Sophie Marcus

„Ich schreibe oft ganz altmodisch mit Bleistift und Papier“

10.2014 Die Histo-Couch im Interview mit Martha Sophie Marcus über das Schreiben, Vergleiche zum Film und den Weg ins Autorenleben.

Histo-Couch: Frau Marcus, waren Sie eine gute Geschichtsschülerin?

Martha Sophie Marcus: Nein. Ich habe mich im Geschichtsunterricht oft gelangweilt, obwohl ich grundsätzlich neugierig auf die Vergangenheit war. Heute weiß ich, dass mir der Bezug des Lehrstoffs zum damaligen Leben fehlte. Wenn ich eine Vorstellung vom Alltag der Menschen habe und mich ein wenig mit ihnen identifizieren kann, fällt es mir leichter, mich für die abstrakteren politischen Fakten zu interessieren und sie im Gedächtnis zu behalten.

Histo-Couch: Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie sich ausgerechnet dem Genre Historische Romane zugewandt haben?

Martha Sophie Marcus: Schon als Kind hat mich interessiert, wie man in der Vergangenheit lebte. Das zog sich weiter durch mein Studium, in dem ich immer wieder Schwerpunkte auf die Untersuchung historischer Entwicklungen setzte. Als Leserin liebe ich Abenteuerromane und Liebesgeschichten. Als gern weiter Lernende macht es mich glücklich, mir geschichtliche Epochen und Zusammenhänge zu erschließen. Das Genre bietet mir also die Möglichkeit, viele Vorlieben (mit wechselnder Gewichtung) zu verknüpfen. Es lag nahe, dass ich mich darin versuchte. Glück für mich war, dass der große Boom des historischen Romans in die Zeit fiel, in der ich mein erstes veröffentlichungsreifes Manuskript vorlegen konnte.

Histo-Couch: Sie schreiben über unterschiedliche Epochen. Fällt es Ihnen leicht, sich in die verschiedenen Zeiten hinein zu versetzen?

Martha Sophie Marcus: Meine Phantasie hat damit keine Probleme. Allerdings bekommt sie auch eine Menge Futter. Mit dem Einstieg in eine neue Epoche ist immer intensive Recherche verbunden, nicht nur der historischen Ereignisse, sondern auch der Lebensbedingungen und kulturellen Umstände. Ich erarbeite mir durch das Sammeln von Details das Lebensgefühl der Personen, die meine Geschichte ausmachen. Lehrbuch-Erkenntnisse über Bevölkerungsgruppen, die oft von Statistiken und einer Art »Durchschnittsmensch« ausgehen, behalte ich dabei im Sinn, weiche aber auch bewusst von ihnen ab. Gerade meine weiblichen Hauptrollen sind zwar im Rahmen des historisch Möglichen gestaltet, aber doch eher Ausnahmen für ihre Zeit.

Histo-Couch: Wünschten Sie sich manchmal, in eine andere Zeit schlüpfen und dort leben zu können?

Martha Sophie Marcus: Nein, nie. Die Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft hat erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit ein erträgliches Maß erreicht. Man kann sich als Frau eigentlich nicht ernsthaft ein Leben in der Vergangenheit wünschen. Als Mann vielleicht eher. Wenn Mann denn vom richtigen Stande wäre.

Histo-Couch: Wenn Sie schreiben, laufen da die Szenen wie ein Film in ihrem Kopf ab oder wie können sie diese so lebendig gestalten?

Martha Sophie Marcus: Ganz reibungslos und wie von allein läuft der Film leider nicht ab. Wenn das passiert, sind es echte, rare Glücksmomente. Das Schreiben lässt sich aber trotzdem mit der Arbeit an einem Film entfernt vergleichen. Ich weiß vorher, was in einer Szene ungefähr passieren muss. Wenn ich sie dann gestalte, schlüpfe ich gedanklich wie eine Schauspielerin in sämtliche Rollen und probe so lange, bis alles passt. Außerdem übernehme ich gleichzeitig den Job des Bühnenbildners, Beleuchters, Kameramanns und Regisseurs. Und am Ende sitze ich vor dem Monitor und mache noch den Schnitt. Erst allein, dann noch einmal mit meiner Lektorin zusammen.

Histo-Couch: In ihren Romanen spielen Liebesgeschichten immer auch eine grosse Rolle. Bildet sie die Grundlage der Geschichte oder ist zuerst die Geschichte da und die Liebesgeschichte wird sozusagen die Würze dazu?

Martha Sophie Marcus: Die Erfahrung von Liebe ist für mich sowohl in der Wirklichkeit als auch in guten Geschichten das Gegengewicht gegen die Schrecken und Härten des Menschenlebens. Wenn ich anfange, meine historischen Romane zu planen, die oft von besonders harten Lebensumständen erzählen, gehe ich daher immer auch von einer Liebesgeschichte und möglichst auch von anderen liebevollen Beziehungen aus. Diesen Ausgleich zu schaffen, ist mir ein Bedürfnis.

Histo-Couch: Gibt es Momente beim Schreiben, in denen Sie Ihre eigenen Figuren nicht mehr mögen?

Martha Sophie Marcus: Nein. Ich liebe und schätze auch die Dussel, Bösen, Naiven und alle anderen Nervensägen vom Anfang bis zum Ende. Würde ich sie beim Schreiben auf einmal nicht mehr mögen, hätte ich etwas falsch gemacht.

Histo-Couch: Mit wem diskutieren Sie während des Schreibprozesses über die Geschichte? Oder bleibt alles im Verborgenen, bis die Geschichte gereift und geschrieben ist?

Martha Sophie Marcus: Fast alles bleibt bis zum letzten Manuskriptschliff im Verborgenen. Nur wenn ich Zweifel habe, was wahrscheinliche Verhaltensweisen von Figuren in konkreten Situationen oder übliche Abläufe von Handlungen angeht, hole ich mir Rat bei meiner Familie, bei Freunden oder Fachleuten. Manchmal brauche ich auch Hilfe dabei, etwas auszuprobieren.

Histo-Couch: Haben Sie immer Lust dazu, sich an den Computer zu setzen oder braucht es da manchmal Überwindung?

Martha Sophie Marcus: Ach, man kann am Computer ja so viele unterhaltsame Dinge tun, da setze ich mich eigentlich immer gern & Nein, im Ernst: Mit der Arbeit am Text zu beginnen, kostet mich täglich wieder Überwindung. Das ist paradox, weil ich eigentlich gern schreibe. Andererseits strengt mich das Schreiben auch an. Sich vor der Anstrengung lieber drücken zu wollen, ist wohl völlig normal. Übrigens schreibe ich oft Teile meiner ersten Fassungen altmodisch mit Bleistift auf Papier.

Histo-Couch: Wann wissen Sie, dass eine Geschichte reif ist, um erzählt werden zu können?

Martha Sophie Marcus: Wenn die beteiligten Figuren in meiner Vorstellung lebendig geworden sind. Und wenn ich sicher bin, dass das Schicksal, das ich für sie voraussehe, aufregend und interessant genug ist, mich für die Dauer des Schreibens zu beschäftigen. Immerhin ist das bei einem Roman mit 400 bis 600 Seiten ungefähr ein Jahr.

Histo-Couch: Haben Sie noch immer Herzklopfen, wenn Sie ein Manuskript an die Lektorin schicken?

Martha Sophie Marcus: Ja.

Histo-Couch: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Ihr gedrucktes Buch in Händen halten?

Martha Sophie Marcus: Toll, endlich zum Anfassen! Wem schenke ich dieses Mal die ersten Belegexemplare?

Histo-Couch: Lesen Sie? Wenn ja, was liegt derzeit für Lektüre auf ihrem Nachttisch?

Martha Sophie Marcus: Meine gerade ausgelesenen Romane sind: »Die Wächter der Nacht« von Sergej Lukianenko und der zweite Teil der Uhtred-Reihe von Bernard Cornwell. Parallel lese ich »Kriminalistisches Denken« von Hans Walder. (Nein, ich bereite mich nicht aufs Krimi-Genre vor. Die Sache interessiert mich nur.)

Histo-Couch: Wie gerne stellen Sie sich beispielsweise für eine Lesung vor ihre Fans?

Martha Sophie Marcus: Ich bin bestimmt keine Rampensau und kenne Lampenfieber gut. Begegnungen mit meinen Lesern machen mir aber Spaß, und ich lese auch gern vor Publikum. So häufig ergibt sich das allerdings nicht, weil mir nur selten Lesungen oder Veranstaltungen vorgeschlagen werden, die sich zeitlich, räumlich und finanziell für mich in einem vernünftigen Rahmen abspielen.

Histo-Couch: Hat sich Ihr Umfeld Ihnen gegenüber verändert, seit Ihre Bücher in den Buchhandlungen zu finden sind?

Martha Sophie Marcus: Mein Umfeld hat sich in den vergangenen Jahren so stark verändert, dass ich die Frage auf diese Art nicht beantworten kann. Aber ich vermute, dass meine Kinder meinen Beruf weniger cool fänden, wenn meine Bücher nicht gelegentlich in Buchläden zu entdecken wären.

Histo-Couch: Würden Sie, nach den Erfahrungen, die sie nun gesammelt haben, erneut den Weg als Autorin einschlagen? Was hat Sie dazu gebracht, diesen Weg überhaupt zu beschreiten.

Martha Sophie Marcus: Ich hatte auf meinem Weg als Schriftstellerin bisher viel Glück und habe keinen Grund zur Reue, wofür ich dankbar bin. Wie in allen Berufen besteht das Arbeitsleben nicht nur aus geschmeidigen Tagen. Aber solange genug Leser meine Bücher mögen und der recht komplizierte und wechselhafte »Buchmarkt« mir weiterhin meinen Lebensunterhalt gönnt, kann ich mir keine schönere Beschäftigung vorstellen.

Die Freude am schriftlichen Geschichtenerzählen reicht bei mir weit zurück, und sie macht mich nach wie vor glücklich. Das war und ist der Motor dafür, die entsprechenden Fähigkeiten gezielt weiterzuentwickeln. Den Sprung auf die professionelle Ebene zu versuchen, verlockt wohl die meisten Schreibenden früher oder später.

Histo-Couch: Welche Themen oder Epochen reizen Sie, sich ihnen mal anzunehmen?

Martha Sophie Marcus: Unzählige. Die Geschichte der Friesen, Sturmfluten, die Hanse, europäische Sklavenschicksale, Christianisierung der Sachsen, die frühe deutsche Frauenbewegung, das 19. Jahrhundert um einige Beispiele zu nennen. Eigentlich würde ich mir auch gern einmal das Thema Hexen vornehmen, halte es aber für etwas abgegrast.

Histo-Couch: Was hat sich für Sie seit ihrer ersten Veröffentlichung verändert?

Marta Sophie Marcus: Als meine Agentur das Manuskript für »Herrin wider Willen« an den Verlag brachte, war ich nicht berufstätig. Ich bin mit der ersten Veröffentlichung und dem Folgevertrag aus der Kinderpause heraus ins Berufsleben als Schriftstellerin eingestiegen. Seitdem arbeite ich ungefähr in dem recht üblichen Rhythmus von »Ein Roman in einem Jahr«. Aber irgendwie bleibt am Ende die spürbarste Veränderung, dass meine Kinder groß geworden sind und sich meine Schreibtisch-Arbeitszeiten entsprechend ausgeweitet und verlagert haben.

Histo-Couch: Bleiben Sie dem historischen Genre treu?

Martha Sophie Marcus: Für monogame Treue ist es zu spät. Schon 2011 erschien mein erstes Jugendbuch, das 2013 als erweiterte Neuausgabe herauskam: Rabenherz und Elsternseele. Und im Januar 2015 wird der Goldmann Verlag meinen ersten Frauenroman herausbringen: Kaffeeklatsch mit Goldfisch. Auch für diese beiden Genres schreibe ich sehr gern, und etwas Abwechslung tut gut.

Aber ich kehre immer mit Freude zum historischen Roman zurück. Zurzeit treibe ich mich gedanklich jedenfalls im Schleswig Holstein des 11. Jahrhunderts herum und erzähle eine Geschichte, die in den letzten Jahrzehnten der Wikingerzeit spielt.

Das Interview führte Rita DellAgnese.