Michelle Marly

08.2019 Rita Dell’Agnese im Interview mit Michelle Marly - Autorin von "Madame Piaf und das Lied der Liebe".

Vielleicht kann ich als Tochter eines Komponisten besonders schön über Musik und die dazu gehörenden Künstler schreiben.

Histo-Couch: Michelle Marly ist das mittlerweile offene Pseudonym der erfolgreichen Autorin Micaela Jary. Frau Marly, wieso dieses Pseudonym?

Michelle Marly: Als Autorin hat man einen Hausverlag. Einem  alten, ungeschriebenen Gesetz zufolge hat dieser ein Anrecht auf die Veröffentlichungen unter dem bekannten Namen. Allerdings habe ich mich nach einem zweiten Standbein umgesehen und dieses beim Aufbau-Verlag mit seiner neuen Serie gefunden. Natürlich habe ich meinen Hausverlag davon informiert und bekam zur Antwort, dass man mir viel Glück wünscht, den Namen aber exklusiv behalten möchte. Damit stand fest, dass ich beim Aufbau-Verlag unter einem Pseudonym veröffentlichen muss.

Histo-Couch: Ist man versucht, seinen Schreibstil zu verändern, wenn man durch ein Pseudonym quasi in eine andere Identität schlüpft?

Michelle Marly: Ich habe gar keine Zeit für solche Überlegungen. Sie würden mich bloss behindern. Es kann sein, dass man von Genre zu Genre einen etwas anderen Schreibstil pflegt. Wenn aber mein Kopfkino in Gang ist, mache ich mir keine Gedanken über den Schreibstil, dann ist die Geschichte wichtig.

Histo-Couch: Die Serie des Aufbau-Verlags um die mutigen Frauen ist sehr vielschichtig. Sie haben mittlerweile zwei Romane dazu beigetragen, schreiben gerade einen dritten Band. Haben Sie gezielt für die Serie geschrieben oder war es eher Zufall, dass Ihre Werke gut dazu passten?

Michelle Marly: Meine Agentin wurde auf der Leipziger Buchmesse vom Verlag angefragt, ob sie jemanden wüsste, der zu einem Teil zur Serie beitragen könnte. Als ich die Anfrage erhielt, habe ich mir zuerst alle bis dahin erschienen Teile gekauft und gelesen. Ich machte verschiedene Vorschläge – Coco Chanel war der vierte davon. Das wollte der Verlag gleich machen.

Histo-Couch: Wieso gerade Coco Chanel?

Michelle Marly: Coco Chanel hatte einen deutschen Bezug, sie war mit einem deutschen Diplomaten liiert. Ursprünglich wollte ich über diese Beziehung schreiben. Aus der Recherche dazu ergab sich dann die Geschichte rund um das Parfum Chanel Nr. 5.

Histo-Couch: Auch der zweite Teil, den Sie zur Serie beitragen, hat eine französische Protagonistin. Wie kam es zu dieser Wahl?

Michelle Marly: Edith Piaf war eine Bitte des Verlags, gleich nachdem ich mein Manuskript von Coco Chanel abgegeben hatte. Da konnte ich einfach nicht nein sagen.

Histo-Couch: Edith Piaf ist eine facettenreiche Persönlichkeit, fällt es da nicht schwer, sich auf bestimmte Ereignisse zu konzentrieren?

Michelle Marly: Die vom Schicksal zerstörte Piaf darzustellen wird ihr nicht gerecht. Deshalb habe ich mich auf eine sehr kurze Zeitspanne konzentriert. Ich wollte die schillernde Persönlichkeit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zeigen, nicht die kaputte, die heute in den Köpfen der Menschen Vorrang hat.

Histo-Couch: Wird es weitere Bücher über mutige Frauen von Ihnen geben?

Michelle Marly: O ja, ich bleibe dabei. Im Moment schreibe ich über Maria Callas, der Roman erscheint im Februar 2020. In meinen jungen Jahren gehörten Geschichten von Maria Callas und Onassis zu meinem Alltag als Redakteurin der Yellow Press.

Histo-Couch: Also geht es erneut um eine Musikerin. Wie stark spielt da ihre eigene Verbindung zur Musik eine Rolle?

Michelle Marly: Vielleicht kann ich als Tochter eines Komponisten besonders schön über Musik und die dazu gehörenden Künstler schreiben.

Histo-Couch: Wird das Buch über Maria Callas das letzte von Ihnen in der Reihe sein?

Michelle Marly: Es wird noch weitere geben. Aber ich werde auch weiter Romane mit fiktiven Personen schreiben. Man muss sehen, wie sich alles entwickelt. Inzwischen wird die Künstlerinnenreihe des Aufbau Verlags von anderen Verlagen ziemlich einfallslos kopiert, mal schau’n, was daraus wird und ob das Genre am Ende zu ausgeleiert ist, um noch interessant zu sein. Aber im Moment gibt es für mich keinen Grund, mich zurückzuziehen.

Histo-Couch: Sie haben zuerst mit Coco Chanel und nun mit Edith Piaf Bestseller geschrieben. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Michelle Marly: Es ist unfassbar für mich. Ich habe in meinem Leben viele Niederlagen einstecken müssen. Auch als Autorin. Aber jetzt bin ich dort, wo ich immer sein wollte: Ich habe einen wunderbaren Mann, eine tolle Tochter und hinreißende Enkelkinder, dazu darf ich ohne Ende schreiben und habe damit auch noch Erfolg. Das Leben ist grossartig!

Histo-Couch: Erfolg generiert auch Neid …

Michelle Marly: Neid kommt oft von Leuten, von denen man es gar nicht erwartet. Da tauchen plötzlich kleine oder grössere Spitzen auf. Aber ich habe Neider schon immer angezogen. Es ärgert mich, ich mag Neid nicht und habe gelernt, damit umzugehen.

Histo-Couch: Sind Coco Chanel oder Edith Piaf Herzensbücher von Ihnen?

Michelle Marly: Ich mag es nicht, von Herzensbüchern zu sprechen. Jedes Buch muss aus dem Herzen kommen, sonst könnte ich es nicht schreiben. Von den bisherigen Romanen war mir „Wie ein fernes Lied“ möglicherweise am nächsten, definitiv ist aber „Das Kino am Jungfernstieg“ (erschien am 15.7.19 unter Micaela Jary im Goldmann Verlag) meine persönlichste Geschichte.

Histo-Couch: Warum das?

Michelle Marly: Ich beschreibe in dieser Saga die Welt meiner Kindheit. Der Hintergrund der Romanhandlung ist der Aufstieg der Filmstadt Hamburg und mein Vater Michael Jary war als Filmkomponist damals einer der Säulen. Der erste Roman spielt zwar unmittelbar nach dem Krieg, also noch vor seiner Zeit in Hamburg, aber es lehnt sich vieles an die Erinnerungen an, die mir er und befreundete Filmleute aus jenen Jahren erzählten. Außerdem versuche ich ein authentisches Gefühl für die Branche zu vermitteln.

Das Interview führte Rita DellAgnese im August 2019.
Fotos: © sally Lazic Fotografie