Der Palast der Meere

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Ehrenwirth, 2015, Titel: 'Der Palast der Meere', Originalausgabe

Couch-Wertung:

86
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Dirk Jaehner
Vergnügliches Ende der Waringham-Saga

Buch-Rezension von Dirk Jaehner Sep 2015

"Wer Henry sagt, muss auch Elisabeth sagen." So kündigte Rebecca Gablé vor einigen Jahren im Histo-Couch-Interview das neue Waringham-Abenteuer an. Nun, 2015, ist es erschienen. Knappe 1000 Seiten dick, erzählt er die Geschichte von den Nachnachnachkommen des Ur-Waringhams Robin. Im fünften Band der Saga um die adeligen Pferdezüchter aus Südengland dreht sich alles um Elisabeth I., ihren Konflikt mit Mary Stuart, ihre Probleme mit den Katholiken, ihre nicht erfolgte Hochzeit und somit die Frage der Thronfolge, das Erstarken des englischen Königreichs zur Seemacht und wie Mitglieder der Waringham-Sippe in dieses große Schema aller Dinge hineinpassen.

Ein Waringham fährt zur See

Unter solchen Voraussetzungen Figuren und Handlungen zu ersinnen, fällt nur auf den zweiten Blick schwer. Die Zutaten sind alle bereits vorhanden: die Waringham-Dynastie mit ihren Verbindungen zum englischen Königshaus, die Tudor-Epoche mit Königin Elisabeth I. auf dem Thron (der Roman beginnt 1560, Elisabeth war seit 1558 Königin) und die Vorliebe der Autorin für Geschichten um das Heranwachsen eines Protagonisten. Jetzt muss dieser Protagonist nur noch eine Eigenschaft besitzen, die ihn von seinen Vorgängern unterscheidet. Und weil unter Elisabeth I. die britische Seemacht eigentlich erst entstand, darf die männliche Hauptfigur seefest sein, weil sie auf irgendeine Art und Weise an dieser Entwicklung teilhat - bekanntermaßen ist die Anfälligkeit für die Seekrankheit in der Waringham-Sippe fast schon sprichwörtlich.

Aus der Art schlägt also Isaac of Waringham, zu Beginn der Geschichte 14 Jahre alt, der bei seinem Onkel Philipp Durham in London lebt. Der wirft ihm nicht ganz zu Unrecht Verantwortungslosigkeit und Egoismus vor. Isaac solle sich lieber mehr für seine Familie und das Gestüt als für Pferderennen und Wetten interessieren. Doch mehr noch als seine Vorfahren wird Isaac von einem brennenden Freiheitsdrang getrieben. Um der Verantwortung seiner Familie gegenüber zu entgehen, schleicht er sich als blinder Passagier auf ein Freibeuterschiff und kehrt erst Jahre später nach einigen Abenteuern in Afrika und in der Karibik nach Hause zurück.

Familienkonflikte

Diese Verantwortungslosigkeit bringt seine älteste Schwester Eleanor gegen ihn auf. Sie gehört dem Hofstaat der Königin an und ist ihr "Auge" - engste Vertraute, Freundin und wenn es drauf ankommt, ihre Agentin, Botin und Informantin. Ihr ist der parallele Handlungsstrang gewidmet, der nur selten mit dem ihres Bruders in Berührung kommt. Hier findet sozusagen die Einordnung in die historischen Ereignisse statt: die Auseinandersetzung um Elisabeths Nachfolge, der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, Mary Stuarts ständige Umsturzversuche und ihre Hinrichtung und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit König Philip von Spanien und die Entstehung jener Flotte, die sich erfolgreich der spanischen Armada entgegenstellt.

Eben jene Flotte ist das große Ziel des Buches, der Kampf mit der Armada der heimliche Höhepunkt, auf den die Handlung zuschreitet. Nahezu  jeder Waringham-Roman hat ein solches Ziel. Doch hier liegt es lange im Dunkeln. Eigentlich sogar fast zu lange, denn Isaacs Abenteuer in der Neuen Welt und Eleanors Erlebnisse und ihr Privatleben führen kaum auf das Seeabenteuer hin, sondern dümpeln zunächst vor sich hin.

Altbekanntes und erfrischend Neues

Und hier liegt das Problem, das den Palast der Meere zum schwächsten der Waringham-Romane macht. Die Königinnen-Seite, also der Erzählstrang um Elisabeth und Eleanor, birgt keine Überraschungen. Gablé erzählt die Historie so, wie sie in hunderten bereits vorhandener Versionen bereits erzählt wurde. Die andere Perspektive, die im letzten Roman noch versucht hat, Mary Tudor ihres "Bloody"-Makels zu entkleiden, fehlt hier. Selbst dem Charakter der Königin kann die Autorin keine Seite abgewinnen, die nicht schon vorher in Filmen oder Romanen Thema gewesen wäre. Aber darin liegt wohl auch das Risiko einer solchen Themenwahl.

Der Isaac-Strang ist da der weitaus interessantere. Obwohl er sich in seiner Erzählstruktur stark an seinen Vorgängerromanen orientiert - junger Mann wird außerhalb seiner Familie erwachsen- , möchte man als Leser unbedingt erfahren, wie Isaac es schafft, vom blinden Passagier zum Schiffsjungen zum Sklaven und letztendlich zum respektierten Kaperfahrer mit eigenem Schiff zu werden. Hier liegt dann auch die eigentliche Perle der Gablé-Romane, die andere Sicht der Dinge, verborgen. Oberflächlich betrachtet sind Isaacs Abenteuer als Freibeuter eine altbekannte Mantel-und-Degen-Geschichte. Es werden Schiffe gekapert, Städte überfallen und Burgen ausgeraubt, es wird gemeinsame Sache mit Ureinwohnern gegen die spanischen Besatzer gemacht - kurz, alles was in einschlägigen Romanen und Filmen auch passiert und was sie so beliebt macht. Aber es fehlt, und das ist Rebecca Gablés Verdienst, das Romantisierende, das Verkitschende, das Glorifizierende. Und dabei passiert es dann eben auch, dass der bekannte Weltumsegler Sir Francis Drake seines Heldenmantels verlustig geht. Zwar bleibt er ein hervorragender Seemann, aber er ist auch ein ganz mieser Vorgesetzter, bei dem Egoismus und Opportunismus die vorherrschenden Charaktereigenschaften sind.

Wie immer ist der Roman peinlichst genau recherchiert und trotz alles Wissens flüssig und amüsant geschrieben. So ist es durchaus ein Vergnügen ihn zu lesen, einfach auch aus dem Grund, dass man am Schicksal der sympathisch-chaotischen Großfamilie der Waringhams weiter teilhaben möchte. Leider wird dies wohl der Endpunkt der Saga sein, denn im selben Interview (s.o.) kündigte die Autorin an, dass mit dem Ende der Regentschaft Elisabeth I. auch ihr Interesse am englischen Mittelalter endet. Aber wer weiß. Manchmal tauchen erzählenswerte Geschichten ganz plötzlich und aus dem Dunkeln auf.

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