Der Angstmann

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • dtv, 2016, Titel: 'Der Angstmann', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Jörg Kijanski
Beklemmender Krimi und atmosphärische Geschichtsstunde

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2016

Dresden. In einem Bootshaus wird am 30. November 1944 die Leiche einer Frau gefunden, die von ihrem Mörder förmlich aufgeschlitzt wurde. Kriminalinspektor Max Heller übernimmt die Ermittlungen, die ihn in ein nahe gelegenes Krankenhaus führen. Bei der Toten handelt es sich um Schwester Klara, ursprünglich aus Berlin, von ihrem jüdischen Mann geschieden. Für Obersturmbannführer Rudolf Klepp, ursprünglich gelernter Metzger und dank seiner SS-Laufbahn jetzt Hellers Vorgesetzter, ist der Fall klar. Der Jude hat sich an seiner Frau gerächt, Fall erledigt.

 

"Mutter sagt, der Angstmann geht um."

"Der Angstmann? Wer soll das sein?"

"Fängt kleine Kinder!"

"Geht heim. Angst gibt es genug, da brauchts nicht noch den schwarzen Mann dazu."

 

Doch es dauert keine drei Wochen, da wird in einem Dachgeschoss eine weitere Frauenleiche gefunden. Die Brutalität des Mörders hat zugenommen und so ermittelt Heller erneut, wenngleich auch hier der linientreue Klepp die Lösung bereits gefunden hat. Es muss sich um einen Sabotageakt feindlicher Agenten handeln, um Angst in der Bevölkerung zu schüren. Schließlich läuft die Westoffensive gerade an.

 

"Sehen Sie, Sie sagen es selbst! Vielleicht! Wir können uns keine Vielleichts mehr leisten heutzutage, da das deutsche Volk mit geschlossenen Reihen seinem finalen Kampf entgegentritt. Eine Fahndung ausrufen, Sie sind wohl von allen guten Geistern verlassen? Unsere Ressourcen verschwenden. Schluss damit, aus, basta!"

 

Dann gelingt es Heller in der Nacht des 13. Februar 1945 überraschend, den vermeintlichen Täter während einer Nachpatrouille zu stellen, doch diesem gelingt die Flucht, da sich Heller in letzter Minute in einen Luftschutzkeller retten muss. Nach der Bombernacht von Dresden scheinen die Stadt und der Mörder ausgelöscht...

Atmosphärisch starke Einblicke in das Leben in Dresden gegen Kriegsende

Der Angstmann von Frank Goldammer, der im Hauptberuf als Maler- und Lackierermeister sein Geld verdient, legt hier einen atmosphärisch intensiven, zeithistorischen Thriller vor. Die Bombenangriffe auf Dresden in der Nacht von 12. auf den 13. Februar 1945, bei denen rund 250.000 Menschen starben, stellen nicht nur den Untergang der historischen Stadt dar, sondern bilden den "Wendepunkt" des Romans. Dieser teilt sich in zwei Teile auf, wobei der erste Teil vom 30. November 1944 bis zu jener Nacht des 13. Februar 1945 spielt. Danach liegt die Stadt in Schutt und Asche, der Fall vom "Angstmann" scheint erledigt. Dann folgt der zweite Teil, der zwischen dem 16. und dem 25. Mai 1945 spielt. Per Proklamation haben die Russen Tage zuvor die Polizei aufgelöst, Heller ist arbeitslos und mit der Suche nach Lebensmitteln beschäftigt. Als er zufällig von einem neuen brutalen Frauenmord erfährt, wendet er sich an die russische Kommandantur. Zu seiner Überraschung wird er weder erschossen noch verhaftet; als ehemaliger Polizist keine Selbstverständlichkeit. Stattdessen darf er gemeinsam mit dem russischen Kommissar Saizew ermitteln.

Tiefe Einblicke in eine zerstörte Stadt

Der Krimiplot ist durchgehend spannend, aber vor allem sehr realistisch beschrieben. Die Menschen haben andere Sorgen wie Heller selbst nur bestens weiß. Ständig warten er und seine Frau auf eine Nachricht ihrer Söhne, die beide an der Front stehen. Längst ist klar, dass Hitlers Größenwahn dem Untergang geweiht ist, dass es nur noch eine Frage von Monaten, eher von Wochen, zu sein scheint, wann der Russe vor der Stadtgrenze steht. Doch es gibt auch jetzt noch verblendete Nazis wie Klepp, die unbeirrt an Wunderwaffe und Endsieg glauben.

 

"Auch wenn niemand es laut auszusprechen wagte, war es doch ganz offensichtlich, dass es das letzte Weihnachten unter der Hakenkreuzfahne sein würde. Klepps Herrenjahre waren zu Ende, früher oder später. Eigentlich jetzt schon. Alle seine Aufgaben, sein Ansehen, seine Macht, alles glitt ihm aus der Hand. Die Stadt barst vor Flüchtlingen, es gab Probleme mit der Versorgung, selbst an banalsten Dingen herrschte Mangel. Krankheiten brachen aus. Und Klepp räumte die letzten Judenhäuser. Absurd."

 

Eindrucksvoll beschreibt Frank Goldammer die Schrecken der Bombernacht und den anschließenden Blick auf die - nicht mehr existente - Stadt. Auch wenn kurz darauf die Freude über das Kriegsende erkennbar wird, so wird schnell klar, dass die Russen einen gewaltigen Hass gegen die Deutschen haben und der Schrecken für die Bevölkerung noch lange nicht vorbei ist.

Wer sich für die Geschichte des Dritten Reiches interessiert, findet hier am Beispiel  Dresdens ein großartiges Leseereignis, um sich in die Schrecken und Wirren gegen Kriegsende einzufühlen. Dass letztlich die Konstruktion des Krimiplots und seiner Auflösung einem nicht ganz unbekannten Muster entspricht - geschenkt. Zu sehr bedrücken die Vorkommnisse. Not und Elend, Angst vor Denunziation und Zerstörung, blinder Führergehorsam. Wer Freund und Feind ist, weiß in dieser Zeit niemand. Bloß nicht auffallen.

Der Angstmann ist der Auftakt einer Serie. Bei all dem Leid eine gute Nachricht!

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