Ein notwendiges Übel

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Heyne, 2017, Titel: 'A Necessary Evil', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85

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Jörg Kijanski
Farbenprächtige Fortsetzung des großartigen Debüts

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jul 2018

"Kalkutta 1920", so steht es groß auf dem Buchrücken. Doch die Stadt der Paläste gibt nur auf den ersten Seiten die farbenprächtige Kulisse, denn alsbald geht es für die beiden Protagonisten auf eine Reise in den Fürstenstaat Sambalpur. Dessen Thronfolger, Prinz Adhir, wird bei einem wichtigen Treffen in Kalkutta erschossen. Ausgerechnet vor den Augen von Ermittler Sam Wyndham und seinem Sergeant Surrender-not, dessen richtigen Vornamen der Engländer noch immer nicht aussprechen kann. Würdenträger zahlreicher Fürstenstaaten sollen der Einrichtung einer sogenannten Fürstenkammer zustimmen, quasi ein indisches House of Lords, welches die nach wie vor aktive Home-Rule-Bewegung beschwichtigen soll. Die Ermordung des Sohnes des Maharadschas von Sambalpur kommt daher politisch höchst ungelegen. Wyndham gelingt es wenig später den Mörder zu stellen, allerdings entzieht sich dieser durch Selbstmord seiner Verhaftung. Was bleibt ist ein schaler Beigeschmack, denn Prinz Adhir erhielt vor seinem Tod eindeutige Warnungen, welche aus seiner unmittelbaren Palastumgebung stammten.

 

"Die Macht liegt weiterhin allein in den Händen des Mahardschas und seiner Söhne."

"Wie viele Söhne hat er denn?"

"Bis zum tragischen Tod des Yuvrajs gab es drei anerkannte Thronfolger, also Söhne von offiziellen Frauen. Die männlichen Nachkommen, die er mit den Konkubinen hat, besitzen keinen Anspruch auf den Thron."

"Den Kokubinen?"

"Ja, Stand Ende März besaß er davon exakt einhundertsechsundzwanzig. Und zweihundertsechsundfünfzig Kinder. Die mit den drei offiziellen Frauen nicht mitgerechnet. Wir erhalten immer eine Kopie des jährlichen Finanzberichts des Fürsten. Darin ist in einem Vermerk zur betreffenden Kostenstelle alles genau aufgeführt."

 

Wyndham und  Surrender-not reisen nach Sambalpur, um an der feierlichen Beisetzung teilzunehmen. Natürlich wollen Sie dabei die Hintergründe des Mordes aufklären, nur haben sie in dem Fürstenstaat keinerlei polizeiliche Befugnisse. Erschwerend kommt hinzu, dass sie schon bald nicht mehr unterscheiden können, wer Freund und wer Feind ist...

Spannender und informativer Plot mit besonderem Flair

Die Handlung spielt im Juni 1920, ein gutes Jahr ist seit Wyndhams Ankunft in Kalkutta vergangen. Mit vielen der üblichen Gepflogenheiten kann sich der ehemalige Ermittler von Scotland Yard noch immer nicht anfreunden. Zudem vermisst er schon bald in Sambalpur, ein Fürstenstaat, der tatsächlich bereits 1849 von der East India Company annektiert wurde, sein geliebtes Opium. Entzugserscheinungen machen sich gelegentlich breit, immerhin hat er eine Flasche Glenfarcles im Gepäck. Der zu untersuchende Anschlag auf den Prinzen hat es in sich. Sind religiöse Fanatiker am Werk, Feinde der Herrscherfamilie oder geht es um politischen Einfluss und Entscheidungen? Ein Kurzauftritt des Leiter des militärischen Geheimdienstes in Bengalen gibt Wyndham zusätzlichen Anlass zur Sorge.

In Sambalpur werden seine Ermittlungen zunächst eingeschränkt, da er keine Befugnisse hat. Der Maharadscha selbst willigt jedoch ein, dass er und Surrender-not den hiesigen Polizeichef  Bhardwaj unterstützen. Schließlich gilt es, den Tod seines ältestens Sohnes aufzuklären. Eine Verdächtige hat der emsige wie unfähige Bhardwaj schon verhaften lassen. Doch wie soll es weitergehen, sollte der entscheidende Hintermann wirklich im Palast sitzen; beispielsweise Punit, der zweitälteste Sohn des Maharadschas und nunmehr der neue Thronfolger?  

Zahlreiche Spuren führen zu atermberaubenden Palästen, Tempeln und nicht zuletzt dem großen Harem des inzwischen greisen Herrschers, der mit Hilfe zahlreicher Konkubinen über zweihundertfünfzig Kinder gezeugt haben soll. Bei einer Großwildjagd auf einen indischen Tiger kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall und auch die religiösen Gepflogenheiten des Landes kommen nicht zu kurz. Beispielsweise die Verehrung von Gott Jagganath, ein vermeintlicher Avatar von Vishnu. Auch historisch bietet der Roman informative Unterhaltung, so wird unter anderem der Sepoyaufstand von 1857 beleuchtet. Selbstredend erfährt auch das (sofern überhaupt als solches zu bezeichnende) Liebesleben von Wyndham seine Fortsetzung. Die Sprache des Autors ist wie gewohnt kurzweilig-unterhaltsam, stets mit einem humorigen Unterton. Mitunter übertreibt es Abir Mukherjee ein wenig, beispielsweise wenn er den Vizekönig "so temperamentvoll wie Kopfsalat aus der letzten Woche" beschreibt. Ein notwendiges Übel ist ein abwechslungs- und temporeicher Mix mit überraschenden Wendungen vor beeindruckender Kulisse. Ein knapp zwanzig Seiten langer Anhang bietet zudem zahlreiche Erläuterungen. Wie schon das Debüt Ein angesehener Mann ist auch der zweite Band der Sam-Wyndham-Reihe ein klarer Kauf!

Ein notwendiges Übel

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Letzte Kommentare:
24.09.2020 16:34:22
Stefan Roth

Als bekennender Fan historischer Kriminalromane bin ich zugegebenermaßen bei diesem Genre besonders kritisch, aber auch immer wieder zu begeistern, wenn ich einen guten Roman vor mir habe.

…und „Ein notwendiges Übel“ von Abir Mukherjee ist ein besonders guter Historischer Krimi wie ich finde. Bereits den Vorgängerroman um den britischen Ermittler Sam Wyndham, den es 1919 nach Kalkutta verschlägt, fand ich äußerst gelungen, Band 2 der Reihe ist meiner Meinung nach aber noch besser.

Sam Wyndham und sein indischer Sergeant Banerjee ermitteln 1920 in der indischen Provinz, in Sambalpur. Der Thronfolger des Maharadschas wurde ermordet, und es wird nicht nur bei diesem einen Todesfall im Umfeld des Palastes bleiben.

Die Zeit in Indien des beginnenden 20. Jahrhunderts wird wunderbar beschrieben, inklusive vieler Tatsachen die uns heute seltsam erscheinen mögen, auch erhält der Leser Einblick in die sozialen Strukturen eines Harems im Indien des Jahres 1920.

Der eigentliche Kriminalfall ist gut durchdacht, strukturiert, spannend, mit überraschenden Wendungen und hält einen Täter/Täterin bereit auf den/die ich nicht gekommen bin.

Wahrscheinlich ist der Autor bis jetzt nur den wenigsten bekannt, wie ich finde ist er aber eine absolute Empfehlung für Leser die sich gerne einmal in die Vergangenheit entführen lassen.

Es muss also nicht immer Berlin oder Wien sein, auch an einem indischen Herrscherpalast waren die 20er golden.

Für das Lesevergnügen gebe ich

93 von 100 °

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