Die Tänzerin von Paris

  • Aufbau
  • Erschienen: Juli 2017
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  • Aufbau, 2016, Titel: 'The Joyce Girl', Originalausgabe
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Rita Dell'Agnese
921001

Histo-Couch Rezension vonFeb 2020

Von der Leidenschaft zum Wahnsinn

Die junge Tänzerin Lucia feiert im Paris der späten 20er Erfolge. Sehr zum Missfallen ihres Vaters, des grossen Schriftstellers James Joyce. Er beobachtet mit zunehmendem Missmut die Bestrebungen seiner Tochter, ein unabhängiges Leben zu führen. Denn Lucia ist ihrem Vater nicht nur ein Augenstern, sie ist in mancherlei Hinsicht auch Muse. Wenig abgewinnen kann James Joyce auch der Schwärmerei seiner Tochter für den jungen Schriftsteller Samuel Beckett, der ins Haus gekommen ist, um seinem erfolgreichen Vorbild zu assistieren und durch die Begegnung in seinem eigenen Schaffen voran zu kommen. Lucias Liebe fällt bei Samuel Beckett auf fruchtbaren Boden. Immer deutlicher wird aber auch, dass Lucia gegen innere Teufel zu kämpfen hat.

Die Zerrissenheit einer freiheitsstrebenden Frau

Das Portrait der Joyce-Tochter Lucia zeigt eines eindrücklich auf: Es ist eine Hypothek, das Kind berühmter Eltern zu sein. Für James Joyce ist es eine Selbstverständlichkeit, dass seine Tochter zu seinen Gunsten auf ein selbstbestimmtes Leben verzichtet. Obwohl Autorin Annabel Abbs in ihrem Roman „Die Tänzerin von Paris“ auf eine Schuldzuweisung in welche Richtung auch immer verzichtet, wird klar, welcher Belastung Lucia ausgesetzt ist. Zum einen schränken die gesellschaftlichen Konventionen das Leben der nach Freiheit strebenden jungen Frau ein, zum anderen versteht es James Joyce, seine Tochter quasi am Gängelband zu führen, um seine eigenen Bedürfnisse ungehemmt ausleben zu können.

Die andere Seite

Zum Ausdruck kommt aber auch, was man schon von anderen grossen Schriftstellern des frühen 20. Jahrhunderts kennt: Das Leben auf Kosten von verschiedenen Mäzenen, das die Familie Joyce mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit führte. Die Autorin offenbart ihren Lesern nicht nur das tragische Schicksal einer jungen Frau, die sich nicht aus der Abhängigkeit von ihrem Elternhaus lösen kann und die sich letztlich in einen ungesunden Zustand flüchtet. Sie macht auch sichtbar, nach welchen Regeln die Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts funktionierte und mit welchen Einschränkungen vor allem die Frauen zurechtkommen mussten. Es ist, als würde Annabel Abbs einen Schleier lüften und die Leser in die Vergangenheit eintauchen lassen. Dass sie beim Konzept ihres Romans zwei Zeitachsen einbaut, die auf einander zulaufen, macht deutlich, wie gekonnt die Atuorin hier ans Werk gegangen ist und wie gut sie sich in der Materie rund um das Leben von Lucia Joyce auskennt. Zwar fordert Annabel Abbs einiges von ihrem Publikum – nicht zuletzt auch immer wieder Durchhaltewillen – aber sie gibt ihm auch einiges. So viel, dass das Buch „Die Tänzerin von Paris“ aus der Masse von historischen Romanen heraussticht und viel Stoff zum Nachdenken liefert.

Fazit:

Annabel Abbs kokettiert nicht nur mit berühmten Namen, sie präsentiert hier ein gewissenhaft erarbeitetes Portrait einer spannenden Persönlichkeit, die Zeit ihres Lebens im Schatten ihres berühmten Vaters stand. Entstanden ist ein lesenswerter Roman mit vielen Facetten.

Die Tänzerin von Paris

Annabel Abbs, Aufbau

Die Tänzerin von Paris

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