Die Zeit der Kraniche

Erschienen: Juli 2018

Bibliographische Angaben

  • Aufbau, 2018, Titel: 'Die Zeit der Kraniche', Originalausgabe

Couch-Wertung:

94
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Annette Gloser
Zeit des Abschieds

Rezension von Annette Gloser Apr 2019

Priegnitz, 1944: Eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Hitler hat Deutschland in eine Katastrophe geführt und noch kann niemand absehen, welche Veränderungen nun auf die Menschen zukommen werden. Nur eins ist sicher: Deutschland wird diesen Krieg verlieren. Frederike zu Mansfeld darf auf ihrem eigenen Gut nicht mehr wirtschaften. Der Reichsnährstand hat einen neuen Verwalter eingesetzt, einen Nazi, der die Zwangsarbeiter schikaniert und hungern lässt. Baron Gebhard zu Mansfeld sitzt in Gestapo-Haft, ohne Anklage, ohne Urteil. Noch gelingt es Frederike, einen Anschein von Normalität im Gutsalltag zu wahren, aber nichts ist mehr, wie es einst war und wie es sein sollte. Auch die kleinen Zeichen der Menschlichkeit, welche die Baronin immer wieder zu setzen versucht, können daran nichts ändern. Als Gebhard in der Potsdamer Brandnacht am 14. April 1945 die Flucht gelingt, kommt er schwer krank nach Mansfeld zurück. Die Sowjetarmee besetzt die Dörfer in der Priegnitz und bald ist jedem klar: Es wird auch nie wieder so werden, wie es einst war. Für die adeligen Gutsherren ist kein Platz in der neuen Gesellschaft, sie werden pauschal als Kriegstreiber und Hitlers Gefolgschaft abgestempelt. Gebhard wird erneut verhaftet, diesmal von den Russen. Frederike und den Kindern gelingt im letzten Moment die Flucht in den Westteil Deutschlands. Sie muss für sich und ihre Familie ein neues Leben aufbauen. Zurück bleiben das Gut und Gebhard. Das Gut ist verloren, aber wird Gebhard es schaffen, zu Frederike zurück zu kommen?

Alles verändert sich

Ulrike Renk umfasst mit diesem dritten Teil ihrer Geschichte um Frederike zu Mansfeld die Zeit vom Oktober 1944 bis Mitte der 50 er Jahre. Die politischen Veränderungen dieser Zeit wirken sich massiv bis in alle Lebensbereiche der zu Mansfelds aus. Der Autorin ist es gelungen, diese Veränderungen mit einfühlsamen Schilderungen ihrer Protagonisten für den Leser miterlebbar zu machen. Dabei gibt es keine großen Gefühlsausbrüche. Baronin Freddy ist eine pragmatische Frau, die mit beiden Beinen auf der Erde stehen muss, um alle Aufgaben zu bewältigen, die auf sie zukommen. Da kann es einfach keine seitenlangen Sentimentalitäten geben. Umso besser, denn die eher nüchternen Schilderungen von zerstörten Städten, von Verbrechen in Konzentrationslagern, von den Zerstörungen, die die Russen bei ihrem Einmarsch anrichteten, von Verlusten und Kämpfen ums Überleben, gehen unter die Haut und berühren tief. Der Roman atmet eine sehr authentisch wirkende Atmosphäre und nimmt den Leser von der ersten bis zu den letzten Seiten mit auf die Reise durch diese mit viel Engagement erzählte Geschichte. Freddy, die Kämpferin, hat dabei alle Sympathien auf ihrer Seite, selbst dann, wenn man vielleicht im Osten Deutschlands aufgewachsen ist und die Veränderungen nach dem Krieg nicht grundsätzlich negativ bewertet. So manchem Leser wird möglicherweise bewusst, welche Fehler dabei begangen wurden und welche Tragweite diese Fehler bis in unsere heutige Zeit haben.

Wahrheit und Fiktion

Man spürt deutlich, wie intensiv hier recherchiert wurde und findet die Bestätigung dafür letztendlich im Nachwort, welches dem Leser bereits an dieser Stelle ans Herz gelegt sei. Dort erklärt Ulrike Renk noch einmal, welche realen historischen Vorbilder sie für ihre Romanreihe hatte und welche Ereignisse tatsächlich so stattgefunden haben wie im Roman beschrieben. Die Verknüpfung der realen historischen Fakten mit einer fiktiven Romanhandlung ist hier wirklich wunderbar gelungen. Dazu kommt die oft sehr detaillierte Schilderung des Alltagslebens auf dem Gut unter den schwierigen Bedingungen der Kriegszeit. Da kann man, bei aller Gefahr, die das mit sich brachte, auch seinen Spaß haben wenn man liest, wie die „Leute“ zusammen mit der „Gnädigen“ die Obrigkeit an der Nase herum führen. Zumindest weiß man hinterher, was eine Wiegesau ist.                    

Einige der Protagonisten kennt man schon aus dem ersten oder dem zweiten Roman der Reihe, andere kommen neu dazu. Natürlich ist Frederike die Figur, die am intensivsten gestaltet wurde, sie steht schließlich im Mittelpunkt der gesamten Handlung. Dennoch gibt es auch andere Protagonisten, die durchaus vielschichtige Charaktere geworden sind, die einen beim Lesen abstoßen oder auch ans Herz wachsen. Naturgemäß sind Spannung und Dramatik in den ersten zwei Dritteln des Romans am stärksten, bis zur gelungenen Flucht. Danach geht es ruhiger zu, dennoch interessant, denn auch wenn Frau Baronin Frederike zu Mansfeld eine Adelige ist, so fliegen ihr doch keineswegs gebratene Tauben in den Mund und man begleitet sie gerne bei dem Versuch, sich selbst und ihr Leben neu zu finden.

Fazit:

„Die Zeit der Kraniche“ ist ein sehr berührender, dichter Roman, vielleicht sogar der intensivste aus der Reihe. Man muss nicht unbedingt die vorhergehenden Bände gelesen haben, um in die Geschichte einsteigen zu können, allerdings würde man sich viel entgehen lassen, wenn man nicht alle drei Romane im Zusammenhang liest. Alle diese Romane können gut unterhalten, bieten jedoch noch viel mehr: Den Rückblick auf ein wichtiges Stück deutscher Geschichte, lebensnahe Protagonisten und den Blick auf eine Welt, die für immer untergegangen ist. Auf jeden Fall eine Leseempfehlung!

Die Zeit der Kraniche

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