Grenzgänger

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2018, Titel: 'Grenzgänger', Originalausgabe

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Jörg Kijanski
Beklemmende Nachkriegsstudie

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Okt 2018

1945. In dem kleinen Eifeldorf Velda an der deutsch-belgischen Grenze lebt die zwölfjährige Henni mit ihren Eltern und den jüngeren Geschwistern Johanna, Matthias und Fried. Der Krieg ist endlich vorbei, der Vater wieder zuhause, dennoch ist alles anders. Früher war der Vater ein geschickter Uhrwerker, wurde vom Krieg lange verschont, in den letzten Kriegsmonaten aber zur Bombenentschärfung eingesetzt. Von seiner einst ruhigen Hand ist nichts mehr geblieben, auch von ihm selber scheint kaum etwas übrig. Geistig abwesend lebt er neben seiner Familie, wird zum religiösen Eiferer, der seinen einzigen Rückhalt und Lebenssinn in der Kirche sieht. Der Pastor sieht dies gerne, verweigert aber einen angemessenen Lohn, so dass die Familie hungert. Mutter und Henni finden eine Anstellung in einer Gaststätte in Monschau, es reicht für das Nötigste, aber dann stirbt die Mutter im April '47.

"Der Vater, der war eine Seele von Mensch. Sehr gläubig! Aber mit der Henni ist der einfach nicht fertiggeworden.""Weißt du, Marion, ich erinnere mich, dass dein Mann in der Schule auch kein Musterknabe war. Und außerdem, der sollte mal lieber erzählen, dass er und viele andere im Dorf nicht so lange und so gut vom Kaffeeschmuggel gelebt hätten, wenn die Henni nicht gewesen wäre."

Der Vater will die Kinder ins Heim geben, doch Henni will dies nicht hinnehmen und betätigt sich nachts als Schmugglerin für Kaffee, Butter und Tabak. Dank Henni geht es der Familie gut, doch dann verschärfen die Zöllner ihr Vorgehen, geben Warnschüsse auf Schmuggler ab. Bei einer Tour über die Moorlandschaft des Hohen Venn geschieht im März '50 das Undenkbare: Johanna wird erschossen. Der Vater gibt Henni die Schuld und schickt sie in eine Besserungsanstalt für Mädchen, die Söhne landen in einem katholischen Kinderheim. Dort werden sie schikaniert und misshandelt, Matthias stirbt gar an einer Lungenentzündung. Jahre später kommt es zum Prozess, aber hat die Wahrheit überhaupt eine Chance?

Assoziationen zu Freistatt drängen sich auf

Bestsellerautorin Mechthild Borrmann, die zuletzt mit Trümmerkind mehr als überzeugte, hat mit Grenzgänger einen ebenso eindringlichen wie beklemmenden Roman geschrieben, in denen vor allem die Zustände in Kinderheimen nach Kriegsende beschrieben werden. Assoziationen zu dem Film "Freistatt" drängen sich auf. Was Matthias und Fried in dem Heim ertragen müssen übersteigt jede Vorstellungskraft. Erschütternd, eindringlich und mitfühlend beschreibt die Autorin die eruptive Gewalt, mit denen die Schwestern den Jugendlichen ihre Verrohung und Verderbtheit austreiben wollen. Wer hier wirklich verroht ist zeigt sich schnell, kirchlich-religiöse Barmherzigkeit ist jedenfalls nirgends zu sehen.

"Ja, ja! So einfach machen die sich das. Legen sich die Dinge zurecht. Hier ein bisschen was verschweigen, da ein bisschen was dazutun, und fertig ist die Wahrheit."

Sehr geschickt hat Mechthild Borrmann ihren Roman aufgebaut. Er beginnt überraschend im Herbst 1970. Elsa Brennecke, die beste Freundin aus Kindheitstagen, macht sich regelmäßig auf den Weg nach Aachen. Dort läuft der Prozess gegen Henni. Worum es geht zeigt sich erst deutlich später. Bis dahin erzählt Elsa einem jungen Studenten, wie es sich damals in Velda zugetragen hat. Derweil erzählt ein zweiter, ausführlicher Erzählstrang das Leben der Henni von 1945 bis heute (Herbst 1970), welches aus einer beeindruckenden Aneinanderreihung von Missgeschicken und Missverständnissen besteht, die bis in die Gegenwart reichen - und den Ausgang des Prozesses maßgeblich beeinflussen. Dann gibt es sozusagen noch die "Vorgeschichte" zum Prozess, in der sich Thomas Reuter, ein Freund von Fried, der ebenfalls in dem Kinderheim lebte und schwere Misshandlungen erfuhr, auf einen Prozess im April 1970 vorbereitet. Henni hat es geschafft, dass die Umstände, die zu Matthias Tod führten, endlich aufgerollt werden. Thomas soll aussagen, doch je mehr er sich zu erinnern versucht desto mehr wird er von seinen Gefühlen überrannt.

Recht und Gerechtigkeit - Was soll das sein?

Wie die zwei Zeitebenen und drei Erzählstränge ineinandergreifen, wer das Ende des Romans wenigstens körperlich überlebt, soll hier natürlich nicht verraten werden. Nur so viel: Recht und Gerechtigkeit sind bekanntlich zwei verschiedene Dinge. So ist es erschreckend wie in beiden Gerichtsverfahren (April und Herbst 1970) die Richter und Staatsanwälte Fakten verdrehen oder gleich ganz ignorieren. Fehler der Kirche, gar kriminelle Handlungen wie massive Gewaltanwendung? Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Würde man diesen Roman - sehr, sehr weit aus dem Fenster gelehnt - als Krimi einstufen (es kommt zu weiteren Todesfällen in der Gegenwart), so müsste man von einem Noir sprechen. Durchgehend ist die Atmosphäre abgrundtief düster, und dass am Ende die Guten gewinnen, scheint ausgeschlossen. Die spießig-miefige Behäbigkeit am Gericht ist ebenso verstörend wie das durch nichts zu rechtfertigende Verhalten der Schwestern. Am Ende biegt sich jeder die Vergangenheit so hin wie es passt. "Es war eine andere Zeit" ist eine der gängigen Ausreden für das eigene Fehlverhalten. Das desaströse Leben in einigen Kinderheimen nach 1945: Ein bewegendes Thema, das seiner restlosen Aufarbeitung weiterhin entgegensieht. Vermutlich vergebens.

Abschließend noch mal kurz zurück zum Stichwort "Krimi": Auf der Krimi-Couch gibt es unter "Themen" in der Kategorie "Krimi im Kreuzfeuer" zu diesem Buch eine ausführliche Videobesprechung!

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