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Andreas Kurth
Verzweifelte Flucht über den Ärmelkanal

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2020

Der zweite Teil der Seidenstadt-Reihe von Ulrike Renk um das Schicksal der jüdischen Familie Meyer setzt genau da ein, wo “Jahre aus Seide” endet. Ruth Meyer, ihre Familie und Freunde, ja die gesamte jüdische Gemeinde in Krefeld sind entsetzt über die Exzesse der Nazis in der Reichskristallnacht. Die schöne Villa der Meyers wurde von den braunen Horden verwüstet und quasi unbewohnbar gemacht. Zwei Wochen haben betroffene Juden in Krefeld jetzt Zeit, um ihre Häuser und Wohnungen wieder herzurichten.

Für Ruth und ihre jüngere Schwester Ilse wird die Situation noch dadurch verschlimmert, dass ihre Mutter Martha schwer verstört ist, und den Mädchen und ihrem Vater kaum helfen kann. Sie muss mehrfach von einem jüdischen Arzt behandelt werden. Karl Meyer und seine Töchter werden aber von Freunden unterstützt, allen voran Hans und Josefine Aretz. Der ehemalige Chauffeur von Karl Meyer ist der Familie freundschaftlich verbunden geblieben, nachdem ihn Meyer vor Jahren entlassen musste, weil Juden keine Arier mehr als Angestellte haben durften.

Fokus wird im zweiten Band der Reihe verschoben

War der erste Band noch sehr geprägt von den Gesprächen der Eltern und anderer Erwachsener über die politische Entwicklung und ihre damit verbundenen Ängste, Zweifel und mögliche Auswege, so hat sich jetzt im zweiten Buch der Fokus deutlich verschoben. Im Mittelpunkt der fesselnden Erzählung stehen nun Ruth und Ilse Meyer, die hier als starke Persönlichkeiten geschildert werden.

“Ich weiß, es ist schrecklich, Ilse, aber wir müssen uns jetzt zusammenreißen”, sagte Ruth und sah ihrer Schwester in die verquollenen Augen.
“Weißt du noch? Der Tag nach der Nacht - der einen Nacht?”
Ilse nickte.
“Da war es doch auch so schrecklich, und wir haben es trotzdem geschafft. Das müssen wir jetzt wieder. Wir müssen für Vati und Mutti da sein.”

Insbesondere die ältere Ruth ist es, die trotz vieler Momente der Verzweiflung ihre Schwester mitreißt, und den Eltern eine große Stütze ist. Die psychisch labile Mutter Martha ist im Grunde ein Totalausfall, eigentlich ein Fall für eine stationäre Behandlung. Sie bricht förmlich zusammen, als Karl Meyer von der Gestapo verhaftet wird. Ruth lässt sich dagegen von Angst und Verzweiflung nicht lähmen, sondern hört auf den Rat von jüdischen Freunden und bewirbt sich um eine Stelle als Haushaltshilfe in England.

Aus heutiger Perspektive kann man kaum beurteilen, wie realistisch damals die Hoffnung dieser jungen Frau war, aus dem Ausland ihrer Familie ebenfalls zur Ausreise verhelfen zu können. Irgendwie wirkt diese Haltung und ihr Handeln wie eine Mischung aus Naivität und Heldenmut. Auf jeden Fall ist Ruth Meyer, deutlicher als im ersten Buch, in “Zeit aus Glas” die unumstrittene Heldin, die zentrale Protagonistin, an der sich der Rest der Familie phasenweise aufrichtet.

Mit dem Wissen um die weitere historische Entwicklung ist das Lesen der Geschichte nicht so einfach. Es ist schon bedrückend, von den Hoffnungen zu lesen, die vor allem die jüngeren Juden haben. Sie glauben, sich im europäischen Ausland in Sicherheit bringen zu können. Dabei wissen wir in der Rückschau, dass Frankreich, Ungarn oder die Niederlande in den Jahren nach 1939 eben keine sichere Zuflucht bieten konnten.

Mit der Pogromnacht beginnt für alle Juden eine zerbrechliche Zeit

“Jahre aus Seide” bot einen Einblick in die unbeschwerte Jugend von Ruth Meyer, in das glückliche Leben der Familie und ihrer Freunde - bis dann die dunklen Wolken am Horizont aufzogen. “Zeit aus Glas” ist da schon vom Titel her ein Fingerzeig auf den Inhalt. Es geht um die Folgen der Reichskristallnacht, und die Zerbrechlichkeit des Lebens der Familie Meyer und aller Juden in Krefeld und ganz Deutschland.

Ulrike Renk sagte dazu: “Nicht erst mit der Pogromnacht begann für die Familie Meyer und alle anderen Juden eine zerbrechliche Zeit. Die brutale Zerstörung der Synagogen, Geschäfte, Häuser und des Eigentums der jüdischen Familien läutete sichtbar und deutlich die nächste Stufe der Eskalation ein und für viele zerbrach die Lebensgrundlage. Auch für Familie Meyer war dies eine fragile Zeit.”

Der von Deutschland begonnene Krieg sollte in Kürze zu erneuten Fluchten führen, nicht nur bei den Meyers. Davon ist bei Ruths Reise über den Ärmelkanal noch nichts zu erahnen. Aber die tapfere junge Frau kommt in eine völlig fremde Welt, wo sie sich täglich durchbeißen muss. Die dramatische Nachricht am Schluss sorgt dann für einen Cliffhanger, der den Leser leicht zittern lässt.

Die ursprünglich als Trilogie geplante Erzählung um das Schicksal von Ruth Meyer und ihrer Familie ist bereits mit dem dritten Band, “Tage des Lichts”, fortgesetzt worden. Verlag und Autorin haben außerdem bekannt gegeben, dass es auch noch einen vierten Band geben wird. “Träume aus Samt” soll im August 2020 verfügbar sein. Es gebe noch so viel zu erzählen, sagte Ulrike Renk als Begründung dafür, dass die Trilogie nun aufgestockt wird. Die Leserinnen und Leser dieser bewegten und bewegenden Lebensgeschichte wird es freuen, denn Ruth Meyer und ihre Familie haben nun wirklich so einiges durchgemacht, von dem zu berichten es sich lohnt.

Fazit:

Ulrike Renk ist immer nah dran an ihren Figuren, so richtig nah dran. Die Familiengeschichten, die sie ihren Lesern so bewegend schildert, hat sie sich von Zeitzeugen erzählen lassen, oder wie im Falle von Ruth Meyer einem Tagebuch entnommen. Richtig klasse ist, dass die Autorin im Nachwort ganz offen schildert, was der Realität entspricht, und was sie aus dramaturgischen Gründen dazu erfunden hat. Das hilft beim Einordnen der Fakten, und macht die Erzählung um das bemerkenswerte Schicksal dieser jüdischen Familie noch eindringlicher. Man darf gespannt sein, wie es jetzt im England des Jahres 1939 weitergeht.

Zeit aus Glas

Zeit aus Glas

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