszinierend, wie Ereignisse, die einhundert, zweihundert, vierhundert Jahre zurück liegen, in ihren Folgen heute noch sichtbar und spürbar sind – wenn man genauer hinschaut. Die Vergangenheit ist für mich ein Spiegel, der neue Perspektiven auf unsere Zeit eröffnet. 

Und natürlich geht von der Vergangenheit auch ein gewisser Zauber aus. Das scheint mir etwas sehr Menschliches, Archetypisches zu sein: wissen zu wollen, wie es früher einmal war. Über die Vergangenheit das Jetzt zu reflektieren, irgendwo zwischen der Dankbarkeit, heute zu leben und einer gewissen Nostalgie, der Sehnsucht nach eben diesem Zauber.

Histo-Couch: Viele Ihrer Bücher spielen im Orient oder zumindest oft ein Teil Ihrer Geschichten. Über die Vergangenheit und eine fremde Kultur zu schreiben ist doch eine besondere Herausforderung. Wo und wie finden Sie Ihre Geschichten und bereisen Sie die Länder, in denen Ihre Bücher spielen, auch persönlich?

Nicole C. Vosseler: Jedes meiner Bücher hat eine ganz eigene Entstehungsgeschichte. Manche Romanstoffe sind buchstäblich vom Himmel gefallen, manche trage ich schon mein halbes Leben mit mir herum. Für andere habe ich mich auf die Suche gemacht, bis ich dabei über etwas stolperte, bei dem ich das starke Gefühl hatte: ja, das ist es, darüber will ich schreiben.

Reisen gehören für mich manchmal zur Vorbereitung auf einen Roman dazu, aber nicht immer, vor allem nicht immer zwingend an die Originalschauplätze. Bei einigen Büchern schien es mir sinnvoller, meine persönliche Wahrnehmung, die eines Menschen des 21. Jahrhunderts, möglichst außen vor zu lassen. Die Sicht der Menschen, die damals vor Ort waren, vorzuziehen, in Form von alten Reiseberichten, Briefen, Tagebüchern, Karten, Plänen, Zeichnungen und Photographien aus der entsprechenden Zeit.

Unabhängig davon reise ich tatsächlich sehr gerne; einmal im Jahr muss ich einfach meinen Koffer packen und wegfliegen, je weiter, desto besser. Und über die letzten Jahre hat es sich ergeben, dass ich von jeder Reise mindestens eine neue Romanidee mitgebracht habe und dann auch das Bedürfnis hatte, gezielt noch einmal hinzufliegen, um vor Ort zu recherchieren.

Histo-Couch: Wie viel “Nicole„ steckt in Ihren Figuren und wo finden Sie Ihre Darsteller?

Nicole C. Vosseler: Ein Fünkchen Nicole steckt sicher in allen meinen Protagonisten, mal ein bisschen mehr, mal weniger. Aber man muss mich schon sehr gut kennen, um dieses Fünkchen zu entdecken. Der weitaus größere Anteil jedes Romancharakters ist fiktiv, was ich eindeutig spannender finde – denn mich selbst kenne ich ja schon.
“Darsteller„ finde ich einen sehr treffenden Ausdruck. Ich habe tatsächlich in den meisten Fällen Schauspieler als Vorbilder für die zentralen Charaktere. Ich hänge entsprechende Fotos in Sichtweite meines Schreibtisches auf, studiere ihre Gestik und Mimik in einer bestimmten Rolle, ihre Redeweise. Ab einem gewissen Punkt entwickeln die Charaktere dann ein Eigenleben, bis sie dieser anfänglichen Inspiration kaum mehr ähneln, sondern ganz eigene, individuelle Persönlichkeiten geworden sind.

Histo-Couch: Haben Sie literarische Vorbilder und wenn ja, weshalb sind Sie von diesem/diesen fasziniert?

Nicole C. Vosseler: Ich hatte über Jahre hinweg ein paar literarische Vorbilder, die aber mittlerweile in den Hintergrund gerückt sind. Was bestimmt auch damit zu tun hat, dass ich mich als Person wie als Autorin weiterentwickelt habe. Mit zunehmendem Alter und wachsender Erfahrung habe ich das Gefühl, ich lese Bücher nicht mehr, um – vielleicht – jemandem nachzueifern, sondern um in der Auseinandersetzung mit den Werken anderer Autoren meinen eigenen Weg zu bahnen.

In jüngster Zeit habe ich einige Bücher von hierzulande kaum bekannten Autoren aus dem asiatischen Raum gelesen, die mich begeistert und auch die Arbeit an meinem neuen Buch beeinflusst haben, wie Roopa Farooki, Rani Manicka, Padma Viswanathan, Sandi Tan oder Tash Aw. Starke, frische Stimmen, von einer ganz eigenen, überzeugenden Wahrhaftigkeit und mit ausdrucksvollem Stil, die mich komplett umgehauen haben.

Histo-Couch: Wenn man schreibt, so ist man doch mit seiner Geschichte ziemlich beschäftigt. Haben Sie so etwas wie ein “Schreibritual„ und wie geht Ihre Familie damit um, wenn Sie ein neuer Roman wieder vollends gefangen nimmt?

Nicole C. Vosseler: Mein Schreibritual jeden Tag: alles, was es an diesem Tag an anderen Dingen zu erledigen gibt, Büro, Termine, Post, muss erledigt sein, damit ich den Kopf frei habe für das Manuskript. Und die erste Kanne Tee steht bereit.

Ich habe das große Glück, dass mein Umfeld mit mir in diesen Beruf hineingewachsen ist und mich voller Nachsicht und Geduld erträgt, wenn ich wieder nur über Thema X und Figur Y rede, mit meinen Zweifeln kämpfe oder phasenweise komplett abtauche. Sie wissen ja: irgendwann tauche ich wieder auf und bin dann wieder ein halbwegs normaler Mensch. Zumindest, bis der Zyklus wieder von vorne anfängt, mit dem nächsten Buch. Es ist ein Geschenk, solche Menschen um sich zu haben, und dafür bin ich auch sehr dankbar.

Histo-Couch: Könnten Sie sich auch vorstellen, einmal in einem gänzlichen anderen Genre zu schreiben?

Nicole C. Vosseler: Ja, kann ich, sehr gut sogar, und habe es unlängst auch getan. Mein letztes Buch “In dieser ganz besonderen Nacht„ war ein Aufbruch zu neuen Ufern, nicht nur geographisch, sondern auch was das Genre angeht. Zum ersten Mal ging es damit nicht gen Osten, sondern nach Westen, nach San Francisco, in einem All-Age-Roman, der in der Gegenwart angesiedelt ist und einen übersinnlichen Touch hat. Und obwohl es darin nicht im Geringsten um Vampire geht, habe ich dabei Blut geleckt: Ich arbeite gerade an einem weiteren Roman dieses Genres.

Histo-Couch: Wie geht es Ihnen heute, wenn ein neues Werk von Ihnen erscheint, sind Sie immer noch aufgeregt oder hat sich das inzwischen gelegt?

Nicole C. Vosseler: Ich bin es tatsächlich immer noch. Nicht mehr ganz so dramatisch wie beim ersten Buch, klar; das allererste ist etwas so unfassbar Besonderes, Gigantisches, Umwerfendes, das lässt sich nicht wiederholen. Aber jetzt, beim elften Buch, ist alles noch ganz genauso aufregend, nervenzerfetzend, beängstigend und beglückend wie beim zweiten.

Histo-Couch: Wie ist es für Sie, wenn – was bestimmt auch vorkommen wird – einem Leser oder Kritiker ein Buch nicht gefällt oder eben eine Rezension ziemlich kritisch ist?

Nicole C. Vosseler: Natürlich kommt das vor; ein Buch zu schreiben, das allen gefällt oder gleich gut gefällt, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie wir ein Buch wahrnehmen und empfinden ist dafür etwas viel zu Individuelles. Wäre es anders, hätten wir alle eine identische Wahrnehmung, einen identischen Geschmack, fände ich das befremdlich, sogar erschreckend.

Ich kann gar nicht pauschal sagen, wie es mir mit Kritik geht, das kommt immer darauf an, was kritisiert wird – und wie. Manchmal prallt es an mir ab, und manchmal trifft es mich bis ins Mark. Aber das muss ich aushalten, sonst dürfte ich nicht veröffentlichen. Kritik schmerzt besonders, wenn ein Buch gerade erst erschienen ist, ich damit emotional noch eng verbunden bin. Liegt ein Buch schon länger zurück, habe ich schon eine gewisse Distanz dazu entwickelt, tut es weniger weh.

Erstaunlicherweise habe ich über die Zeit festgestellt, dass mich Kritik nicht nur stärker, sondern auch mutiger macht. Kritik hat mich gelehrt, mehr zu wagen beim Schreiben.

Histo-Couch: Wenn Sie ein Buch fertig haben, gönnen Sie sich eine Schreibpause oder nehmen Sie sofort Ihr nächstes Projekt in Angriff?

Nicole C. Vosseler: Ich brauche dann auf jeden Fall erst einmal eine kleine Pause. Gerade die Endphase eines jeden Romans ist für mich immer die anstrengendste. Ich muss mich erst gedanklich und emotional von dem gerade beendeten Buch lösen, um mich auf ein neues Thema, neue Personen einlassen zu können, und das geht mal schneller, mal dauert es ein bisschen länger.

Histo-Couch: Möchten oder können Sie uns etwas über Ihr nächstes Projekt verraten?

Nicole C. Vosseler: Im August erscheint mein neuer Roman “Zeit der wilden Orchideen„, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Singapur spielt. Die Geschichte von Georgina, dem Mädchen mit den veilchenblauen Augen, und Raharjo, der dem Volk der Orang Laut angehört, der “Meeresmenschen". Mein Meeresbuch.

Über den Sommer arbeite ich an meinem nächsten All-Age-Roman: Wieder eine Geschichte in der Gegenwart mit leichtem Fantasy-Einschlag, und auch dieses Mal geht es damit in die USA.

Das Interview führte Daniela Loisl.