Endzeit

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2017, Titel: 'Endzeit', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Jörg Kijanski
Die Russen übernehmen Berlin

Rezension von Jörg Kijanski Mai 2017

Das Kriegsende in Europa steht unmittelbar bevor, doch noch sind die Russen nicht im Zentrum Berlins angekommen. Ex-Kommissar Oppenheimer und seine Frau Lisa verstecken sich im Gärkeller einer stillgelegten Brauerei, die zwischenzeitlich dem Ganoven Ede als Versteck für seine Waren dient. Nur in Notfällen traut sich Oppenheimer raus, beispielsweise dann, wenn es gilt, unter Einsatz seines Lebens neues Wasser zu besorgen. Mit Dieter findet ein weiterer Mann Unterschlupf im Keller. Wenig Zeit später beobachtet Oppenheimer wie Dieter im Keller eines Nachbargebäudes ermordet wird. Kurz darauf wird Oppenheimer entführt und macht so die Bekanntschaft mit dem russischen Oberst Aksakov, da man Oppenheimer für Dieter hielt. Als Oppenheimer zu Lisa zurückkehrt, muss er feststellen, dass diese von einem Russen vergewaltigt wurde und er sinnt fortan auf Rache. Doch zunächst will Ede, dass der Kleinganove Manni gefunden wird, denn dieser weiß, was sich in dem geheimnisvollen Koffer befand, den Dieter ständig bei sich trug. Auch die Russen um Aksakov sind hinter dem Koffer her und so kreuzen sich Oppenheimers und Aksakovs Wege erneut. Oppenheimer wird zu einer begehrten Spielfigur, denn in dem Koffer befand sich wichtiges Material, das angeblich bei den Atomplänen der Nazis eine Rolle spielte. 

Verwirrung so weit das Auge reicht

Nach Germania und Odins Söhne legt Harald Gilbers seinen dritten Roman aus der Kommissar-Oppenheimer-Reihe vor. Dieser spielt zwischen dem 20. April und dem 7. August 1945. Einmal mehr besticht auch dieser Roman durch seine eindringliche Atmosphäre, ohne dass es dabei zu nennenswerten Längen kommt. Im Gegenteil, man fiebert im Keller ebenso mit wie bei der späteren Flucht von Oppenheimer und Lisa quer durch Berlin mit dem Ziel Ku'damm, wo Schmude zwischenzeitlich ein Modegeschäft betrieb. Schmude ist den Lesern der Reihe als früherer Anwalt von Hilde von Strachwitz bekannt, die in Odins Söhne zum Tode verurteilt wurde. Seitdem machen sich Oppenheimer und Lisa große Sorgen, doch so viel wird schnell im Roman verraten - es gibt ein Wiedersehen. So sind nicht wenige Nebenfiguren unbekannt und deren Sorgen und Nöte wollen ebenfalls erzählt werden. Oppenheimer hat alle Hände voll zu tun und auch der Leser ist zeitweise damit beschäftigt, den Überblick zu behalten.

Das große Plus ist jedoch der großartige Erzählstil des Autors. Berlin liegt 1945 in Trümmern, der Einmarsch der Russen steht unmittelbar bevor und damit einhergehend beispiellose Plünderungen und Schändungen; Lisa ist keineswegs die Ausnahme.

 

"Vorerst gibt es keine klaren Richtlinien. Selbst im Magistrat wird schon darüber diskutiert, obwohl Abtreibungen ein verflucht verfängliches Thema sind. Es gibt für die Schändungen jetzt auch eine offizielle Bezeichnung: Zwangsverkehr wird es genannt. Klingt schön bürokratisch, nicht wahr? Stadtrat Sauerbruch will Abtreibungen im Falle einer Vergewaltigung dulden, aber der Widerstand ist groß. Für die Katholiken ist ein Schwangerschaftsabbruch unter allen Umständen eine Sünde, und die Sowjets leugnen, dass es überhaupt Vergewaltigungen gegeben hat. Das passt halt nicht zu ihrem Weltbild."

 

Zudem herrscht Wassermangel, Lebensmittelkarten sind kaum das Papier wert. Das S- und U-Bahnnetz ist weitgehend funktionslos, die Stromversorgung eher sporadisch. Zudem erfüllt zunehmend der Verwesungsgeruch herumliegender Leichen die Stadt. Oppenheimer organisiert und improvisiert so gut er eben kann, droht jedoch zwischen den zahllosen Fronten, die seinen Einsatz fordern, zerrieben zu werden.

Der Einmarsch der Russen, die damit einhergehende massenhafte Schändung deutscher Frauen, obwohl offiziell von Stalin verboten und das atomare Wettrüsten der Weltmächte einschließlich der Versuche, die führenden Forscher für sich zu gewinnen, sind einige der wichtigen Hintergründe, die der Autor thematisiert. Dazu kommen häufig wechselnde Szenarios aus verschiedenen Perspektiven, gute Cliffhanger und reichlich Action. Das Milieu wird ebenfalls lebendig porträtiert, wobei meist (passenderweise) im Berliner Dialekt gesprochen wird. Alles in allem einmal mehr ein ebenso farbenprächtiges wie düsteres Leseerlebnis. 

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