Lena Falkenhagen

„Ich habe ein Thema, das nach einem Buch schreit“

05.2014 Die Histo-Couch im Interview mit Lena Falkenhagen über Seekrankheit, ihre Heimatstadt Celle und ihre Liebe zu Lesungen.

Histo-Couch: Frau Falkenhagen, fahren Sie gerne Schiff?

Lena Falkenhagen: Ja, ich fahre sehr gerne Schiff. Bislang bin ich nur ein einziges Mal seekrank geworden (auf einer Fähre nach England bei Windstärke 7+), sonst liebe ich den Wind im Haar und das Gefühl der Wellen.

Histo-Couch: Ihre Protagonistin Elise Lipperade in „Die letzte Hanseatin“ erlebt bange Minuten in einem Sturm. Sind das eigene Erfahrungen, die sie die Szene so lebensecht beschreiben liessen?

Lena Falkenhagen: Sturm und Wellen schon, ja, aber ich habe mich auf einem Schiff nie am Leben bedroht gefühlt. Im Laufe seines Lebens sammelt man beeindruckende Erfahrungen mit Naturgewalten. Als Kind bin ich einmal von einer überraschenden Welle unter Wasser gezogen worden – das hat mich damals sehr erschreckt. Oder eine andere Überfahrt nach England, bei der ich im Sonnenuntergang eines der schönsten Bilder meines Lebens erblicken durfte – die goldfarbene Straße aus Licht auf dem glatten Meer. Oder ein Sturm, der mir den Regenschirm umknickte und mich innerhalb von Sekunden bis auf die Haut durchnässte. All solche Erinnerungen beeindrucken mich sehr. Wenn ich schreibe, füge ich sie zusammen und erhalte ein hoffentlich stimmiges Bild. Den Rest tut eine rege Phantasie.

Histo-Couch: Elise ist nicht nur eine mutige, sie ist auch eine kluge Frau. So wie auch die Protagonistinnen in ihren anderen Romanen. Haben Sie ein Faible für kluge Heldinnen?

Lena Falkenhagen: Dumme Figuren sind sehr charmant und oft witzig, aber bei mir endet oft das Verständnis für sie, sie wirken schnell gekünstelt dumm. Ich versuche, meinen Figuren eine gewisse Klugheit mitzugeben, damit man sich gerne in sie hineinversetzen kann.

Histo-Couch: Wie viel von Ihnen selber lebt in ihren Protagonistinnen?

Lena Falkenhagen: In allen meinen Figuren leben Bruchteile von mir, gewissermaßen ein kleiner Teil meiner selbst, der aufgeblasen und in den Vordergrund gestellt wird. Unersättliche Neugier, Wissbegier, den Drang, Gerechtigkeit wiederherzustellen – das kenne ich selbst in gewissem Maße auch (wie vermutlich auch viele andere Menschen).

Darüber hinaus gibt es in vielen meiner Romanen ein Thema, das mir selbst meist erst zum Schluss klar wird und das aus meinem eigenen Leben stammt. „Das Mädchen und der Schwarze Tod“ zum Beispiel spiegelt eine Ablösungsphase meines Lebens wider. In „Die Lichtermagd“ erkenne ich meine Integration in ein neues, unbekanntes Umfeld wieder. Und in „Die letzte Hanseatin“ war es die Erkenntnis, dass man Menschen, die man liebt, nur helfen kann, wenn die es auch wollen und zulassen. So prägt meine Vergangenheit jedes Buch, das ich schreibe, in einem gewissen Maße.

Histo-Couch: Sie polarsieren oft mit ihren Charakteren. Gibt es auch Figuren in ihren Büchern, die sie selber nicht ausstehen können?

Lena Falkenhagen: Oh ja. Johann Northoff aus „Die letzte Hanseatin“ ist ein echter Widerling. Solchen Menschen möchte ich in persona bitte nicht begegnen. Ich finde, ein Buch benötigt Figuren, die man liebt zu hassen, sonst baut man keine Verbindung zu ihnen auf.

Histo-Couch: Wie vermeiden Sie es, ihre Charaktere zu stark in ein Gut-Böse-Muster fallen zu lassen?

Lena Falkenhagen: Ich hoffe zumindest, dass ich das schaffe. Für mich als Leserin zählt bei den Figuren immer die Motivation. Kann ich nachvollziehen, warum ein Mensch etwas tut? Ist es logisch aus seinem Erfahrungshorizont und seinen Zielen herleitbar? Nur die wenigsten Menschen versuchen absichtlich, anderen wehzutun. Viele sind kurzsichtig oder wenig einfühlsam – oder sie haben nur ihre Ziele im Visier und keinen Blick für das Leid, das sie anderen Menschen verursachen.

In diesem Kontext liebe ich ja die Familie Stromer aus Nürnberg, die in „Die Lichtermagd“ versucht, den Juden der Stadt ihre Häuser und Besitztümer abzunehmen. Sie tun das nicht, weil sie den Juden schaden wollen oder auch nur aus religiösen Gründen – sondern weil sie einen Marktplatz benötigen. Wirtschaftliche Interessen sind so oft eine Rechtfertigung dafür, anderen ein Leid zuzufügen und sich dabei gut fühlen zu können (denn man tut das ja zum Wohle der Firma/Stadt/der Gesellschaft).

Histo-Couch: Wenn Sie über eine frühere Zeitepoche schreiben, gibt es da Momente, wo sie sich unsicher sind, ob die Szene so auch wirklich hätte stattfinden können? Haben Sie Fachkräfte zur Hand, die sie in solchen Fällen um Rat fragen könnten?

Lena Falkenhagen: Natürlich gibt es solche Momente – am Anfang meiner Karriere mehr als heutzutage. Bei „Das Mädchen und der Schwarze Tod“ habe ich so tief recherchiert, dass ich neben den verschiedenen Bauphasen der Stadt Lübeck inklusive des Wasser-Rohrleitungssystems aus Holz aus dem 12. Jahrhundert und recht konkreten Vorstellungen darüber, welche Straßen gepflastert waren (und wie) auch die Position sämtlicher mittelalterlicher Altäre in der Marienkirche kannte.

Ich habe an mich den Anspruch, dem Leser, der Leserin einen Eindruck geben zu können, worin sich die mittelalterliche Stadt (oder die Region) von der heutigen unterscheidet. Das macht man am besten an Sehenswürdigkeiten fest. In „Das Mädchen und der Schwarze Tod“ zum Beispiel hatte ich nachvollzogen, in welchem Zustand sich damals die Kirchen der Stadt befanden, wie der Hafen aussah und vor allem, dass das Holstentor noch nicht fertig gebaut (sehr wohl aber angefangen) war. Das sind die Orte, an die Touristen sich nach einem Besuch in einer Stadt erinnern. Daher sind das auch für mich so interessante Orte – die Menschen haben bereits eine Vorstellung davon und vielleicht sogar eine Bindung dazu.

Histo-Couch: Haben Sie als Kind davon geträumt, als Prinzessin in einem Schloss zu leben und von Rittern beschützt zu werden? Oder anders gefragt: Was hat in Ihnen das Interesse an Historie geweckt?

Lena Falkenhagen: Nein, ich habe als Kind als Ritter Drachen erschlagen. Ich habe schon frühzeitig so eine lebhafte Phantasie besessen, dass ich ganze Pferdeställe im Garten meiner Mutter besaß, im nahen Wald die wildesten Geschichten erlebt habe und jedes Buch, das ich verschlungen habe, meinen Geist mit Stoff für mehr fütterte. Das Interesse an der Historie stammt vermutlich daher, dass ich in Celle aufgewachsen bin. In der Altstadt stehen noch immer viele Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert (sogar einige wenige aus dem 15.), das Renaissance-Schloss ist bestens erhalten und mein Schulgebäude war über 150 Jahre alt.

Man verflucht als Jugendliche ja seine Heimatstadt oft irgendwann, weil sie langweilig und klein geworden ist. Aber eines morgens, als ich mit dem Fahrrad zur Schule durch die Stadt fuhr, blickte ich ausnahmsweise mal nicht auf die Straße, sondern nach oben. Die Morgendämmerung tauchte die Fachwerkgebäude in ein klares Licht und ließ sie strahlen. Da dachte ich unwillkürlich „wow, eigentlich ist Celle ganz schön“. Man konnte sich dort immer in vergangene Jahrhunderte zurückversetzen.

Histo-Couch: Sie nehmen sich immer wieder kontroversen Themen an und scheuen nicht davor zurück, auch mal etwas in Frage zu stellen: Sind Sie deswegen noch nie unter Beschuss geraten?

Lena Falkenhagen: Nein, eigentlich noch nicht. Das kontroverseste Thema, das mir in einem meiner Romane präsent ist, ist das Judenpogrom zu Nürnberg. Ich hatte natürlich wie jeder Jugendliche in der Schule oft die Judenverfolgung im Dritten Reich durchgenommen und hatte immer den Eindruck, dass das irgendwie lose im Raume schwebte. Mir lag so am Herzen zu erzählen, diese Lücke zu schließen und zu zeigen, dass die Geschichte Deutschlands ohne das Miteinbeziehen des deutschen Judentums nicht verständlich ist, dass mir beim Konzipieren und Schreiben des Buches nicht einmal aufgefallen ist, wie heiß das Thema eigentlich ist. Als ich es meiner Lektorin geschickt hatte, bekam ich plötzlich kalte Füße und dachte „oh je – was, wenn deutsche Leserinnen und Leser das Thema überhaupt nicht mehr sehen können, weil es in der Schule zu Tode diskutiert worden ist? Oder man hat einfach keine Lust, noch eine Bluttat in die Schuhe geschoben zu bekommen?“ Glücklicherweise gab es zu dem Zeitpunkt längst kein Zurück mehr. Und die Sorgen waren nicht berechtigt. „Die Lichtermagd“ ist bislang mein erfolgreichstes Buch.

Histo-Couch: Gibt es Bereiche, die sie zwar interessieren, über die sie aber keinen historischen Roman schreiben würden?

Lena Falkenhagen: Ja, durchaus. Ich habe ein Thema, das nach einem Buch schreit. Ich wusste bislang aber stets, dass ich als Autorin noch nicht gut genug bin, um diesem Stoff gerecht zu werden. Daher habe ich ihn immer zurückgestellt. Auch in der Antike würde ich wohl nicht schreiben. Ich mag Griechische und Römische Geschichte, aber mir fehlt die Verbindung zum Alltag dieser Zeit. Ich möchte solche Bücher nicht lesen – und daher würde ich sie auch nicht schreiben.

Histo-Couch: Wenn man selber Romane schreibt, kann man dann noch mit Genuss lesen? Oder vergleicht man unbewusst das Werk anderer mit dem eigenen?

Lena Falkenhagen: Ich bin vermutlich auch durch mein Literaturstudium die ungeduldigste Leserin geworden, die Sie sich vorstellen können. Packt mich ein Buch nicht auf der ersten halben Seite, stelle ich es zurück ins Regal. Dabei ist egal, ob es sich um einen schönen Schreibstil, eine packende Vorausdeutung oder eine interessante Charakterschilderung handelt. Ich lese leider nicht mehr so viel wie früher – was bei meinem Beruf problematisch ist.

Histo-Couch: Wie gehen Sie damit um, wenn ihre Romane kritisiert werden?

Lena Falkenhagen: Ich habe gelernt, dass ich nicht alle Menschen begeistern kann. Dabei hilft, dass Bücher, Filme und Serien einfach eine unglaubliche Geschmacksfrage sind. Ich kann nicht mehr tun als die Bücher zu schreiben, die ich gerne lesen würde. Wenn das jemandem nicht gefällt, hat er oder sie einen anderen Geschmack – und jedes Recht darauf.

Histo-Couch: Gerade bei Lesungen kommt es ja auch immer wieder zu Kontakt mit den Lesern – haben Sie davor jeweils Herzklopfen?

Lena Falkenhagen: Natürlich ist man immer ein wenig unter Strom vor einer Lesung. Aber ich liebe Lesungen. Mein Beruf ist sehr einsam. Man ist lange mit sich und seinem Werk alleine. Lesungen geben der Schriftstellerseele das nötige Futter, um weiterzumachen. Denn dort kommt eigentlich nie jemand hin, der einem das Buch um die Ohren schlagen will. Im Gegenteil. Ich freue mich, dass auch andere Leute Bücher so lieben, dass sie Kontakt zu den Autoren aufnehmen wollen.

Histo-Couch: Wie geht es Ihnen am Tag, bevor ihr jeweils jüngster Roman in den Handel kommt?

Lena Falkenhagen: Nicht anders als an anderen. Der Erscheinungstermin ist für mich nicht schlimm. Der Tag vor der Abgabe an den Verlag ist deutlich aufregender. Dort bekommt man von Profis gesagt, was alles gut und was schlecht an der Geschichte ist. Wie gut ein Buch den Lesern gefällt, zeigt sich meist erst einige Wochen später.

Histo-Couch: Woran erkennen Sie, dass ein Roman vom Publikum gut aufgenommen worden ist?

Lena Falkenhagen: Das ist schwer zu sagen. Meist gibt es irgendwann ein Bild aus Rückmeldungen in Leseforen, Einträgen auf Facebook oder Twitter, Kritiken auf Buchhandelsplattformen …

Histo-Couch: Welches ist Ihr bisheriges Lieblingswerk?

Lena Falkenhagen: Immer das letzte natürlich. Auch wenn ich sagen muss, dass „Das Mädchen und der Schwarze Tod“ eine Herzensthematik für mich war. Ich liebe den Lübecker Totentanz und wollte so dringend einen Roman darüber schreiben.

Histo-Couch: Könnten Sie sich vorstellen, einen anderen Beruf als das Schreiben auszuüben? Wenn ja, welchen?

Lena Falkenhagen: Geschichten sind mein Leben. Ich bin eine Erzählerin und möchte auch in Zukunft in irgendeiner Form ein Publikum begeistern. Das Medium – ob Buch, Serie, Computerspiel oder Comic – ist dabei eine aufregende Neuerung.

Histo-Couch: In der Hoffnung, dass sie beim Schreiben bleiben – welche Themen würden Sie reizen, aufzugreifen?
 

Lena Falkenhagen: Der Alltag der Menschen, ob in der Geschichte oder in der Zukunft. Ich finde, ein Buch (oder Film/Serie) gestattet einem Menschen, sich für eine gewisse Zeit in den Schuhen eines anderen zu bewegen und die Welt aus seiner (oder ihrer) Perspektive zu betrachten. Das halte ich für das größte Geschenk, das ein Autor einem anderen Menschen machen kann. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diesen Beruf ausüben darf.

Das Interview führte Rita Dell’Agnese.