Die Jahre der Schwalben

  • Aufbau
  • Erschienen: Januar 2017
  • Aufbau, 2017, Titel: 'Die Jahre der Schwalben', Originalausgabe
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Annette Gloser
93

Histo-Couch Rezension vonOkt 2017

Das Leben einer Gutsherrin

Ostpreußen, 1930: Verzweifelt fährt Frederike von Stieglitz zu Mutter und Stiefvater. Mit der Mutter mag sie nicht reden, denn ihr gibt Frederike die Schuld an ihrer schwierigen Situation. Aber die junge Frau braucht die Hilfe des Stiefvaters. Ihr Ehemann Ax hat Tuberkulose und kämpft in einem Schweizer Sanatorium um sein Leben. Frederike steht mit der Leitung des riesigen Gutes Sobotka allein da, denn der Verwalter sympathisiert mit den Nazis und wirtschaftet das Gut zugrunde. Aber Frederike gelingt es, die Achtung ihrer Angestellten zu erwerben und dafür zu sorgen, dass Sobotka wieder schwarze Zahlen schreibt. Dann jedoch stirbt Ax und Frederike steht vor dem Nichts, denn sie kann das Gut nicht erben. Nur leben und arbeiten darf sie hier, aber sie könnte keine neue Ehe eingehen oder eine Familie gründen. Zudem ziehen am Horizont dunkle Wolken auf, denn Hitler wird für immer mehr Menschen zum Retter der Nation. Die NSDAP wird stärker und stärker. Frederike ist sicher: Kommen die Braunhemden an die Macht wird Deutschland in den nächsten Krieg steuern. Und dennoch sucht sie weiter ihr persönliches Glück. Als sie Gebhard zu Mansfeld kennenlernt öffnet sich für Frederike die Tür zu einem neuen Leben. Um sie herum jedoch verfallen die Menschen dem braunen Wahn und bald ist klar, dass sich die große Katastrophe nicht mehr aufhalten lässt.

Nah an der Realität

Der zweite Teil der Romanreihe um Frederike von Weidenfels umfasst die Jahre 1930 bis 1944. Die unkonventionelle und fleißige junge Gutsherrin wird in schwierige Lebenssituationen gestellt. Ihre Beharrlichkeit, ihr Lebensmut und ihre zutiefst humanistische Haltung, nicht zuletzt auch ihr Pragmatismus, machen sie zu einer sympathischen Protagonistin, die man gerne auf ihrem Weg begleitet, mit der man bangt, mit der man leidet und mit der man sich freut. Dabei hat sich Autorin Ulrike Renk sehr nah an die historische Realität gehalten. Spätestens wenn Gebhard sich als "Freiherr Gebhard Gans Edler zu Mansfeld" vorstellt fällt zumindest bei jenen Lesern der Groschen, die sich mit der Geschichte der Mark Brandenburg ein wenig auskennen. Hier kann nur die Familiengeschichte der Edlen Gänse zu Putlitz eingeflossen sein und schließlich war auch ein Graf Gebhard von Mansfeld zumindest der Sage nach sozusagen der Stammvater der "Gänse". Und die Autorin verweist auch selbst darauf, dass die Familie zu Putlitz ihr viel über die Familiengeschichte erzählt hat und die Erlaubnis gab, diese im Roman mit zu verarbeiten. So erkennt man dann auch sehr schnell jene Orte, an denen die Handlung des Romans spielt. Ebenso zeigen einige Protagonisten der Familie Mansfeld eine auffällige Ähnlichkeit mit historischen Persönlichkeiten der Familie zu Putlitz. Dies ist gewollt und wurde, wie die Autorin im Nachwort darlegt, auch ganz bewusst so gestaltet. Dem Roman tuts gut. Dem Leser wird eine sehr starke Authentizität übermittelt, man spürt die dramatische Atmosphäre jener Zeit geradezu auf der Haut. Dennoch: Die Jahre der Schwalben ist keine Familienchronik, sondern ein Roman, in dem sich wahre Geschichten und Fiktion mischen.

Harter Alltag, harte Zeiten                                                                                                                     

Ganz offenbar hat Ulrike Renk umfassend recherchiert, denn dieser Roman glänzt mit so vielen interessanten Details aus dem täglichen Leben auf den Gutshöfen, dass er schon allein dadurch spannend wird. Frederikes dramatische Geschichte und die Apokalypse des aufziehenden Krieges im Hintergrund bieten hierfür die Basis. Hier wird man nicht vordergründig mit Politik überfallen, aber dennoch ist man ständig mit ihr konfrontiert. Im Leben der Gutsbesitzer, sei es in Ostpreußen oder auch in der Prignitz, geht es nicht ohne Politik, sie spielt in jeden Bereich der Gutswirtschaft hinein. Es wird begreifbar, warum so viele Menschen - gerade in Ostpreußen - die Nazis wählten. Die vielen Einzelheiten jedoch sind regelrechte Glanzpunkte und schenken einen oft überraschenden Einblick in das Leben jener Menschen, von denen mancher glaubte, sie wurden mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Man erfährt, wie so ein Gut eigentlich funktionierte, welche Aufgaben jeder hatte, wie wichtig bestimmte Traditionen waren. Solche Genrebilder sind die Ruhepunkte des Romans, aber sie bringen die eigentliche Handlung nicht ins Stocken sondern bereichern sie. Dazu kommen lebendige Dialoge und lebensnahe und vielschichtige Charaktere bei den Protagonisten. Die Handlung nimmt schon auf den ersten Seiten Fahrt auf, wird spannend und bleibt es auch bis zum Schluss. Natürlich ist kein Leben nur einfach hochdramatisch ohne Pause, auch nicht in diesem Roman, und das ist auch gut so. Schließlich braucht man als Leser immer mal wieder ein wenig Muße zwischendurch. Und Frederike und Gebhard haben zum Glück auch ihre guten Zeiten miteinander. Man gönnt sie ihnen von ganzem Herzen.

Eine großartige Fortsetzung

Die Jahre der Schwalben ist eine wunderbar gelungene Fortsetzung des Romans Das Lied der Störche. Dieser Roman bietet interessante historische Fakten, Spannung, Alltägliches und große Dramen, ein bewegendes Sujet und sympathische Helden. Zusammengenommen also eigentlich alles, was ein guter historischer Roman braucht. Der Aufbau Taschenbuch Verlag steht eben für literarische Qualität, auch in diesem Fall. Das Nachwort der Autorin sei an dieser Stelle ausdrücklich zur Lektüre empfohlen. Man sollte den ersten Teil gelesen haben, aber Die Jahre der Schwalben kann durchaus auch für sich stehen und man schafft als Leser problemlos den Einstieg. Ein ausgesprochen empfehlenswerter Roman, nicht nur für brandenburgische Lokalpatrioten und Heimatforscher. 

Die Jahre der Schwalben

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