Mitte

  • Galiani Berlin
  • Erschienen: Oktober 2021

Illustration: Kat Menschik

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Carsten Jaehner
90

Histo-Couch Rezension von Carsten Jaehner Jan 2022

Ein spannender Briefkurzroman

Berlin, Oktober 1936. Fritze Thormann, einstiger Stiefsohn von Gereon und Charlie Rath, ist nach den Olympischen Spielen in Berlin untergetaucht, da er sich einer Vernehmung durch den Staatsapparat entziehen will. Als Fünfzehnjähriger gehört er in eine richtige Familie, worauf er aber keine Lust hat, und so lebt er nun in Berlin Mitte unter dem Namen Friedrich Hutzke. Doch er vermisst vor allem seine Freundin Hannah und seine Adoptivmutter Charlie Rath. Zu beiden nimmt er postlagernd per Brief Kontakt auf.

Fritze hat einen Job bei einem Kohlenhändler angenommen, der ihn finanziell durch den Winter bringt. Es ist zwar harte Arbeit, aber er hat zu tun und kann sich das eine oder andere leisten. Doch da läuft ihm der vermeintliche Polizist über den Weg. Fritze wollte damals, zu Beginn seiner Zeit als Helfer bei den Olympischen Spielen, einen Mann vor dem Suizid retten. Fritze konnte ihn davon abhalten sich aufzuhängen, doch dann kam der Polizist vorbei, half ihm und schickte Fritze los, Hilfe zu holen; doch als Fritze zurückkam, war das Opfer tot und der Polizist verschwunden. Beide scheinen sich nun zufällig erkannt zu haben, und Fritze will dem auf den Grund gehen. Davon schreibt er auch Hannah und Charlie…

Erst „Olympia“ lesen

Volker Kutscher schließt mit seinem Kurzroman „Mitte“ direkt an die Ereignisse aus „Olympia“ an. Wer diesen Band nicht gelesen hat, wird wohl „Mitte“ nicht verstehen, daher ist die Lektüre von „Olympia“ Voraussetzung für „Mitte“. Nach „Moabit“ ist der kleine Band die zweite Zusammenarbeit zwischen Volker Kutscher und der Illustratorin Kat Menschik. Der nur 120 Seiten starke Hardcoverband aus dem Verlag Galiani ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet. In orange und gelb gehalten gaukelt er dem Leser jedoch eine Fröhlichkeit vor, die zwar bei Fritze vorherrscht, die aber auch trügerisch sein kann.

Kutscher hat sich bei „Mitte“ für die Form eines Briefromans entschieden, wobei man mit der Ausnahme des Suchbefehls für Fritze nur Briefe von ihm liest, nicht aber die Antworten von Hannah und Charlie. Daher muss man sich einiges aus den Briefen zusammenreimen, wodurch aber direkt eine bestimmte Spannung aufkommt, die das ganze Büchlein hindurch anhält und sich noch steigert.

Andere Identitäten

Auch Hannah hat inzwischen eine andere Identität angenommen, und Fritze würde gerne mit ihr in Breslau, wo sie lebt, zusammen das Weihnachtsfest verbringen. Mit Charlie möchte er sich auch treffen, Fritze ist der Ansicht, dass sich derzeit, wo die Olympischen Spiele vorbei sind, niemand mehr für ihn interessiert, es gibt wichtigere Dinge als einen Jungen wie ihn weiter zu suchen. Da alle drei postlagernd schreiben, fühlt er sich sicher.

Mehr soll hier nicht verraten werden. Das Buch ist kurz und trotzdem intensiv, und es trägt die eindeutige Handschrift von Volker Kutscher, der auch hier auf wenigen Seiten versteht, Spannung aufzubauen und seine Leser das Buch in kurzer Zeit durchlesen lässt. Die heutzutage ungewöhnliche Form des Briefromans kommt ihm dabei entgegen, denn hier wird viel der Fantasie des Lesers überlassen, aber er wird schon darauf kommen, was da passiert.

Die Illustrationen von Kat Menschik sind wie Karten, Plakate und Fotos gehalten und verstärken die Geschichte aus der Sicht von Fritz. Witzigerweise steht der Name des Verlages auf einem Kohlenbrikett, wie Fritze sie sprichwörtlich haufenweise in die Keller der Kunden schaufeln muss, eine nette Geste. Und wenigstens etwas Normalität zu einer Zeit, in der die Luft und die Atmosphäre immer brenzliger werden.  

Fazit:

Für Fans der Gereon Rath-Reihe ist das Buch ein Muss, allein der vergleichsweise hohe Preis mag interessierte Leser davon abschrecken, ihn sich zuzulegen. Durch die Form des Briefromans hat Kutscher eine geschickte Art gewählt, nicht alles direkt zu erzählen, sondern vieles in den Köpfen der Leser ablaufen zu lassen, und dennoch eine spannende Geschichte zu erzählen, die sich nahtlos in die Gesamtgeschichte einfügt, diesmal aus der Sicht eines noch etwas naiven Fünfzehnjährigen, der natürlich noch nicht ahnen kann, was da in nächster Zeit so passieren wird.

Mitte

Volker Kutscher, Galiani Berlin

Mitte

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