Die Hebamme und die tote Hure

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Lübbe, 2014, Titel: 'The Harot's Tale', Originalausgabe

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84

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Carsten Jaehner
Vom Hass der Hassprediger

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mai 2015

York, England, 1645. Als die Hebamme Bridget Hodgson und ihre Magd Martha an den Schauplatz eines Doppelmordes gerufen werden, zeigt sich ihnen ein grausames Schauspiel: Eine Hure und ihr Kunde liegen in verdächtiger Stellung da, stark verblutet und brutal verunstaltet. In den Händen halten Sie Zettel mit Bibelstellen, die Bridget erst zu Hause nachschlagen muss. Sie erweisen sich als Stellen, wo Huren angeprangert werden und der Tod ihre gerechte Strafe sein soll.

Aufgrund dieses Inhalts vermuten sie den Mörder im Umkreis des Hasspredigers Hezekiah Ward, der neuerdings in der Stadt ist und genau dieses Thema in seinen Predigten anprangert. Ward ist mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und dem Hünen Stubb überall in der Stadt unterwegs und findet immer mehr Anhänger, die seinen Worten Glauben schenken und nur zu gerne in seine Worte mit einstimmen.

Doch die beiden Leichen bleiben nicht die einzigen. Schon am nächsten Tag werden neue gefunden und Bridget soll wieder ihr Uteril als Hebamme abgeben. Gemeinsam mit ihrem Neffen Will versuchen sie und Martha, Licht in das Dunkel zu bringen, doch sie müssen sich beeilen, denn jeder neue Tag scheint neue Leichen zu bringen...

Reale Hauptfigur

Autor Sam Thomas lässt seine in Originalakten gefundene Hebamme Bridget Hodgson zum zweiten Mal ermitteln und scheut nicht vor Grausamkeiten zurück. Ein brutaler Hurenmörder geht um im York des Jahres 1645, und der Autor schickt sein im ersten Teil zusammengestelltes Erfolgsteam erneut los, um rätselhafte Fälle in der Stadt aufzuklären.

Dabei lässt er sich wie bereits im ersten Teil Zeit, bis die ersten Leichen auftauchen. Der Leser lernt einiges über Bridget und ihr Handwerk der Hebamme, über ihre Dienstmagd Martha, wobei auch hier noch einige Fragen offen bleiben, und auch die alte Magd Hannah bekommt ein wenig mehr Raum. Bei der Aufklärung hilft ihr zudem ihr Neffe Will, Sohn ihres Schwagers Edward Hodgson, Ratsherr und Bruder ihres verstorbenen zweiten Mannes. Will ist ein Tunichtgut, mit Gehbehinderung und Hang zur Flasche, daher bei seinem Vater nicht gut gelitten, und somit bevorzugt dieser seinen zweiten Sohn Joseph, der gegen seinen eigenen Bruder steht und ihm gerne in beruflicher Hinsicht als Stadtbüttel den Schneid abkauft.

Grausame Mordserie

Neben der Hetzerfamilie Ward stellt sich allerdings heraus, dass auch Joseph zu den Verdächtigen der Mordserie gehört, und so hat der Kriminalfall alles, was es für einen spannenden Kriminalfall benötigt: Genügend Verdächtige, eine nicht enden wollende Mordserie und dazu noch Probleme in der eigenen Familie, die sich scheinbar mit den Morden überschneiden. Überhaupt gibt die interessante Familienkonstellation einiges her, was sich in weiteren Bänden noch als interessant herausstellen kann. Wäre das nicht die reale Konstellation der historischen Bridget Hodgson, könnte man meinen, es sei übertrieben.

Neben den Ermittlungen wird Bridget immer wieder zu Einsätzen als Hebamme gerufen, wo sie nicht nur beim Entbinden hilft, sondern durch die Klatschtanten auch wertvolle Informationen erhält, die ihr noch nützlich sein können. Kaum zu glauben, dass diese anstrengende Arbeit für Bridget nahezu erholsamer ist als die Nachforschungen in den Mordfällen. Da sie durch ihre beiden Ehen auch eine Frau von Stand ist, sind "normale" Frauen auch gewissermassen verpflichtet, ihr Auskunft zu geben, auch wenn Bridget dieses Privileg nicht überreizt. Und dass ihre Erzfeindin Rebecca Hooke auch irgendwie ihre Finger mit im Spiel hat, verleiht dem Ganzen noch etwas mehr Würze.

Spannendes Ende

Der Fall selber ist leider nur mäßig spannend, da sich das Feld der vermeintlichen Täter schon bald auf die Familie Ward beschränkt und man gar nicht auf die Idee kommt, in andere Richtungen zu ermitteln. Das ist etwas schade und nimmt dem Leser einen Teil der Spannung, zumal diese Familie schon recht früh eingeführt wird und so ein Teil des Romans über weitere Strecken vor sich hin plätschert und Bridget nicht weiterkommt - wie der Leser auch, der über diese Wegstrecke auch nichts neues erfährt. Spannend und unerwartet wird es allerdings im Nachklapp des Aufklärens der Mordserie, wobei hier noch nichts darüber verraten werden soll. Der Leser sollte unbedingt dranbleiben und dieses unerwartete Ende mitnehmen.

Ausser Danksagungen hat der Verlag dem Roman leider keinerlei Anhänge zugestanden, was schade ist, würde man doch gerne mehr über die reale Bridget Hodgson erfahren. Hierzu kann man allerdings die Homepage des Autors bemühen, die dann sehr ausführlich in die Zeit, die Familie und die Gesamtkonstellation einführt. Ein Besuch kann man dem geneigten Leser sehr empfehlen.

Gerne hätte aus der Historie der Homepage einiges mehr in den Roman einfliessen dürfen, der, wenn es denn nicht tatsächlich diese Personen gegeben hätte, auch gerne in einer anderen Zeit hätte spielen können. Aber zu mehr Historizität ist ja in den Folgebänden noch genügend Zeit und Raum.

Am Ende bleibt ein Fall, der spannend und nicht spannend zugleich ist, den Leser aber an die Lektüre fesselt und durch seinen flüssigen Schreibstil schnell seine Fangemeinde finden wird. Der Roman bietet schöne und aufregende Unterhaltung für zwischendurch und kann auch ohne den ersten Teil gelesen werden. Mit dessen Kenntnis macht es aber mehr Spaß.

Die Hebamme und die tote Hure

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