Michael Wilcke

„Wenn ich an historischen Orten bin, wird es mir immer ein bisschen kribbelig”

01.2014 Einen Tag nach dem Sturm Xaver traf Chefredakteur Carsten Jaehner den Autor Michael Wilcke auf dem Weihnachtsmarkt in Münster, dem Ort, in dem sein aktueller Roman „Die Frau des Täuferkönigs” spielt, zum Interview. Lesen Sie, was passiert, wenn ein Münsteraner und ein Osnabrücker später in einem spanischen Restaurant miteinander sprechen.

Histo-Couch: Herr Wilcke, wie sind Sie auf das Thema Ihres neuen Romans gekommen?

Michael Wilcke: Die Idee kam eigentlich schon bei den Recherchen zu “Die Falken Gottes”, das war so um 2006, ist also schon einige Jahre her. Und wenn man sich mit der Geschichte Münsters beschäftigt – „Die Falken Gottes” spielt ja fast 100 Jahre später – dann kuckt man ein bisschen näher rein in die Geschichte Münsters und kommt dann an der Geschichte mit den Täufern auch nicht vorbei. Und dieses Thema war so schillernd und so interessant, dass damals schon die Idee kam, dass man dies mal als Thema für einen Roman nehmen könnte. Wenn man Romane plant, dann ist das ja immer sehr weitläufig. Als ich “Die Falken Gottes” geschrieben hatte, hatte ich im Hinterkopf schon das nächste, „Der Bund der Hexenkinder”, und ich dachte, dann wäre das so das übernächste. Das ist also so eine Sache von mehreren Jahren. Aber ich bin immer irgendwie an den Täufern drangeblieben, habe was darüber gelesen, auch Romane, wo das so am Rande vorkam. Aber für mich stand ziemlich schnell fest, das wird mein Thema. Ich habe das dann dem Verlag vorgestellt, die fanden das auch gut und interessant.

Histo-Couch: Und gerade in Münster ist das ja neben dem Dreißigjährigen Krieg auch DAS historische Thema.

Michael Wilcke: Ich habe dann auch mal in Osnabrück Kollegen bei der Zeitung gefragt, da ist die Geschichte mit den Täufern nicht mehr so bekannt. Die wissen vielleicht noch irgendwas mit den Käfigen (die originalen Käfige, in denen die toten Körper der drei Haupträdelsführer der Täufer zur Schau gestellt wurden, hängen immer noch am Turm der Lambertikirche in Münster, Anm. d. Red.), aber viel ist eigentlich nicht mehr darüber bekannt, wohingegen in Münster das Thema ja sehr viel präsenter ist.

Histo-Couch: Ja, weil man ja jeden Tag die Käfige sieht. Die Täuferbewegung in Münster hat ja nur eineinhalb Jahre gedauert. Hatte die Bewegung überhaupt eine Chance, dass sie sich mit ihrem “Neuen Jerusalem” durchsetzt?

Michael Wilcke: Die Menschen damals haben das wahrscheinlich wirklich geglaubt. Sie hatten sich ja unter der Vorraussetzung verschanzt, weil sie geglaubt haben, dass dieses großgöttliche Strafgericht irgendwann kommt. Sie waren so überzeugt davon, dass ihr erster Anführer, Jan Mathys, mit um die zwanzig Männern aus Münster herausgeritten ist und gegen die tausende Leute des Bischofs kämpfen wollte, weil sie fest davon überzeugt waren, dass Gott die alle niederstreckt. Er ist dann aufgespiesst und zerstückelt worden. Aber da werden die schon drauf gebaut haben. In dem Buch ist es so ein bisschen meine eigene Andeutung, dass dieser Jan Bockelson das auch genießt, so ein bisschen gebauchpinselt zu werden. Ob er nun wirklich hundertprozentig von allem überzeugt war oder ob da auch ein bisschen Schauspielerei dabei war, sei mal dahingestellt, das weiß man heute nicht mehr. Aber unter dieser Vorraussetzung, das große Strafgericht kommt und wir hier in Münster sind die einzigen, die ohne Sünde sind und die davon geschützt werden, werden sie sich auch ein bisschen was ausgerechnet haben. Zumindest vielleicht das Fußvolk.

Histo-Couch: Die Hauptperson in Ihrem Roman ist der Ich-Erzähler Emanuel Malitz, ein Gaukler, der gefälschte Reliquien verkauft. Er macht eine Art Entwicklung durch, er macht sich und anderen etwas vor, macht nicht zukunftsweisendes, und wird dann aber selbst aktiv.

Michael Wilcke: Zur damaligen Zeit ging es ja hauptsächlich erst mal ums Überleben. Es sind ja Leute am Rande der Gesellschaft, die sich ihre Steckenpferde geschaffen haben. Der Malitz mit seinem Reliquienverkauf, der Reynold mit seinen Getränken, die nichts bewirken. Sie sind schon so kleine Diebe, ich sag mal, so liebenswerte Betrüger, die nichts wirklich Böses machen. Also, sie bringen keine Leute um, das sind keine Wegelagerer, aber wenn die Hunger haben, dann klauen die auch mal und versuchen, irgendwelche Leute hinters Licht zu führen oder zu betrügen. Ob er jetzt am Ende unbedingt geläutert ist, das will ich gar nicht sagen. Es war ja das erste Mal, dass er wirklich um sein Leben fürchten muss. Aber sie gehen ja weiterhin auf Fahrt und haben ihrem Leben ja nicht abgeschworen.

Histo-Couch: Wie spricht man diesen Namen aus: „Clunsevoet”?

Michael Wilcke: Also, ich sag immer “Klunsefoht”.

Histo-Couch: Das ist wahrscheinlich so ein westfälisch-niederländisches Gemisch?

Michael Wilcke: Ich habe den Namen mal irgendwo aufgeschnappt, aber fragen Sie mich jetzt nicht, wo. Zu dieser Zeit hatten wohl viele Leute in Münster solche „komischen” Namen. Oft sind es bei mir unsympathische Charaktere, die ein “u” oder „o” oder ein “r” im Namen haben.

Histo-Couch: Und dieser Clunsevoet, ist er unsympathisch?

Michael Wilcke: Im Unterschied zu meinen anderen Büchern ist dieses eigentlich das erste Buch, das keinen richtig fiesen Bösewicht hat. Unsympathen sind wohl einige da, aber keine richtigen Bösewichte. Das ist eine Entscheidung. Und in diese Reihe reiht sich auch der Clunsevoet ein. Er ist nicht unbedingt sympathisch, so hab ich ihn nicht beschrieben und empfunden. Ob er Emanuel und die anderen jetzt wirklich getötet hätte, das überlasse ich der Fantasie des Lesers.

Histo-Couch: Problem 1 in dem Buch ist: Wie komme ich in das belagerte Münster rein. Problem 2 ist: Wie komme ich nachher wieder heraus. Wie realistisch ist das ganze? War es wirklich so abgeschottet und unmöglich?

Michael Wilcke: Was ganz interessant ist: Das Buch spielt, als die Belagerung schon vier, fünf Monate andauert, und es ist schon die Zeit, wo sie sich wirklich abschotten, wo der Bischof wirklich sagt, wir machen hier jetzt dicht. Vorher, als die Armee aufmarschiert ist, war das noch viel freier. Die Leute sind rausgegangen aus Münster und haben Handel betrieben, oder die Landsknechte sind noch mal rein nach Münster. Das ist irgendwie komisch, aber das ist wirklich so gewesen. Und zu dieser Zeit waren die Strassen schon abgeschnitten, und das fand ich für den Roman auch besser, so dass es wirklich das Problem ist, wie komme ich nach Münster rein. Sie stehen wirklich vor der Stadt und denken, jetzt brauchen wir wirklich einen, der sich was ausdenken kann. Ich wollte dieses Problem für Emanuel haben.

Histo-Couch: Gibt es ein reales Vorbild für die Geschichte? Oder ist das frei erfunden?

Michael Wilcke: Sie ist frei erfunden, aber viel drum herum ist real. Zum Beispiel das mit der Erdwalze, das soll wirklich so gewesen sein. Auch dass es geregnet hat und die Stadt fast zerflossen ist. Manchmal lese ich so was und dann denke ich, die Erdwalze willst du mit drin haben, da machst du eine Szene draus. Für das Flair dieser Belagerung ist das wichtig. Das ist nicht unbedingt so wichtig für den Lauf der Geschichte, aber ich fand das eine tolle Szene für den Leser.

Histo-Couch: Wie ist generell die Quellenlage zu der ganzen Geschichte?

Michael Wilcke: Ich habe vier, fünf Bücher, aus denen ich recht viel Informationen ziehen konnte, darunter auch antiquarische. Es gibt auch ein Buch, nach dem dieser Film „König der letzten Tage” (ein ZDF-Zweiteiler von 1993 mit Christoph Waltz als Jan van Leyden, Anm. d. Red.) gedreht worden ist, das war auch eine sehr gute Quelle. Das hat auch einen grossen Fußnotenanteil, wo ganz viele Fakten drinstanden. Die Hauptquelle von Münster – das bin ich auch schon mal gefragt worden, ob das alles denn auch wahr ist - …Es war ja so, nachdem die Münsteraner alle anderen Bürger, die sich nicht taufen lassen wollten, ausgewiesen haben, haben sie die Stadt dicht gemacht, dann waren nur noch die Täufer drin. Da lebten die in ihrer eigenen kleinen obskuren Welt. Danach gab es einen – Kerssenbroich oder so ähnlich – der ist als Jugendlicher mit vertrieben worden und hat sich Jahre später – zwanzig, dreißig Jahre später – hingesetzt, um diese Geschichte aufzuschreiben und hat auch noch Leute gefunden, die hier Augenzeugen waren und die er befragt hat. Das Manko daran ist vielleicht, dass er ein sehr verbissener Katholik war, von daher hat er den Täufern bestimmt nichts gutes angedeihen lassen. Er hat es also eher in die Richtung verfasst, dass alles schlecht war. Es gab auch noch einen, der die Täufer letztendlich an den Bischof ausgeliefert hat, der die Parolen verraten hat, irgend ein Schreiner, der dann übergelaufen ist. Und der hat auch darüber erzählt, was in der Stadt gewesen ist. Aber der hat natürlich auch dem Bischof alles erzählt, was der wissen wollte, der hat auch nicht mehr gesagt, dass da alles toll gewesen ist. Also, diese beiden letzten Quellen, die haben doch wohl noch einiges festgehalten, was wirklich passiert, zum Beispiel, als alle parat stehen und sagen, wir wollen raus, was auch im Buch vorkommt. Ob das wirklich auf dem eigenen Mist von Dusentschur gewachsen ist und Jan Bockelson das im letzten Moment noch abwenden konnte, das hab ich nun wieder hinein interpretiert, aber ich finde, das könnte so sein. Warum sollte der dem Bockelson so was eingetrichtert haben? Das war ja im Grunde lächerlich, der kommt dann da auf seinem Paradepferd und sagt “Abgesagt, schön dass ihr alle da ward, ich zähl auf euch!” Solche Sachen reime ich mir so ein bisschen zusammen. Also, das sind die Informationen, die ich aus diesen Büchern herausgefiltert habe. Ich war sehr erfreut, dass ich diese Bücher gefunden habe. Das ist ja auch immer die Vorraussetzung, wenn man anfängt zu recherchieren, ob man genug Material findet, um diese Zeit wirklich lebendig auferstehen zu lassen. Wenn man jetzt wirklich gar nichts findet – man kann sich nun wirklich nicht alles ausdenken.

Histo-Couch: Verwenden Sie viel Zeit auf das Quellenstudium?

Michael Wilcke: Nun, es gibt vielleicht Autoren, die da noch akribischer sind als ich. Ich verwende eigentlich viel Zeit auf den Plot und den Spannungsbogen. Ich bereite ein Buch eigentlich vor, indem ich es mehrere Teile aufteile, dann setze ich es in Kapitel, so dass ich weiß, ich habe eine logische Handlung. Die Motivation der Figuren ist da und was da passiert ist schlüssig. Und dann gibt es vielleicht auch emotionale Szenen, wo sind die Höhepunkte, vielleicht auch dramaturgisch, wo ist Action. Dann mache ich eine Grobrecherche und dann gehe ich nach den Abschnitten vor, damit ich das besser im Blick habe. Manchmal schreibe ich dann doch erst, weil ich noch nicht zur Recherche gekommen, das ist mir beim „Täuferkönig” schon mal zum Verhängnis geworden. Ich hatte einen ganz anderen Anfang, es ging um den Einbruch in ein Leprahaus, ein Leprosorium. Emanuel plant einen Raubzug, mit Maske aus Pferdedung und so weiter. Ich hatte immer angenommen, ein Leprahaus sind immer so sechzig, siebzig Leute, wie eine grosse Kolonie, da geht er rein und fällt auch gar nicht so auf. Dann habe ich angefangen zu schreiben, und es ging darum, dass er einen alten Mann, der da lebt und seinen ganzen Beutel mit Gold dabei hat, trifft, und dessen Sohn will, dass sie das Gold da rausholen, weil der Vater da eh nichts mehr mit anfangen kann. Die Szene habe ich geschrieben, und dann bin ich nach Münster-Kinderhaus, da gibt es ein Lepramuseum, und musste da feststellen, dass in diesen Leprahäusern immer nur sechs bis acht Leute gelebt haben. Und dann dachte ich, ach du liebe Güte, der Emanuel kommt da rein und da erkennt doch jeder sofort, dass er nicht dazu gehört. Und dann habe ich noch erfahren, dass Leute, die ins Leprahaus kamen, ihr ganzes Vermögen abgeben mussten und die wurden dann bis zu ihrem Lebensende dort versorgt. Von daher gab es auch keinen Grund, dass dieser Alte da sein ganzes Geld mit reinnimmt. So kam also alles irgendwie zusammen, und ich konnte mich nicht mehr dazu entschliessen, dieses erste Kapitel so zu lassen. Ich hatte es schon komplett getippt, das waren so dreißig, vierzig Seiten, drei bis vier Wochen Arbeit für die Katz, aber im Endeffekt muss man die Arbeit dann auf sich nehmen. Für das Buch. So einen halb ausgegorenen Anfang kann ich dann auch nicht haben, das geht dann auch gegen meine “Autorenehre„.

Histo-Couch: Das heißt, Sie recherchieren auch viel vor Ort?

Michael Wilcke: Ja sicher. Ich bin zum Beispiel für “Bund der Hexenkinder” zehn Tage unterwegs gewesen, in Salzburg. Auch in Magdeburg war ich ein paar Tage. Ich bin schon immer gerne vor Ort. Für „Die Falken Gottes” habe ich auch die Schlachtfelder noch mal abgefahren, obwohl da auch nicht mehr viel zu sehen ist. Manchmal geht es auch einfach darum, Entfernungen abzuschätzen, wie lange die da Laufen für eine Strecke oder so. Aber ich würde jetzt nicht unendlichen Aufwand dafür betreiben. Also, sagen wir mal, ich hätte etwas, das in Afrika spielen würde, da würde ich wohl eher nicht hinfahren.

Histo-Couch: Sie schreiben viel aus der Gegend Münster-Osnabrück. Merken Sie die “Konkurrenz” zwischen diesen beiden Städten? Man sagt ja, Münsteraner und Osnabrücker mögen sich nicht besonders.

Michael Wilcke: Also ich habe so den Eindruck, Osnabrücker fahren nicht so oft nach Münster. Also, im Sinne von „Ach ja, in Münster war ich auch schon mal, vor fünfzehn Jahren oder so”. Ich kann es aber nicht einschätzen, wie das mit den Münsteranern ist, dafür kenne ich zu wenig Münsteraner. Ich finde, beide Städte haben schon etwas gemeinsam, sie sind irgendwie doch verbunden durch den Westfälischen Frieden. Ich war auch überrascht, dass Münster das in punkto Tourismus noch mehr ausschlachtet als Osnabrück. Was hier an Bussen angekarrt wird und was hier an Menschen durchgeschleust wird …

Histo-Couch: Als Münsteraner ist man eher erstaunt, dass Osnabrück das nicht tut …

Michael Wilcke: Wir haben ja auch den Friedensplatz, den Platz vor dem Rathaus. Das ist mir vorher nie so aufgefallen, aber erst, nachdem ich jetzt wieder ein paar Mal in Münster war, auch am letzten Wochenende, da war ich mit einer Freundin noch mal hier. Wir waren auch im Rathaus – da muss man Eintritt bezahlen für den Friedenssaal, das kenne ich gar nicht aus Osnabrück! Wir würden es nicht wagen! Da ist also schon ein kleiner Unterschied zwischen den Städten. Ich hatte nie was gegen Münster, bei mir ist das nicht so ausgeprägt. Aber eine kleine Rivalität gibt es wahrscheinlich schon, das ist ja auch nichts schlimmes.

Histo-Couch: Sie schreiben aber schon viel über Themen hier aus der Region? Oder sind da noch andere Gegenden?

Michael Wilcke: Ich habe es bis jetzt immer so gehalten, dass ich abwechselnd schreibe, einmal regional, einmal nicht regional. “Die Falken Gottes” war regional, „Der Bund der Hexenkinder” war mehr Süddeutschland, “Die Frau des Täuferkönigs” war wieder regional, also, wenn das so weitergeht, wird das nächste Buch dann wieder nicht regional. Nach jetzigem Stand. Ich möchte also gerne beides bedienen. Regional war es also sehr erfolgreich in Osnabrück, da dachten alle, ob ich jetzt eine Fortsetzung von „Hexentage” mache, aber das war auch irgendwie klar, dass das so sein würde. Es wäre mir dann aber auch irgendwie zu eng, wenn ich nur Osnabrücker Geschichten schreiben sollte. Ganz viele Leute sagen immer so, ich wüsste noch was hier aus der Region. Beim “Glasmaler und die Hure” hat es mich einfach gereizt, als Nachfolgebuch schon im Dreißigjährigen Krieg zu bleiben, ich hatte mich ja auch inzwischen eingelesen. Und ich habe es damals wirklich genossen, diese Szenen zu schreiben in „Hexentage”, das spielt fast komplett in Osnabrück, aber zum Ende muss der Held in so ein schwedisches Kriegslager, und das hat richtig Spaß gemacht. Nachdem ich so lange Zeit mit dem Helden in Osnabrück war, hatte ich das Gefühl, jetzt wird es ein historischer Roman, mit diesem Feldlager und den Zuständen da. Und das war so der Ursprung, wo ich dachte, das wäre was für das nächste Buch, da musst du mal so richtig was machen mit Dreißigjährigem Krieg, und ich will nicht nur regional, sondern auch überregional schreiben. Und dann kam der “Glasmaler”, da fragte dann der Verlag, ob wir noch mal was regionales machen können. Man kam schnell auf den Westfälischen Frieden, was ja im Grunde auch ein grosses Thema ist. Ich wollte jetzt kein Buch über die Friedensverhandlungen schreiben, es sollte ja auch eine lebendige Geschichte rein. So wurde es also wieder regionaler. Und dann wollte ich noch was zum Thema Hexenverfolgung machen, aber kein zweites „Hexentage”, und da fand ich dann die Geschichte der Kinder sehr interessant, und die war eben aus Süddeutschland. Und so kommt mal das eine, mal das andere.

Histo-Couch: Wenn sie die Möglichkeit hätten oder sich die Möglichkeit ergeben würde, zur Zeit der Täuferbewegung in Münster gewesen zu sein, würden sie das machen?

Michael Wilcke: Einen Tag könnte ich mir vorstellen, da unauffällig in Münster zu sein und den Mund zu halten und nichts zu sagen. Wenn ich jetzt so durch Münster laufe, denke ich immer, so war das auch vor fünfhundert Jahren.

Histo-Couch: Wird man da wirklich so ein bisschen kribbelig, wenn man denkt, genau hier, wo ich jetzt stehe, da haben sie vor fünfhundert Jahren den Wiedertäufern die Köpfe abgehauen?

Michael Wilcke: Ich habe oft diese Gedanken, gerade dann, wenn ich mich mit einer Stadt beschäftige, und mich in das Thema reinlese. Das gewinnt wirklich für mich, weil ich dann wirklich mit anderen Augen durch die Stadt gehe und die historischen Punkte suche. Magdeburg für den “Glasmaler” ist so ein Beispiel, da hatte ich nie einen Bezug zu, das hätte ich wahrscheinlich langweilig gefunden. Da gibt es den Dom, aber nichts sonst an historischem. Wenn man sich dann aber damit beschäftigt, wie in Münster, dann entdeckt man noch einiges. Wie in Münster, mit den Resten der Stadtmauer, dem Buddenturm, der Promenade, dem ehemaligen Stadtwall, und da müsste dann der Opfergraben gewesen sein und so weiter. Teile davon sind immer noch da, leider findet man in vielen Städten nicht mehr so viel historische Sachen, teilweise haben sie die Stadtmauern komplett weggerissen. Osnabrück hat ja auch nur noch ein ganz kleines Stück, aber zumindest haben sie noch eins. Vor zwei Wochen war ich noch in Köln, da habe sie ja sogar noch die alten Römertürme stehen und Reste von dieser alten Römermauer, mittendrin in der Stadt.

Histo-Couch: Wie lange brauchen Sie für einen Roman? Für „Die Frau des Täuferkönigs” zum Beispiel'?

Michael Wilcke: Ich mache das ja nebenberuflich, im Hauptberuf bin ich bei der Osnabrücker Zeitung. Nicht als Redakteur, sondern mehr so im technischen Bereich, von daher brauche ich immer ein bisschen länger. Ich mache auch nach jedem Buch etwa ein halbes Jahr Pause, wo ich nicht direkt schreibe. Wo ich drei Monate vielleicht gar nichts mache und dann anfange, ein bisschen vorzubereiten. Wenn ich das jetzt mit reinzähle, sind es schon so zweieinhalb Jahre.

Histo-Couch: Machen Sie ein Konzept? Schreiben Sie von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne, und wenn Sie merken, dass etwas nicht klappt, dann müssen Sie es verändern?

Michael Wilcke: Am Anfang ist ja eigentlich das Thema. Dann suche ich nach einer Idee, was möchte ich für Figuren haben, in welchem Umfeld soll das spielen. Ich habe eigentlich eher in meinen Büchern so das Umfeld der unteren Schicht. Nicht unbedingt jetzt nur fest damit verbunden, aber ich bin jetzt keiner, der hauptsächlich in Königshäusern unterwegs ist. Das kommt höchstens mal ganz am Rande vor, oder irgendwelche einflussreichen hochgestellten Personen. Ich finde das irgendwie lebendiger. Wie haben die Menschen damals gelebt, die keine Privilegien hatten. Aber die Frage war ja, wie ich vorgehe. Also, da gibt es ja die Figuren, und dann mache ich mich dran und versuche schon mal, so ein ganz kleines Gerüst zu entwickeln. Das ist der Auftakt, und dann habe ich vielleicht eine DIN A4-Seite. Dann fange ich schon mal an, ganz grob einzelne Kapitel zu entwerfen, so zwei, drei, vier Sätze zu jedem Kapitel. Dann habe ich schon mal einen guten Überblick über das Buch, wie ich es mir vorstelle. Dann frage ich mich, welche Stimmung das Buch hat, ist es eher trauriger oder eher dramatisch, je nachdem. Bei diesem Buch dachte ich, das könnte ein bisschen lockerer werden. Die Täufer sind ja eher ein düsteres Thema, aber irgendwie auch verrückt, völlig obskur.

Histo-Couch: Ja, das Buch ist mehr skurril als wirklich bitterernst oder dramatisch.

Michael Wilcke: Das geht natürlich ein bisschen auf Kosten der Dramatik, dass man vielleicht an den Figuren ganz nah dran ist. Aber es ist dann eher im Grunde eine wilde Abenteuergeschichte, mal etwas anders für einen historischen Roman. So ein bisschen gehe ich aus dieser Richtung raus. Das ist auch vielleicht ein Risiko, aber ich probiere mich da gerne auch mal ein bisschen aus. Man ist dann lange unsicher, ob der Humor funktioniert, ob es nicht manchmal auch zu viel ist oder zu wenig, ob man es noch weiter vorantreiben kann, aber ich bin mit der Mischung für mich ganz zufrieden.

Histo-Couch: Wie ist es, seinen Namen auf so einem Buch zu lesen? Und wenn man es dann in der Hand hat, wenn es endlich fertig ist?

Michael Wilcke: Es war immer so mein Traum damals, du möchtest einmal dein Buch im Buchladen sehen, auch schon als Teenager. Das war immer mein Ziel, und dann liegt das da so aus und vielleicht noch mit einem Plakat, nicht irgendwie ein selbstgemachtes, sondern richtig mit Cover und so. Die Bücher liegen daneben so gestapelt. Ich kann mich erinnern an die ersten Exemplare, die ich nach Hause geschickt bekommen habe und wo ich in den Buchläden in Osnabrück war, wo die dann gelegen haben oder in Ständern waren. Das ist natürlich immer noch schön, aber das ist so wie mit Kindern: Wenn man das erste Mal Vater wird, ist das immer noch eher was ganz besonderes, als wenn es das fünfte oder sechste Mal ist. (lacht)

Histo-Couch: Haben Sie Mitspracherecht beim Cover?

Michael Wilcke: Das habe ich noch nie ausgetestet, muß ich ganz ehrlich sagen, weil ich immer ganz zufrieden mit den Covern war. Ich bekomme die zugeschickt als pdf, wo ich das Cover dann sehe. Aber es war noch nie so, dass ich sagte, Ach du liebe Güte. Die ersten drei Bücher hatten ja noch diese herkömmlichen Cover, wo ein Gemälde drauf ist. Das “Hexentage„-Cover ist eine Frau mit wallenden roten Haaren, mehr ein Klischee. Rote Haare waren ja eigentlich nie der Grund, dass jemand als Hexe verdächtigt wurde, aber es geht schon so in die Richtung. Das Cover war für das Buch sehr zuträglich. Bei den letzten beiden war es dann anders, aber ich mags.

Histo-Couch: Was ist mit eBooks und Hörbüchern?

Michael Wilcke: Als eBooks sind alle erschienen.

Histo-Couch: Lesen Sie selber eBooks? Haben Sie einen Reader?

Michael Wilcke: Ich selber habe keinen Reader. Ich bin da eher alte Schule, ich bevorzuge das haptische Exemplar. Aber ich sehe an meinen Abrechnungen, dass der Anteil wächst. Interessanterweise sind es gerade die beiden Hexenbücher, da sieht man, dass die Leute das Stichwort “Hexe” eingeben und das dann finden. Das ist natürlich ein Vorteil, denn die Bücher sind ja schon ein paar Jahre alt und es ist die Frage, ob es die überhaupt noch im Buchladen gibt. Wenn man da so einen Begriff hat, wird das auch wieder gekauft. Bei Hörbüchern bin ich erst drei Mal erschienen, die sind auf einen Schlag mal bei Radioropa aufgenommen worden. Bei den letzten beiden habe ich es noch nicht.

Histo-Couch: Würden Sie selber mal eins einlesen?

Michael Wilcke: Ich hab damals mal über meine Agentur gefragt, wie so was überhaupt vonstatten geht, und die sagten dann, die Verlage hätten ihre Leser. Würde man mich bitten und die Konditionen stimmen, warum nicht. Wobei ich es auch ganz interessant fand, mein Buch von einer anderen Stimme zu hören.

Histo-Couch: Was lesen Sie selber denn gerne?

Michael Wilcke: Ich lese eigentlich auch viel historisches, natürlich. Ich bin nicht so sehr der Krimi-Leser, das ist nicht so mein Ding. Ich lese auch nicht so viele Klassiker, wobei ich schon ein paar ältere Bücher zu schätzen weiß. Ich habe eben angefangen, diese Reihe von Walter Kempowski zu lesen, von der Kaiserzeit bis in die DDR-Zeit, das sind glaube ich auch acht Bücher. Die aber überhaupt nicht vergleichbar sind mit vielen anderen Büchern, die ich sonst so lese, weil das eher so Collagen vom Zeitgeschehen sind. Ich lese auch gar nicht so viel, ich habe vielleicht ein Pensum von zehn Büchern im Jahr. Das kommt dadurch, dass ich natürlich viel für Recherche lese. Ich lese auch gerne mal eine schöne Biografie, es muss nicht immer ein Roman sein. Früher, vor zwanzig Jahren, habe ich die ganze Stephen King-Reihe gelesen, aber heute habe ich da nicht mehr so die Lust dazu.

Histo-Couch: Was steht als nächstes an, wissen Sie das schon?

Michael Wilcke: Im Kopf hab ich schon was. Ich will Anfang des Jahres anfangen. Ich habe es mit dem Lektorat noch gar nicht gesprochen, aber ich denke, dass es ein Thema ist, das ihnen wohl zusagen wird. Es geht noch weiter Richtung Mittelalter, was eigentlich den Verlagen noch besser gefällt. Ich möchte noch etwas umfangreicher werden. Es war ja bislang eher so, dass ich mit drei- bis vierhundert Seiten für einen historischen Roman nicht so die dicken Wälzer geschrieben habe, und da möchte ich schon mal so ein bisschen was draufpacken. Aber das kann ich jetzt noch nicht so abschätzen.

Histo-Couch: Machen Sie gerne Lesungen?

Michael Wilcke: Ich habe jetzt gerade erst zwei Lesungen gehabt. Das macht Spaß, ich freue mich auch immer, wenn die Leute am Ende viele Fragen stellen. Bei der „Frau des Täuferkönigs” kam noch dazu, dass man damit eine schöne Lesung machen kann, weil der Text auch lustig ist und man auch mal was zu lachen hat. Bei den anderen Büchern, wie beim “Bund der Hexenkinder” war es schon etwas bedrückt, weil das oft auch ein bisschen trauriger ist. Es ist auch bei Lesungen immer schön zu sehen, wer kommt da, was ist mein Publikum. Das darf man natürlich nicht immer 1:1 nehmen, aber es ist schon interessant zu sehen, beispielweise für welche Altersgruppe schreibe ich.

Histo-Couch: Vielen Dank für das Interview und Guten Appetit!

Das Interview führte Carsten Jaehner.