Das Lied der Störche

  • Aufbau
  • Erschienen: Januar 2017
  • Aufbau, 2017, Titel: 'Das Lied der Störche', Originalausgabe
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Annette Gloser
87

Histo-Couch Rezension vonJan 2017

In einem Land, das keiner mehr kennt

Frederike von Weidenfels hat keinen Vater mehr. Ihr leiblicher Vater fiel vom Pferd und brach sich das Genick. Auch ihr Stiefvater ist mittlerweile verstorben. Nun, 1920, kurz nach dem großen Krieg, hat Frederikes Mutter wieder geheiratet, den Bruder ihres zweiten Ehemannes. Der herrschaftliche Wohnsitz in Potsdam wird aufgegeben und die Mutter zieht mit ihren drei Kindern auf das ostpreußische Gut ihres neuen Gatten. Für Frederike, ihren Halbbruder Fritz und die kleine Gerta beginnt ein völlig neues Leben in einem Land, in dem nachts die Wölfe heulen und im Sommer die Störche klappern, in dem die Mädchen mit "Marjellchen" angesprochen werden und das man vom Deutschen Reich aus nur erreichen kann, wenn man im verplombten Zug mit zugezogenen Gardinen durch den "Korridor" fährt. Ganz anders ist hier alles als in Potsdam und Berlin, aber schnell fühlen sich die Kinder wohl auf Gut Fennhusen. Aber für Frederike stellt sich bald die Frage, welche Zukunft ihr eigentlich offen steht. Sie hat kein Erbe zu erwarten, die Familie von Fennhusen ist ihr nicht verpflichtet. Aber dann beginnt Ax von Stieglitz ihr den Hof zu machen, ein Freund des Stiefvaters. Und vielleicht hat Frederike ja doch eine gesicherte Zukunft vor sich.

Fernab des Deutschen Reiches

Das Lied der Störche führt seine Leser zurück nach Ostpreußen, keineswegs in eine romantisch verklärte Idylle, sondern ein sehr reales Land in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und doch irgendwie ein Land, in dem die Welt in Ordnung ist, in dem man nach festen Regeln lebt und in dem jeder seinen ihm vom Leben zugewiesenen Platz hat. Ulrike Renk fokussiert dabei Frederike, die zu Beginn des Romans elf Jahre alt ist. So erscheint es ganz natürlich, dass die politischen Ereignisse der Zeit meist nur nebenbei erwähnt werden. Natürlich ist die Fahrt durch den polnischen Korridor für alle ein bedrückendes Erlebnis, auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Trennung vom Reich kommen immer wieder mal zur Sprache, aber das berührt die Welt der Kinder nur wenig. Viel wichtiger erscheinen da die Auseinandersetzungen der Mutter mit der Mamsell oder die Frage, wer zur Sommerfrische auf das Gut kommt.

Das fiktive Gut Fennhusen ist irgendwo in Ostpreußen angesiedelt, nicht so ganz weit im Osten wie Tilsit oder Königsberg, eher im Ermland, nahe der Grenze zum Polnischen Korridor. Ganz genau erfährt man das im Roman nicht. Und so scheint dieses ostpreußische Gut irgendwo zu schweben, fern der Politik und ohne festen Ort. Und dennoch ist es Ulrike Renk gelungen, ihr Fennhusen sehr real zu gestalten und es einzubinden in die Historie eines Landes, das es so heute nicht mehr gibt.

Alltag auf dem Adelsgut

Im Verlauf des Romans erfährt der Leser viel über den Alltag auf einem Adelsgut. Wohl mag manches erstaunen oder befremdlich erscheinen, interessant ist es allemal. Ob es um den Hauslehrer geht, um eine Gesellschaft für Freunde und Nachbarn, Benimm-Regeln oder die Planung einer Shoppingtour nach Potsdam und Berlin: Als Leser hat man das Gefühl, alles genau mit zu erleben. Und obwohl Fennhusen weit weg ist von großstädtischem Glamour, so dringt ein Abglanz der Goldenen Zwanziger mit seinen Pfauenschwanzkleidern, den Topfhüten und dem Shimmy doch bis ins abgelegene Ostpreußen. So entsteht eine stimmige und dichte  Atmosphäre.

Eine Fülle von Protagonisten tritt auf, bleibt ein Weilchen oder verschwindet relativ schnell wieder. Viele bleiben dabei allerdings eher blass, und dazu gehören leider auch Frederikes Mutter, die im Roman doch eine so entscheidende Rolle spielt, und Stiefvater Erik. Die wichtigen Rollen sind durch Frederike und ihre beiden Halbgeschwister Fritz und Gerta besetzt. Und diese drei bekommen viel Zuwendung von der Autorin. Insbesondere Frederike und Ax erscheinen als komplexe Charaktere, wecken die Sympathien des Lesers und Interesse für ihre Geschichte.

Ein Roman mit Höhen und Tiefen

Das Lied der Störche hat seine Höhen und Tiefen. Nicht schafft es die Autorin, den Spannungsbogen zu halten, es dauert auch eine Weile, bis er überhaupt aufgebaut ist. Dennoch bietet der Roman viel Interessantes und zeugt von intensiver Recherchearbeit der Autorin. Empfehlenswert ist das Nachwort der Autorin, in welchem sie auf die realen Hintergründe des Romans eingeht. Ein Roman, der viel über das vergangene Ostpreußen vermittelt, nicht nur Fakten sondern auch ein Lebensgefühl, und der eine Menge zu bieten hat. Es könnte sein, dass man sich beim Lesen plötzlich in einer ganz anderen Welt wiederfindet. Unbedingt eine lohnenswerte Lektüre.

Das Lied der Störche

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