Harald Gilbers

„Das wichtigste ist das eingehende Quellenstudium“

12.2015 Die Histo-Couch im Interview mit Harald Gilbers über seine Recherchen, seine Romane und Ariosophie.

Histo-Couch: Herr Gilbers, stellen Sie sich doch bitte zunächst unseren Leserinnen und Lesern vor.

Harald Gilbers: Ursprünglich komme ich vom Niederrhein, momentan hat es mich nach Süddeutschland verschlagen. Und wie es der Zufall so will, schreibe ich mittlerweile historische Krimis, die in Berlin spielen. An der Uni studierte ich unter anderem Literaturwissenschaften und Geschichte, doch ebenso wichtig für meine schriftstellerische Arbeit ist die vierzehnjährige Berufspraxis als Theaterregisseur.

Histo-Couch: Bevor wir zu Ihrem aktuellen Roman kommen, müssen wir kurz zurückblicken. „Germania“, Ihr erster Roman überhaupt, wurde für das beste Krimi-Debüt mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Wie groß war Ihre Überraschung?

Harald Gilbers: Schon die Nominierung kam für mich unerwartet. Beim Entwurf von „Germania“ schwebte mir ein groß angelegter Historienroman vor, der auch als Krimi funktionieren sollte. Durch den Kriminalfall bekommen die Leser einen Querschnitt der nationalsozialistischen Gesellschaft präsentiert. Da sich die Geschichte um einen verrückten Frauenmörder dreht, lag es nahe, dabei vor allem auf die verschiedenen Aspekte der damaligen Genderpolitik einzugehen.

Ich riskierte bewusst, reine Spannungsleser auf der Suche nach dem puren Thrill durch die detaillierte Beschreibung der Zeitumstände zu verprellen. Doch es war mein erster Versuch, einen Roman zu verfassen, also hatte ich nichts zu verlieren.

Ich nahm mir die Freiheit, genau das Buch zu schreiben, das ich selbst gerne gelesen hätte. Insofern war es für mich eine unverhoffte Bestätigung, dass der Roman nach seiner Veröffentlichung mit dem wichtigsten deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde.

Histo-Couch: Mit „Odins Söhne“ erschien dieses Jahr die Fortsetzung von „Germania“. Die Romane spielen im Sommer 1944 beziehungsweise Anfang 1945. Wie entstand die Idee, ausgerechnet einen jüdischen Kommissar im letzten Kriegsjahr ermitteln zu lassen und gab es für Richard Oppenheimer ein reales Vorbild?

Harald Gilbers: Als Schriftsteller versucht man, bei der Konstruktion eines Romans ein möglichst großes Konfliktpotenzial zu schaffen, denn ohne Konflikt gibt es bekanntlich auch keine Handlung. Und der größte denkbare Konflikt war für mich, einen jüdischen Kommissar zuerst gezwungenermaßen im Dienste der Nationalsozialisten, und später dann undercover agieren zu lassen. Es war auch eine erzählstrategische Entscheidung: Obwohl ich die verheerenden Auswirkungen der Luftangriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung schildern wollte, konnte ich damit stets präsent halten, dass die eigentliche Ursache dieses Krieges die verbrecherischen Taten des NS-Regimes waren. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung war zum Zeitpunkt des ersten Romans, 1944, längst in die Konzentrationslager transportiert worden, doch den nicht-arischen Partnern in einer so genannten 'Mischehe’ wurde es vorläufig noch gestattet, in gesonderten Judenhäusern zu leben. Anfang 1945 erfolgte dann die finale Verhaftungswelle.

Natürlich kannte ich das Göring zugeschriebene Zitat: „Wer Jude ist, bestimme ich“, das sich auf Generalfeldmarschall Milch bezog, von dem gemunkelt wurde, dass er Halbjude sei. Entgegen der offiziellen Parteilinie konnte es vorkommen, dass Personen mit einem jüdischen Hintergrund pro forma zu 'Ariern’ erklärt wurden, wenn sie dem Regime in irgendeiner Weise nützlich waren, doch es handelte sich dabei nur um extrem seltene Ausnahmefälle.

Es war mir recht früh klar, dass der Roman in der Endphase des Dritten Reichs spielen sollte. Da sich die meisten wehrfähigen Männer zu diesem Zeitpunkt im Krieg befanden, schien es zumindest denkbar zu sein, dass ein jüdischer Top-Kommissar a.D. zu einer wichtigen Untersuchung hinzugezogen wird, weil seine anderen Ex-Kollegen mit einer ähnlichen Expertise allesamt an der Front sind. Zwar kenne ich keinen Fall, in dem dies auch tatsächlich geschehen ist, doch ich wollte mit dem Gedanken spielen, unter welchen Umständen es eventuell möglich gewesen wäre.

Ein reales Vorbild für Oppenheimer gab es nur indirekt. Die ursprüngliche Ausgangsbasis war die fiktionale Figur des Kommissar Lohmann, der in den von Fritz Lang inszenierten Spielfilmen „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“ in Erscheinung tritt, und der wiederum von dem legendären Berliner Mordkommissar Ernst Gennat inspiriert wurde. Ich stellte mir die Frage, wie das Schicksal von jenem Lohmann in den folgenden Jahren wohl ausgesehen hätte, wenn er jüdischen Glaubens gewesen wäre.

Histo-Couch: In den letzten Kriegsmonaten versucht Oppenheimer unter dem Namen „Hermann Meier“ den Nazis zu entkommen. Wie realistisch schätzen Sie dieses Szenario ein? Hätte ein echter „Oppenheimer“ entfliehen können?

Harald Gilbers: Obwohl die Anonymität der Großstadt einen gewissen Schutz bot, war es höchst riskant, im Untergrund sein Leben zu fristen. Es wird angenommen, dass in Berlin während der NS-Zeit 5.000 Juden untergetaucht sind, von denen nur etwa 1.400 mit Hilfe nichtjüdischer Freunde und Nachbarn überleben konnten.

Die Schilderung des untergetauchten Oppenheimer orientiert sich an den Tagebüchern von Ruth Andreas-Friedrich. Ebenso wie ihr damaliger Schützling Konrad Latte gelangt er an neue Papiere, weil er sich als Ausgebombter meldet und kommt zudem bei einer Bank als Nachtwächter unter. Latte hat das Nazi-Regime tatsächlich überlebt, doch eine Verkettung unglücklicher Umstände konnte jederzeit dazu führen, dass die Deckung aufflog. Es war zum Großteil auch vom Zufall abhängig, wer letztendlich überlebte.

Histo-Couch: War „Hermann Meier“, bekanntlich ein Spottname für Göring, die willkommene Steilvorlage, um die ganze Idiotie ihrer Zeit zu verbildlichen? Auch eine markante Szene, in der Oppenheimer als neues Mitglied im Volkssturm bei einer Übung versehentlich (tatsächlich natürlich mit Absicht) einen Schuss abgibt, obwohl die Munition – sofern überhaupt noch vorhanden – stark rationiert war, hat ja einen satirischen Charakter; wenngleich einem natürlich vor dem gegebenen Hintergrund das Lachen im Hals stecken bleibt.

Harald Gilbers: Bei diesen Beispielen ging es mir natürlich um eine ironische Zuspitzung. Das erschien mir als eine treffende Methode, um den Lesern trotz der großen Tragik auch den Irrwitz der damaligen Lebensumstände nahezubringen.

Ich denke, dass solche Elemente erst dann richtig funktionieren, wenn sie dicht nebeneinandergestellt werden, sodass der Kontrast sichtbar wird. Es gibt in meinen Romanen ausführliche Schilderungen der Bombenschäden, aber gleichzeitig blitzt auch immer wieder der zynische Humor der Berliner Bevölkerung auf. Selbst bei der Volkssturm-Episode brauchte ich kaum übertreiben. Die dumpfen Durchhalteparolen klingen zwar hoffnungslos überzogen, doch sie basieren allesamt auf Originalquellen, die an sich bereits eine Realsatire waren.

Histo-Couch: Auffällig ist, dass Sie neben dem eigentlichen Krimi-Plot den damaligen Lebensverhältnissen sehr viel Raum geben. Man fühlt sich von Beginn an in die Zeit versetzt, so als wäre man hautnah dabei. Wo und wie haben Sie recherchiert, um dieses „Gefühl“ derart intensiv und detailliert vermitteln zu können?

Harald Gilbers: Die Recherchen nehmen viel Zeit in Anspruch. Auch das eigentliche Schreiben der Romane gestaltet sich langwierig, weil ich nahezu auf jeder zweiten Seite irgendein Detail verifizieren muss. Unter diesen Voraussetzungen ist es sehr schwierig, überhaupt in den Schreibfluss zu kommen. Das Wichtigste ist natürlich das eingehende Quellenstudium. Außerdem versuche ich stets, die Schauplätze persönlich in Augenschein zu nehmen, damit ich später die jeweilige Atmosphäre schildern kann. Allerdings muss man hier berücksichtigen, dass sich gerade das Stadtbild von Berlin sehr stark verändert hat, sodass man teilweise vor Ort nichts mehr vorfinden kann.

Sekundärliteratur ist für die grobe Orientierung hilfreich, doch um wirklich in die Zeit eintauchen zu können, benötige ich vor allem Primärquellen wie Tagebücher, Bildmaterial und alte Zeitschriften. Sehr hilfreich sind auch die bei Google Earth verfügbaren historischen Luftaufnahmen der Stadt Berlin. Dort lässt sich erkennen, welche Straßenzüge zerstört waren, sogar einzelne Bombenkrater sind auszumachen. Bei der Dialoggestaltung lasse ich mich von deutschen Spielfilmen aus den Dreißiger und Vierziger Jahren inspirieren. Natürlich sind Filmdialoge eine Kunstsprache, doch sie zeigen, welche umgangsprachliche Redewendungen damals akzeptiert wurden. Gelegentlich muss ich diese Fundstücke noch ein wenig an den heutigen Sprachgebrauch anpassen, damit sie für den Leser verständlich werden.

In der Vorbereitungszeit erstelle ich erst einmal ein Kalendarium, in dem ich notiere, was an welchem Tag in Berlin geschehen ist. Außerdem bin ich immer auf der Suche nach kleinen, manchmal nebensächlichen Details, um sie später im Roman einzubauen. Wenn man als Autor zum Beispiel weiß, dass die öffentlichen Telefonzellen damals rot angestrichen waren, kann man sofort ein klar definiertes Bild liefern.

Dass sich die Leser bei meinen Romanen (hoffentlich) in die Zeit hineinversetzt fühlen, liegt wohl auch an meiner Theaterpraxis. Ich bin persönlich sehr stark visuell orientiert. Ehe ich eine Handlung beschreiben kann, muss ich zunächst exakt wissen, wie der Schauplatz aussieht. Die Schilderungen erfolgen meistens in der Perspektive einer handelnden Figur. Also versuche ich, mich in die Lage dieser Person hineinzuversetzen und lasse sie dann mit der Umwelt interagieren. Dieser Arbeitsschritt hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schauspielern auf der Bühne. Ein spezieller Fall ist jedoch, wenn sich meine Hauptfiguren Hilde und Oppenheimer miteinander unterhalten. Diese Charaktere sind für mich so klar umrissen, dass sie geradezu ein Eigenleben führen. Es reicht für mich schon aus, sie einfach auf die imaginäre Bühne zu stellen. Ich brauche dann nur noch mitschreiben.

Histo-Couch: Kommen wir zu „Odins Söhnen“. Wie kam es dazu, den Aspekt der (vermeintlichen) Verehrung eines uralten Kultes, in dem die germanische Schöpfungsgeschichte des „Codex Regius“ eine wichtige Rolle spielt, in die Handlung einzubeziehen?

Harald Gilbers: Das Thema der ariosophischen Sekten kam erst während der Recherchen hinzu. Beim Sichten der Quellen gewann ich den Eindruck, dass die Endphase des Dritten Reichs von einer extrem starken Irrationalität geprägt war. Wiederholt wurde der 'Glaube an den Sieg’ beschworen. Es wurde damit argumentiert, dass man mit der richtigen heldenhaften Einstellung immer noch eine Kriegswende erzwingen könne. Angesichts der Tatsache, dass die deutsche Heeresführung damals kaum noch einen Tropfen Benzin für die Panzer übrig hatte, war diese Vorstellung natürlich aberwitzig.

Von den ariosophischen Kulten hatte ich zum ersten Mal während des Geschichtsstudiums gehört. Diese Sekten entstanden, als es in der k. u. k. Doppelmonarchie Auflösungserscheinungen auftraten. Die deutschsprachige Bevölkerung Österreichs hatte Furcht vor einer Überfremdung und fühlte sich von der katholischen Kirche verraten und so entstand eine Subkultur, die es sich zum Ziel erklärte, die altgermanische Religion neu zu interpretieren. Das meiste davon war freilich pure Phantasterei ohne jeglichen Bezug zur tatsächlichen Geschichte und die Anhängerschaft war auch nicht sonderlich groß. Doch interessanterweise lassen sich dort bereits viele Vorstellungen finden, die später zum Kern der nationalsozialistischen Ideologie gehörten. Allerdings ist umstritten, ob die ariosophischen Kulte zu den Wurzeln des Nationalsozialismus gehören, oder ob sie nur aus denselben Quellen schöpften.

Jedenfalls hat mich das irrationale Element in den letzten Monaten des Dritten Reichs stark an die Phantastereien der Ariosophen erinnert und so kam ich auf die Idee, in der Endphase des Dritten Reichs rückblickend die Anfänge dieser Ideologie zu beleuchten.

Histo-Couch: Was können und wollen Sie uns denn schon zum dritten Teil verraten?

Harald Gilbers: Der dritte Teil beginnt während der endgültigen Apokalypse in Gestalt der heranrückenden Roten Armee. Der Hauptteil der Handlung spielt in dem kurzen Zeitraum, in dem sich Berlin unter russischer Alleinverwaltung befand. Oppenheimer findet sich in einer völlig neuen Welt wieder und hat keine Ahnung, wem er überhaupt vertrauen kann. Sein Gerechtigkeitssinn wird auf eine schwere Prüfung gestellt.

Und natürlich erzähle ich, wie es mit Hilde weitergeht. Ursprünglich hatte ich für Odins Söhne einen Schluss vorbereitet, mit dem dieser Handlungsstrang fein säuberlich abgeschlossen wurde. Doch während der Recherchen zum dritten Roman wurde recht schnell klar, dass die Handlung bereits im April 1945 einsetzen wird. Also erschien es sinnvoller, das alles chronologisch zu erzählen.

Histo-Couch: Eine letzte Frage: Wenn man sich für die Epoche der Weltkriege interessiert, welche historischen Romane würden Sie unbedingt (neben „Germania“ und „Odins Söhne“) empfehlen?

Harald Gilbers: Zu meinen Favoriten gehört unter anderem „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ von Erich Maria Remarque. Der Roman spielt in den letzten Tagen des Dritten Reichs. Es geht darin um einen jungen Soldaten auf Fronturlaub in einer Heimat, die er kaum noch wiedererkennt. Vor allem die eindringliche Atmosphäre ist beeindruckend, obwohl sich Remarque zu dieser Zeit bereits im US-Exil befand.

Höchst interessant ist auch der unlängst wiederveröffentlichte Roman „Finale Berlin“ von Heinz Rein. Unmittelbar nach dem Kriegsende geschrieben, strotzt dieses Buch geradezu vor Authentizität. Doch auch hier muss man als kritischer Leser vorsichtig sein, denn manche Details wie zum Beispiel die Sprengung des S-Bahn-Tunnels unter dem Berliner Landwehrkanal wurden von Rein nicht korrekt wiedergegeben.

Am lebhaftesten ist mir jedoch „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers in Erinnerung geblieben. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Roman als Schullektüre kennenlernte. Er handelt über die dramatische Flucht von sieben KZ-Insassen. Literarisch erstklassig und hochgradig spannend ein exemplarischer Roman in jeder Hinsicht.

Histo-Couch: Herr Gilbers, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg!

Das Interview führte Jörg Kijanski.