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Alexandra Hopf
Heißersehnte Fortsetzung in Pommern

Buch-Rezension von Alexandra Hopf Mai 2020

1919. Obwohl der Erste Weltkrieg beendet ist, geht es den meisten Menschen in Deutschland aus verschiedenen Gründen nicht gut. Die Adligen können nur schwer mit dem Verlust ihres gehobenen Standes umgehen, zu ihnen gehört auch die ehemalige Gräfin Feodora Auwitz-Aarhayn. Sie empfindet es als persönlichen Affront, dass ihr ältester Sohn Konstantin die bürgerliche Dorflehrerin Rebecca geheiratet hat und diese nun neue Herrin auf Gut Greifenau ist. Konstantin hat zudem aber ganz andere Sorgen. Er muss genauso wie viele andere Gutsbesitzer fürchten, den Familienbesitz, der hoch verschuldet ist, zu verlieren. Nur mit Unterstützung seiner kleinen Schwester und deren Ehemann, dem Industriellensohn Julius Urban kann er sich einigermaßen über Wasser halten. Doch ganz Deutschland ächzt unter den enorm hohen Reparationszahlungen nach dem Krieg. Die voranschreitende Hyperinflation macht den Menschen aller Schichten zu schaffen. Nur die wenigsten, darunter auch Familie Urban, leiden keine Not. Besonders hart trifft es die Menschen in den Städten, weil es keine Lebensmittel zu kaufen gibt. Auch die Menschen auf Gut Greifenau müssen den Gürtel enger schnallen. Wird es Konstantin gelingen, das Familienanwesen zu retten?

Trilogie wird zur Saga

Hanna Caspian gibt dem Drängen zahlloser Leser nach und setzt die erfolgreiche Trilogie fort. Sie schildert eindrucksvoll die Zeit nach dem Krieg und führt die Handlung damit nahezu nahtlos fort. Nach dem überaus starken dritten Teil gibt es nur wenig Platz zur Steigerung. Es gelingt der Autorin nicht ganz mit „Goldsturm“ die hoch angesetzte Messlatte der Vorgänger zu erreichen oder gar zu toppen. Stellenweise plätschert die Handlung so vor sich hin. Vereinzelte Szenen erscheinen auch etwas langatmig. Nichtsdestotrotz ist die Fortsetzung unterhaltsam. Schon nach kurzer Zeit ist man mit den mehr oder minder beliebten Charakteren wieder vertraut. Es ist fast wie das Gefühl „nach Hause zu kommen“.

Zu Beginn des Buches hat man zur Erinnerung noch einmal ein umfassendes Personenregister. Dem Kenner der Serie sind fast alle Personen bekannt, es kommen nur wenige Neue dazu. Obwohl Frau Caspian im Laufe der Geschichte notwendige Rückblicke auf wichtige Zusammenhänge gibt, empfiehlt es sich trotzdem die Vorgänger in chronologischer Reihenfolge gelesen zu haben.

Chaotische Nachkriegszeit

Alle Charaktere sind wie gewohnt authentisch gezeichnet. Dabei überzeugt jeder auf seine Art. Die Komtess Katherina hat dabei eine besondere Entwicklung durchgemacht. Nach ihrer Flucht von Greifenau und der entbehrungsreichen harten Zeit in Berlin ist sie ein starker Charakter. Sie ist nun die Ehefrau des Industriellensohnes Julius. Dieser hingegen wirkt im Gegensatz zu seiner Frau eher unselbständig. Seine Entscheidungen sind sehr geprägt vom Einfluß seines Vaters Cornelius. Konstantin und Rebecca kennt man bereits als unkomplizierte sympathische Zeitgenossen. Als diese einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen muss, leidet man direkt mit der unkomplizierten neuen Patronin mit. Auch Feodora erscheint dem Leser ohne große Veränderung. Sie sitzt immer noch auf dem hohen Ross und hält sich für etwas Besseres. Den Untergang der Monarchie ignoriert sie beleidigt. Ihrer Figur kann man nach wie vor nichts Positives abgewinnen.

„Goldene Zwanziger“ alles andere als golden

Eines ist der „Gut Greifenau“-Erfinderin aber überzeugend  in diesem Buch gelungen. Sehr bildhaft und beklemmend schildert sie die Situation verschiedener Gesellschaftsschichten während der Hyperinflation. Man kann es sich kaum vorstellen, dass man jahrelang Hunderte von Mark gespart hat und man am Ende nicht einmal ein Brot dafür bekommt. Die Goldenen Zwanziger Jahre waren nur für eine bestimmte Personengruppe wirklich Gold wert, Menschen wie Cornelius Urban zum Beispiel. Wer genug ausländische Währung besaß musste nichts entbehren. Dollar oder Naturalien waren das einzig wirksame Zahlungsmittel.                                                       

Meisterlich verbindet Hanna Caspian die fiktive Geschichte ihrer Charaktere mit den tatsächlichen Begebenheiten der Nachkriegszeit und dem Beginn der Weimarer Republik. Der Schreibstil ist dabei wie gewohnt leicht verständlich.                                                                                             

Das Buch ist in Kapitel unterteilt und umfasst den Zeitraum 1919 bis 1923. Jedes Kapitel ist mit dem entsprechenden Datum betitelt. Dabei finden sich mehr oder weniger große Zeitsprünge. Die Gestaltung des Covers reiht sich wunderbar in die optische Erscheinung der Vorgänger ein. Passenderweise hat Knaur diesmal bei der Beschriftung Goldschrift gewählt. Leider hat sich diese aber während des Lesens fast komplett abgegriffen.

Fazit:

Auch wenn „Goldsturm“ im Vergleich der schwächste Band der „Gut Greifenau“-Reihe ist, sollte man ihn trotzdem unbedingt lesen. Wenn man sich durch die etwas langatmig gehaltenen Stellen hindurch liest, bleibt in der Gesamtheit doch ein unterhaltsamer Lesegenuss übrig und am Ende ist man doch ein wenig traurig die vertrauten Personen zurückzulassen. Die beeindruckende bildhafte Schilderung rund um die Zustände der Hyperinflation machen die genannten Schwächen wett und man erwartet freudig den bereits angekündigten Teil fünf.

Gut Greifenau - Bd. 4: Goldsturm

Gut Greifenau - Bd. 4: Goldsturm

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