Das letzte Königreich

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Rowohlt, 2004, Titel: 'The Last Kingdom', Originalausgabe

Couch-Wertung:

97
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Carsten Jaehner
Die Dänen erobern England

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Feb 2007

"Wir nannten sie Wikinger, wenn sie brandschatzten, Dänen oder Heiden, wenn sie als Händler kamen." Für Uthred, geboren im Jahre des Herrn 856 in Nordengland, mag dies am Anfang noch keinen großen Unterschied ausgemacht haben. Im Laufe des großartigen Buches von Bernard Cornwell wird sich seine Ansicht jedoch schnell ändern.

Im Jahr 866, als er 10 Jahre alt ist, wird sein älterer Bruder, der die Herrschaft als Aldermann über Bebbanburg (Bamburgh Castle) von seinem Vater übernehmen sollte, von Dänen hingerichtet. Nun ist er als der nächst Ältere der Nachfolger und erhält den Namen seines Bruders, Uthred, wie auch alle seine Vorväter geheißen haben. Die Dänen sind dabei, nach und nach England zu erobern, arbeiten sich von Königreich zu Königreich vor, von Norden nach Süden, ohne Rücksicht auf Verluste. Dörfer werden niedergebrannt, Kirchen und Klöster gebrandschatzt, Menschen getötet, egal ob Mann, Frau, Kind, Geistlicher oder Arbeiter. Auf dem Rachefeldzug für seinen Bruder, auf den Uthred eigentlich gar nicht mitkommen soll, greift er Heerführer der Dänen an, der ihn zwar mit einem Schwerthieb entwaffnet, von seinem Mut aber so beeindruckt ist, dass er ihn mitnimmt und künftig in seinem Clan als Dänen großzieht.

Ein Meisterwerk der Erzählkunst

Bernard Cornwell ist mit seinem Roman schlicht und einfach ein Meisterwerk gelungen, in das sich der Leser leicht und gerne hineinversetzen kann. Das liegt vor allem auch an der gewählten Erzählperspektive, denn Uthred erzählt selbst als Ich-Erzähler seine Geschichte, die daher sehr persönlich mit teilweise bissigen Seitenkommentaren ist, die aber auch seinem jeweiligen Alter entsprechend seine Gedankengänge und Taten gut nachvollziehen lässt. Zudem weiß Uthred in der Rückschau auf sein Leben damalige Ereignisse heute anders einzuordnen oder hat nun Kenntnis von Geschehnissen, von denen er damals nichts wusste.

Zu Beginn des Romans ist Uthred zehn Jahre alt, am Ende des Romans erst 20, und diese zehn Jahre seines Lebens sind reich angefüllt mit Erlebnissen, sowohl auf persönlicher als auch auf politischer Ebene. Uthred wächst als Däne auf, lernt zu leben wie ein Däne, zu denken wie ein Däne und vor allem zu kämpfen wie ein Däne. Herausragend sind die Gespräche, die er mit seinem Ziehvater Ragnar führt und die die Unterschiede zwischen Dänen und Engländern herausheben. Ein Christengott gegen viele nordische Götter, ein beliebtes Thema bei Ragnar, der durch Uthred ebenfalls viel über seinen Gegner lernt.

Souveräner Schreibstil

Cornwells Roman ist laut Ansage der erste Band einer neuen Reihe historischer Romane. Uthred ist am Schluss des Buches erst 20 Jahre alt. Es eine Rückschau seines Lebens, die hauptsächlich mit dem damaligen König Alfred zu tun hat, der zu dieser Zeit noch ein erbärmlicher Schwächling ist, später aber als einziger englischer König den Beinamen "der Große" bekommen wird. Daher stehen dem Leser noch weitere Bücher um Uthred bevor, und wenn man "Das letzte Königreich" gelesen hat, ist jeder weitere Tag des Wartens auf die nächsten Zeilen schlimm zu ertragen. Cornwells Schreibstil ist sehr flüssig und leserfreundlich, stets gespickt mit einer gehörigen Prise nordischen Humors gegen englischen Humor, was besonders in den launigen Wortgefechten hervorkommt. Die Zeichnung der Charaktere ist überzeugend, was die Vorstellungskraft des Lesers erfreulicherweise stark erhöht.

Und natürlich fließt Blut. Da es in diesem Buch um Eroberungen geht, fließt sogar reichlich Blut, und je länger das Buch dauert, umso blutiger wird es. Auch hier merkt man Uthreds Entwicklung, er hat gelernt, wie man seine Waffen zu führen hat. Wenn es auch eine Weile dauert, bis er zum ersten Mal in einem Schildwall in der ersten Reihe steht, wo man erst zum Mann wird, wenn man denn überlebt, so hat er doch von den Dänen sein Handwerk gelernt. Natürlich kommt auch die Liebe in diesem Buch vor, wenn auch nicht an vorderster Stelle. Wer in diesen Tagen so viel an verschiedenen Fronten gekämpft und erlebt hat, hat keinen wirklich Kopf für solche Dinge.

Entführung und Rückentführung

Herausragend an diesem Buch ist die persönliche Sicht des Erzählers, der nicht für irgendjemanden kämpft, wie es später die Kreuzritter tun werden, die Jerusalem befreien wollen und schließlich unnützes Blut erfolglos vergießen. Uthred kämpft zwar zunächst für seine Familie und nach seiner Entführung für die Dänen. Nachdem er aber von den Engländern ";zurückentführt" wurde, wird ihm klar, dass er nun der Aldermann von Bebbanburg ist und dass er von nun an das Ziel vor Augen hat, seinen angestammten Platz auf Bebbanburg einzunehmen. Uthred kämpft von nun an für sich selbst, und wenn er nicht den direkten Weg nehmen kann, so ist das große Ziel doch von nun an stets voll in seinem Blick. Dies passiert zu einem Zeitpunkt, zu dem die Dänen nur noch ein das Königreich Wessex noch nicht für sich erobert haben, woher sich auch der Titel des Buches ableitet.

Das alles wird so nah am Geschehen geschildert, als würde man selbst durch den Schlamm waten, mit an Bord der Schiffe sein oder selbst an den Verhandlungsgesprächen teilnehmen. So lebendig ist das Mittelalter selten gewesen. Stets ist man mittendrin statt nur dabei, auch hier erweist sich Cornwell als fantastischer Geschichtenerzähler. Selbst in der Schlacht spürt man die Souveränität des Erzählers über das Geschehen.

 

Müde war ich auch. Ich hatte nicht geschlafen. Ich fror. Ich war nass bis auf die Haut, und trotzdem fühlte ich mich unbesiegbar. Diese Ruhe der Schlacht ist etwas Wundersames. Die Nerven reagieren nicht, die Angst verfliegt, alles wird so klar wie kostbares Kristall, und der Feind hat keine Chance, weil er zu langsam ist. Ich fing die Speerspitze des narbengesichtigen Mannes mit dem Schild ab und ließ ihn in mein Kurzschwert laufen. Ich spürte den Aufprall im Arm, als der Wespenstachel seinen Lederpanzer durchbohrte und tief in seinen Bauch eindrang. Ich spürte sein warmes Blut auf meiner kalten Haut, und ich roch den sauren Aledunst, den sein Schrei verströmte.

Ein großartiges Epos

Dem Roman vorangestellt ist eine Karte Großbritanniens mit den mittelalterlichen Namen der Städte und Flüsse, die Uthred benutzt. Dazu kommt eine Liste mit der alten und neuen Schreibweise der Ortsnamen, die dem Leser helfen, sich auf der Insel räumlich zurechtzufinden. Dies ist auch nötig, denn wo man schon die heutigen Namen nicht kennt, wäre man mit den alten Namen erst recht verloren. In einem Nachwort beschreibt Cornwell, auf welchem historischen Hintergrund sein Roman basiert. Dies ist kurz aber ausführlich und sei daher hier lobend erwähnt.

Cornwells Roman liest sich wie aus einem Guss, was sicherlich auch der hervorragenden Übersetzung von Michael Windgassen zu verdanken ist. Der Roman macht Lust auf die Fortsetzungen, wobei aber gesagt werden muss, dass Das letzte Königreich für sich bereits ein in sich geschlossener Roman ist. Cornwell beweist hier einmal mehr, dass er ein Meister des Erzählens ist. Man mag dieses Buch nur ungern aus der Hand legen, ehe man die letzten Buchstaben in sich eingesogen hat, und es bleibt zu hoffen, dass die weiteren Folgeromane diesen hohen Standart halten können.

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