Dirk Husemann

„Ein Elefant als Friedenstaube – ein frühmittelalterliches Roadmovie“

10.2015 Chefredakteur Carsten Jaehner traf den Autor Dirk Husemann im Allwetterzoo in Münster und machte mit ihm ein Interview vor dem Elefantengehege.

Histo-Couch: Herr Husemann, sind Elefanten Ihre Lieblingstiere?

Dirk Husemann: Meine Lieblingstiere sind Katzen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass man sie besser bei sich zu Hause halten kann.

Histo-Couch: Wie sind Sie auf die Geschichte des Elefanten für Karl den Großen gestoßen, die ja tatsächlich eine reale ist?

Dirk Husemann: Ich habe Ur- und Frühgeschichte und Klassische Archäologie in Münster studiert, und da ist mir diese Geschichte begegnet es war in der Vita Caroli Magni, der Lebensbeschreibung Karls des Großen, von Einhard , aber wie das nun mal in den spärlichen Quellen des Frühmittelalters ist, solcherlei Ereignisse werden da nur kurz angerissen. Es gibt vielleicht mal einen Satz oder einen Halbsatz, und dann ist es auch schon wieder vorbei. Und in der Wissenschaft nimmt man das nur als Anekdote wahr. Also habe ich mir gedacht: Mensch, da steckt doch was dahinter! Was mag damals wohl geschehen sein? Das ist nicht einfach nur eine Reise, sondern da passiert etwas Sinnbildliches. Die Reise des Elefanten ereignet sich an einer Zeitenwende. Vieles verändert sich. Das Frühmittelalter endet, das Hochmittelalter beginnt. Die alten Götter geraten in Vergessenheit, Schriftlichkeit kommt auf, die karolingische Renaissance bringt Kultur nach Europa. Und mittendrin versuchen ein paar Menschen, dieses Riesentier durch einen zivilisatorischen Hexenkessel zu führen, sozusagen die großformatige Ausgabe unserer Friedenstaube.

Histo-Couch: Haben Sie dafür das Verhalten von Elefanten eingehend studiert?

Dirk Husemann: Ich war oft hier im Münsteraner Zoo und habe die Tiere beobachtet, habe Fachbücher gelesen und mit Tierpflegern gesprochen. Das ist eine interessante Seite bei Schreibprojekten, dass man sich Fachwissen aneignet, mit dem man es sonst nicht zu tun hätte. Und so nach und nach ist der Elefant Abul Abbas neben den menschlichen Protagonisten und Antagonisten des Romans zu einer richtigen Figur geworden.

Histo-Couch: Beim Filmen heißt es immer, es sei schwierig, mit Tieren als Hauptdarsteller zu arbeiten. Wie ist das beim Schreiben?

Dirk Husemann: Sie sind sehr eigenwillig, keine Frage. Sie folgen ja auch ihren Instinkten. Ich würde sagen, über ein Tier zu schreiben ist mindestens genauso schwer wie über menschliche Figuren, die machen ja auch, was sie wollen. Man entwirft den kompletten Roman, und spätestens nach Seite 50 droht alles aus dem Ruder zu laufen, weil jede Figur ihren einen eigenen Willen bekommen hat und den durchsetzen will. So ist es natürlich auch mit dem Elefanten gekommen.

Histo-Couch: Um den Elefanten Abul Abbas ranken sich zahlreiche Legenden, unter anderem soll er ein weisser Elefant gewesen sein. Stimmt das, und wie sieht die Quellenlage um den Elefanten überhaupt aus?

Dirk Husemann: Die Quellenlage ist dürftig. Es gibt eigentlich nur ein paar Zeilen dazu. Aus dem Orient gibt überhaupt keinen Beleg. Alle Quellen sind europäischer Herkunft, die meisten wurden erst Jahrhunderte nach dem Ereignis aufgeschrieben. Also ob es den Elefanten tatsächlich mal in der Menagerie Karls des Großen gegeben hat, kann man nicht sagen. Eine Quelle beschreibt einen Elefanten, der Karl den Großen in späteren Jahren auf einem Feldzug gen Norden begleitet haben soll, und dabei soll das Tier entweder die Maul- und Klauenseuche bekommen haben und daran gestorben sein, oder er hat sich bei der Überquerung der mittelalterlichen Ems erkältet und das nicht überlebt.

Zur Farbe des Elefanten kann ich sagen, dass Albinotiere im Hoch- und Spätmittelalter sehr beliebt waren bei Hofe. In den europäischen Königshöfen war man entzückt von weißen Tigern oder weißen Jagdhunden mit roten Augen. Diese Faszination gibt es heute noch. Ob der Elefant Abul Abbas aber tatsächlich weiß war, ist schwer zu sagen. Möglicherweise war er ein ganz normaler Elefant und hat zu seiner Zeit schon als Elefant an sich für Staunen gesorgt. Dass er dann in der Überlieferung des Hoch- und Spätmittelalters weiß wurde, mag daher kommen, dass ein Elefant zu dieser Zeit schon eine Profanität darstellte, die niemanden mehr in Staunen versetzte. Um aber das Besondere eines Kaisergeschenks glaubhaft abzubilden, hat man gesagt, es sei ein weisser Elefant gewesen. So könnte es gewesen sein, aber auch das ist wegen der mageren Quellenlage reine Spekulation. Ein buchstäblich weißer Fleck in der Überlieferung.

Histo-Couch: Die Aufgabe, den Elefanten zu Karl zu bringen, oblag dem jüdischen Kaufmann Isaak. Warum gerade er?

Dirk Husemann: Juden waren die ersten Kosmopoliten der europäischen Geschichte. Ihre Glaubensgemeinschaft war nicht durch politische Grenzen von anderen Religionen getrennt, wie die der Christen oder der Muslime. Juden gab es an vielen Orten der bekannten Welt. Deshalb war es für jüdische Gesandte einfacher, in ferne Länder zu reisen: Sie wurden dort von ihren Glaubensbrüdern aufgenommen. Überdies waren Juden oft auch die einzigen, die im frühen und noch im Hochmittelalter lesen und schreiben konnten. Sie waren die perfekten Diplomaten. Das machten sich viele Herrscher zunutze.

Histo-Couch: Ihm zur Seite steht der sächsische Sklave Thankmar, eine fiktive Figur mit  Klumpfuß, also gehbehindert. Wie sind sie auf diese Konstellation gekommen Isaak und Thankmar?

Dirk Husemann: Isaak ist eine Art Vaterfigur. Er ist schon etwas älter, ist weit gereist, er hat die Welt gesehen, kennt sich in verschiedenen Kulturen aus, ist Berater eines Königs, später sogar eines Kaisers. Er spricht viele Sprachen. Er sieht aber auch seinem Lebensabend entgegen. Thankmar hingegen ist ein junger Mensch ohne Lebenserfahrung. Er ist als Sklave nach Genua verschleppt worden. Jetzt erlebt er diese Reise, eine Art frühmittelalterliches Roadmovie, und sieht zum ersten Mal eine ihm fremde Welt. Der Leser kennt sie genauso wenig wie dieser junge Sachse und lernt sie durch Thankmars Augen kennen.

Dass Thankmar gehbehindert ist, hat mit dem Subtext des Romans zu tun. Die Welt, in der diese Geschichte spielt, befindet sich im Umbruch, die dunklen Zeitalter enden, mit Karl dem Großen beginnt die karolingische Renaissance. Vieles verändert sich, und alles, was vorher war, wird in einer Art Sturm der Zeiten fortgerissen werden. Es kommt etwas Neues, was aber auch wieder irgendwann verschwinden wird. Und Thankmar, obwohl er eigentlich ein junger Mensch ist, ist gleichzeitig verhaftet in den alten Strukturen. Das fand ich als Reibungspunkt interessant, dass man den jungen Menschen in etwas Altem verhaftet bleiben lässt, und nun muss er lernen, in das Neue überzugehen. Deswegen diese Gehbehinderung. Ein anderer Grund ist natürlich der, dass Thankmar und der Elefant eine Symbiose eingehen. Der Sachse lernt, auf dem Elefanten zu reiten. Das Tier leiht dem Menschen seine Kraft, und hilft ihm, vorwärtszukommen.

Histo-Couch: War Karls Tochter Berta wirklich so eine unangenehme Zeitgenossin?

Dirk Husemann: Das kann ich Ihnen nicht sagen, das ist nicht überliefert. Manchmal konstruiert man Figuren, die man für den Hintergrund braucht. Dann erlebt man es als Autor, dass diese Figuren plötzlich ein Eigenleben bekommen, sie sind präsent, und man stellt fest, dass ist genau das, was ich brauche. Mit Karls Tochter ist es mir so ergangen. Berta ist eine Nebenfigur, die manifestierte sich beim Schreiben, die hat mir gefallen. Sie hat auch nur eine kleine Rolle, aber sie war genau die Person, die an dieser Stelle der Geschichte auftauchen musste.

Histo-Couch: Wie unterscheidet sich die Arbeit an einem Sachbuch zu der an einem Roman? 

Dirk Husemann: Ein Roman ist persönlicher. Das Sachbuch erfordert mehr Fachrecherche,  mehr Gespräche mit Forschern, viel mehr Vergleich, viel mehr Debatte. Bei einem Roman ist das anders. Man recherchiert erst das Grundlegende. Dann haben Dramaturgie und die Fantasie des Autors eine größere Bedeutung.

Histo-Couch: Eine wahrscheinlich triviale Frage, aber wohl unvermeidlich: Sie haben Archäologie studiert. Ist das Leben als Archäologe tatsächlich so spannend, wie wir das von Indiana Jones kennen?

Dirk Husemann: Ja. (lacht) Ja, das ist spannend. Es gibt wenig, was so spannend sein kann wie Archäologie. Es muss ja nicht gleich Indiana Jones sein, aber die Romantik ist auf jeden Fall da. Man muss nur genau hinschauen. Meine erste Begegnung damit hatte ich beim Besuch einer Ausgrabung im Ruhrgebiet. Damals war ich noch Laie und habe die Archäologin genau das gefragt: Was halten Sie denn von Indiana Jones?  Sie hat mich zu einer Fundkiste geführt und mir ein Stück Knochen in die Hand gelegt. Und ich sagte, na und, das sei ja wohl ein bisschen profan, wo denn das Gold sei und das Abenteuer? Und sie sagte: Stellen Sie sich mal vor, dieser Fingerknochen gehörte vor 1500 Jahren an die Hand einer wunderschönen Frau. Das hat mich überzeugt.

Histo-Couch: Isaak, Thankmar und der Elefant haben einen langen Weg zurückzulegen, der kürzer gedacht war, sowohl zeitlich als auch geographisch. Sind Sie an allen Orten gewesen, wo das Buch spielt? Wie halten Sie es generell mit Recherchen vor Ort?

Dirk Husemann: Recherche vor Ort: gerne, solange sich das machen lässt und Erkenntnis bringt. An einigen Orten war ich tatsächlich, allerdings in der heutigen Zeit. Der Roman beginnt zum Beispiel in Genua. Die Stadt kenne ich, aber bis auf die topografischen Gegebenheiten hat es eigentlich wenig Wert, dort nach dem Genua des 9. Jahrhunderts zu suchen. Bei anderen Orten ist ein Besuch gewinnbringender, zum Beispiel in der Landschaft entlang der Rhône oder auf den alten Pässen über die Alpen. Allerdings habe ich die nicht auf einem Elefanten, sondern in einem alten VW Käfer überquert. Was abenteuerlicher ist, weiß ich nicht.

Histo-Couch: Wie lange haben Sie für die Arbeit an dem Roman gebraucht?

Dirk Husemann: Insgesamt habe ich drei Jahre an der Geschichte geschrieben.

Histo-Couch: Ist das dann nur Schreiben oder auch Recherche oder gemischt?

Dirk Husemann: Ich recherchiere erstmal einen Grundstock, auf den setzen dann die Handlungsstränge auf. Aber während man nach einer Information für die Anfangsszene sucht, findet man vielleicht etwas, dass sich gut für den Schluss eignen würde und umgekehrt. Auf diese Weise ergänzen sich Recherche und Schreiben ununterbrochen.

Histo-Couch: Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen ungefähr aus?

Dirk Husemann: An einem normalen Arbeitstag sitze ich morgens um neun am Schreibtisch, lege eine Mittagspause ein und höre auf, wenn die Energie raus ist, meistens zwischen vier und sechs Uhr. Wenn der Veröffentlichungstermin naht, wirds auch schon mal spät. Aber die Geschichte rotiert immer im Kopf. Das hört eigentlich nie auf, bis der Text fertig ist.

Histo-Couch: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, einen Tag auf dieser Tour mit dem Elefanten dabei zu sein würde Sie das machen?

Dirk Husemann: Sie meinen mit einer Zeitmaschine? Zeitmaschine fände ich gut, aber nur mit Rückfahrkarte. Der Erkenntnisgewinn wäre enorm. Gerade in der Disziplin Frühgeschichte geht es ja um schriftlose Kulturen. Im Europa der damaligen Zeit ist relativ selten etwas schriftlich fixiert worden. Es gibt den schon erwähnten Einhard, oder im sechsten Jahrhundert Gregor von Tours, aber das sind Ausnahmen. Man kann die Schriftquellen in der Zeit vor Karl an einer Hand abzählen, deshalb sprechen wir ja auch vom dunklen Zeitalter. Überliefert sind hingegen Objekte, etwa Schmuck, Gefäße und Gebeine, an denen Spuren zu finden sind. Aber wie nun das Leben der Menschen verlaufen ist, darüber wissen wir nur wenig. Das wäre wirklich spannend, sich das anschauen zu können. Aber ich würde dann auch ganz schnell wieder zurückwollen.

Histo-Couch: Weiß man, wie Karl auf den Elefanten reagiert hat?

Dirk Husemann: Nein, das weiß man leider nicht. Wie gesagt, die Quelle ist sehr spärlich. Und ob der Elefant überhaupt in Aachen angekommen ist, ist zumindest zweifelhaft. Einige sagen ja, andere sagen nein, und was Karl gesagt hat, weiß niemand. Wenn er ihn empfangen hat, dann wird er sich, glaube ich, darüber gefreut haben, denn der Kalif von Bagdad, der diesen Elefanten geschickt hat, war Karl dem Großen natürlich bekannt. Er war einer der mächtigsten Menschen der Welt. Beide Herrscher planten, sich politisch zu verbünden, um Byzanz in die Zange zu nehmen. Das Zeichen, das der Kalif ihm da schickte, wird Karl bestimmt entschlüsselt haben. Es war zum einen ein Zeichen des Friedens. Zugleich aber auch eins, das besagte: Also los! Machen wir gemeinsame Sache!

Histo-Couch: Werden Sie wieder einen Roman schreiben, und worum wird es gehen?

Dirk Husemann: Ja, ich schreibe gerade an den letzten Seiten. Es geht um die Seidenstraße. Die Geschichte spielt im siebten Jahrhundert. Mehr kann ich noch nicht verraten.

Histo-Couch: Zu ihrem Roman gibt es auch ein Hörbuch. Kennen Sie das schon?

Dirk Husemann: Nein. Das ist noch ganz frisch. Ich habe auch erst vor zwei Tagen davon erfahren und war angenehm überrascht. Das Hörbuch hat Peter Weiß gesprochen, eine bekannte Stimme und ein hervorragender Sprecher, über dessen Mitwirkung ich mich sehr freue.

Histo-Couch: Was halten Sie von dem Buchcover und von der Karte auf der Innenseite?

Dirk Husemann: Das Cover ist bei Bastei Lübbe entstanden. Als mir die Kolleginnen den Entwurf geschickt haben, war ich sofort begeistert.

Histo-Couch: Und die Karte?

Dirk Husemann: Die Karte hat der Verlag mit einem externen Studio und mir entwickelt. Das war gar nicht so einfach. Ich bin mehrfach durch den Roman durch und habe nach Orten gesucht, die auf der Karte zu sehen sein müssen. Man sieht die wichtigsten Städte des Frankenreichs und die wichtigsten Städte der Geschichte. Das ist nicht unbedingt dasselbe und man muss es unterscheiden können. Das hat das Studio ganz toll gelöst.

Histo-Couch: Was ist das für ein Spruch am unteren Ende der Karte?

Dirk Husemann: Ein Gestaltungselement des Studios, ein lateinischer Kartentitel in karolingischen Minuskeln, einer Schriftart, die zur Zeit Karls des Großen eingeführt worden ist, um das Schreiben zu erleichtern.

Histo-Couch: Sind sie schon einmal auf einem Elefanten geritten?

Dirk Husemann: Nein. Das ist bestimmt ein Erlebnis. Aber der Elefant muss es natürlich auch wollen.

Das Interview führte Carsten Jaehner.