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Christina Wohlgemuth
Von medizinischem Fortschritt und dem Kampf für Frauenrechte

Buch-Rezension von Christina Wohlgemuth Okt 2020

Berlin um die Jahrhundertwende: Rahel Hirsch ist eine menschgewordene Sensation. Die gebürtige Frankfurterin ist eine der ersten Ärztinnen an der Charité – und sieht sich großen Widerständen gegenüber. Kollegen, die sie nicht ernst nehmen, Strukturen, die eine Frau ausbremsen. Im Kosmos von Deutschlands bekanntestem Krankenhaus spiegeln sich die gesamtgesellschaftlichen Probleme, denen sich Frauen gegenübersehen. Gleichberechtigung ist eine süße Utopie und das Frauenwahlrecht scheint so weit entfernt wie die Lösung der sozialen Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Aber weder Rahel noch ihre Freundin Barbara, die als alleinstehende Arbeiterin besonders zu kämpfen hat, lassen sich auf ihrem Weg davon abhalten. Doch am Horizont ziehen die dunklen Wolken des Ersten Weltkriegs auf …

Nachdem in Band 1 „Hoffnung und Schicksal“ die Vorstellung einer Ärztin noch kaum vorstellbar erschien, hat sich die Welt auch im konservativen Kaiserreich so weit gedreht, dass Frauen in diesen Beruf vorstoßen können – wenn auch als Pionierinnen mit allen erdenklichen Schwierigkeiten. Der Kampf der Frauen um ihre Chancen, ihr Recht auf Glück und um Gleichberechtigung ist das zentrale Thema des Romans, erzählt an historischen (Rahel) und fiktiven (Barbara) Lebensgeschichten.

Beeindruckende Fortschritte in der Medizin

Neben der Geschichte der Emanzipation geht es – natürlich – auch um den medizinischen Fortschritt. Nachdem in den Jahren vor dem Romangeschehen Entdeckungen wie die von Robert Koch und Emil von Behring nicht nur den Ruf der Charité gefördert, sondern auch und vor allem ein Segen für die von Krankheiten gebeutelte Gesellschaft waren, geht es hier auch um den medizinischen Alltag im Krankenhaus, der sich weiterentwickelt. Nachsorge nach Operationen und Hygiene sind wichtige Themen, und immer neue Diagnosemöglichkeiten erhöhen die Erkenntnisgewinne der Medizin.

Die Autorin schafft es dabei, komplexe medizinische Sachverhalte verständlich zu erklären und verbindet diese so elegant mit den spannenden Lebensgeschichten ihrer Figuren, dass Leserin und Leser quasi „im Vorbeigehen“ auch noch etwas über den medizinischen Fortschritt lernen. Dabei ist die Erzählweise teilweise etwas episodenhaft, was jedoch den Vorteil hat, dass die Autorin einen sehr großen Zeitraum abdecken kann und sich auch – ebenfalls gekonnt – mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Auswirkungen befassen kann.

Ein großes Gesellschaftsgemälde, das zum Abtauchen einlädt

Neben der Vermittlung von Wissen ist die Aufgabe einer Autorin in erster Linie die Unterhaltung – und auch das gelingt der Autorin. Mit warmen, lebensnahen Figuren, die glaubhaft agieren und Leserin und Leser emotional ansprechen, schafft sie einen Roman, der herrlich zum Schmökern über Stunden einlädt und einen bangen und hoffen lässt. Mit Rahel und Barbara sind der Autorin zwei so interessante wie liebenswerte Protagonistinnen gelungen, die man nur ungerne zurücklässt.

Vor allem bleibt „Aufbruch und Entscheidung“ aber ein beeindruckendes Gemälde einer Zeit, die nur auf den ersten Blick starr und unbeweglich scheint und unter deren Oberfläche sich weder der Fortschritt, noch die Emanzipation aufhalten lassen.

Die Charité - Bd. 2: Aufbruch und Entscheidung

Die Charité - Bd. 2: Aufbruch und Entscheidung

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