1795

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2022
1795
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Carsten Jaehner
82

Histo-Couch Rezension vonMär 2022

Zurück in den Niederungen Stockholms

Stockholm, 1795. Nach dem Brand des Kinderheims, bei dem die beiden Kinder der jungen Frau Anna Stina Knapp ums Leben gekommen sind, suchen die beiden Ermittler Emil Winge und der einarmige Jean Michael Cardell verzweifelt nach ihr. Sie soll einen Brief mit den Namen von Verschwörern besitzen, die verhindern wollen, dass der noch minderjährige Kronprinz Gustav IV. Adolf an die Macht kommt. Sein Vater war 1792 ermordet worden, seitdem regiert der Adelige Gustav Adolf Reuterholm mit harter Hand und will verhindern, dass der Kronprinz an die Macht kommt.

Doch Anna Stina ist verschwunden, ebenso wie Tycho Ceron, Erzfeind der beiden Ermittler und Ursache großen Übels in der Stadt. Doch er muss sich irgendwo in der Stadt aufhalten, er plant bereits neue Ungeheuerlichkeiten und holt zum nächsten Großschlag aus. Nur Winge und Cardell können dies verhindern – wenn sie ihn denn finden und zudem die Verschwörung gegen den Kronprinzen vereiteln. Viel zu tun für zwei Ermittler, die beide an den Rändern ihrer jeweiligen kläglichen Existenz balancieren…

Unbedingt die Vorgänger lesen

Vorab: „1795“ ohne seine beiden Vorgänger „1793“ und „1794“ zu lesen, ist sinnlos, daher empfiehlt sich unbedingt die Lektüre der beiden Romane, das allerdings nicht nur aus inhaltlichen Gründen. Niklas Natt och Dag behält seinen Schreibstil bei, der den/die LeserIn schon ab der ersten Zeile tief in die Abgründe Stockholms zieht, die unbarmherzigen Niederungen der Gossen und abgeschmackten Gestalten, die sich dort in den dreckigen Winkeln tummeln. Der Roman ist wiederum in vier Teile eingeteilt, wie das schon bei den Vorgängern war.

In Teil eins verfolgen Winge und Cardell mal Anna Stina, mal Ceton, mal zusammen und mal getrennt, und lecken dabei ihre erlittenen Wunden oder quälen den anderen mit den seinen. Im zweiten Teil verfolgt der Leser, was Tycho Ceton treibt und wieder an Neuem ausheckt, allerdings erfährt man hier auch, was ihn zu diesen geschmacklosen Untaten treibt – das ist nichts für schwache Nerven. In Teil drei lernt der Leser mit dem Jungen Elias eine neue Figur kennen, der versucht, auf den Straßen Stockholms zu überleben. Teil vier führt wie gewohnt alle drei vorherigen zusammen und bietet ein für die Trilogie passendes Ende.

Intensive Schilderungen

Neben den Niederungen der Gesellschaft erfährt der/ LeserIn hier wieder einiges über damalige Gesetze und Historie aus dem Schweden der damaligen Zeit. So wird man durch die düsteren Viertel der Stadt geführt, vermag förmlich den Gestank der Rinnsteine und Menschen auf jeder Seite neu wahrzunehmen. Niklas Natt och Dag kann formulieren und beschreiben, wie es in dieser Intensität selten ist, und man mag sich seine Figuren nicht als Gegner wünschen:

„Eine Sache noch, Herr Doktor. Nachdem Sie nun wissen, wo ich derzeit wohne, habe auch ich mir die Mühe gemacht herauszufinden, wo Sie zu Hause sind. Wenn Sie meine Adresse bitte vergessen mögen, dann habe auch ich keinen Grund, mir Ihre zu merken.“

Während man sich als Leser in den Beschreibungen suhlt, bleibt doch anzumerken, dass dieser dritte Teil seine kleinen Längen hat und nicht mehr auf (fast) jeder Seite eine Überraschung wartet. Die elenden Selbstverzweiflungen der beiden Protagonisten sind inzwischen bekannt und ein wenig ermüdend, und auch Ceton verliert – wenn auch nur wenig – an Schärfe. An den starken und mit Literaturpreisen überhäuften ersten Teil kann dieser dritte Teil nicht heranreichen, teilt sich aber mit dem mittleren Teil den zweiten Platz.

Sprachlich hervorragend

Wer schwachen Gemüts ist und lieber zu Liebesromanen greift, der sollte von diesen drei Romanen die Finger lassen. Hier wird das Leben an sich beschrieben, dazu in seinen schlimmsten Ausführungen, und der Autor weiß seine Gedanken sehr wohl zu formulieren und sich auszudrücken. Hier wird auf mehreren Ebenen gezeigt, wie der Mensch den Menschen als Spielzeug benutzt und nicht, wie sich selbst, als gleichberechtigten Menschen sieht. Leider ist das derzeit nur zu tagesaktuell, auch wenn auf anderer Ebene. Und ist es immer das Gute, das siegt? Es kommt wohl auf den Blickpunkt an.

Eine kurze Personalliste und ein kleines Nachwort ergänzen den 520-seitigen Roman aus dem Piper Verlag, der auf den drei ähnlich gestalteten Covern der Romane bereits andeutet, dass es sich hier mehr um die Abgründe handelt als um die Glanzschichten der Gesellschaft. Wobei das eine das andere ja nicht ausschließen muss….

Fazit

„1795“ ist der konsequente Abschluss einer Trilogie aus dem Stockholm Endes des 18. Jahrhunderts, die die Abgründe des menschlichen Daseins in mehreren Facetten und Ebenen zeigt und die nichts für schwache Nerven ist. Sie ist spannend, gewöhnungsbedürftig, blutig und ekelig, und doch muss man gebannt bis zum Ende dabeibleiben. Eine literarische Herausforderung.

1795

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