Die Tochter des Malers

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Aufbau, 2015, Titel: 'The Bridal Chair', Originalausgabe

Couch-Wertung:

97
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Annette Gloser
Meine Ida ist wie eine Sternschnuppe

Buch-Rezension von Annette Gloser Sep 2015

Anfang der dreißiger Jahre lebt Familie Chagall in Frankreich. Ida, geliebte und verwöhnte Tochter des Hauses Chagall, kennt keine Sorgen. Aber sie kennt auch nicht das normale Leben eines jungen Mädchens. Nie hat sie eine Schule besucht und erst jetzt beginnt sie, so etwas wie Sesshaftigkeit kennen zu lernen. Sie spricht französisch, russisch, jiddisch, deutsch und englisch, sie verbringt die Tage damit, ihrem Vater Modell zu sitzen. Durch das Haus Chagall weht der Duft der Bohème, illustre Gäste sitzen am Tisch und Bella schmückt das Haus mit Blumen. Doch in den Nächten träumt Ida noch immer von Pogromen in Russland, von Brand und Tod. Und auch auf den Bildern ihres Vaters Marc Chagall spiegelt sich die Erfahrung von Tod und Flucht neben dem Glück der Liebe.

Als Ida in einem Ferienlager den Studenten Michel kennenlernt und sich verliebt, vertraut sie bedingungslos auf die Zuneigung ihrer Eltern. Nichts kann jemals den Familienzusammenhalt  der Familie Chagall erschüttern, da ist sich Ida sicher. Dann jedoch wird Ida ungewollt schwanger. Und sie muss erfahren, wie begrenzt die Liebe ihres Vaters sein kann. Zur Heirat mit Michel gezwungen, landet Ida in der Realität. Sie und ihr Mann Michel erkennen das heraufziehende Unheil, das über die Grenzen Deutschlands bis nach Frankreich wogt. Verzweifelt versuchen Ida und Michel, Idas Eltern zur Ausreise aus Frankreich zu bewegen. Aber Marc und Bella sind müde von den Jahren der Flucht. Sie klammern sich verzweifelt an ihre Wahlheimat Frankreich, an Marcs Status als weltberühmter Künstler, den niemand antasten würde, auch nicht die Nazis. Ida ordnet ihr gesamtes Leben den Bedürfnissen ihrer Eltern unter. Nur langsam schafft sie es, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Das Band zwischen ihr und dem Vater scheint unzertrennlich zu sein.

Der kleine Jude aus Witebsk

Gloria Goldreich zeichnet in ihrem Roman das Leben der Ida Chagall in der ersten Hälfte ihres Lebens nach. Es liegt in der Natur der Sache, dass auch Marc und Bella Chagall, Marcs Geliebte Virginia und seine zweite Frau Vava wichtige Rollen im Roman spielen. Dazu kommen Idas Ehemänner und Partner sowie bekannte Künstler, die zum Bekanntenkreis der Chagalls gehörten. Die Autorin dringt tief in die Charaktere ihrer Protagonisten ein, zeichnet mit feinem Pinsel nicht nur Skizzen sondern markante Studien. So bleibt eine gewisse Entidealisierung des großen Chagall nicht aus, so, wie vielleicht jede Ikone bei näherer Betrachtung an Glanz verliert. Und doch entsteht dabei ein völlig neuer Blick auf seine Werke, eine Perspektive mit Ecken und Kanten. Gloria Goldreich zeigt ihn als den Mann, der von sich selbst am Ende seines Lebens sinngemäß sagte: Was auch immer ich tat, wo auch immer ich war, Zeit meines Lebens blieb ich immer der kleine Jude aus Witebsk. Aber nicht Chagall steht im Mittelpunkt, sondern seine Tochter Ida.  Allerdings gelingt es der Autorin, die extrem enge Verbindung zwischen Bella, Marc und Ida Chagall für den Leser nacherlebbar zu machen. Wer bis dato keine Vorstellung davon hatte, was eine jiddische Mome ist, was ein jiddischer Tate bedeuten kann, der weiß es nach der Lektüre dieses Romans.

Der Roman portraitiert Ida als kapriziöses Mädchen ebenso wie als Frau mit vielfältigen Talenten, die ihr Leben zunächst ganz in den Dienst für das Wohl ihrer Eltern und das Werk ihres Vaters stellt. Dabei wird Ida als starke, zuverlässige Wand gezeigt, an die sich Marc und Bella immer anlehnen konnten, die Frau, die alle Fäden in der Hand hielt und doch verzweifelt versuchte, sich nicht von diesen Fäden fesseln zu lassen und ihren eigenen Weg zu gehen. Für Ida ist es schwer, neben dem berühmten Vater eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, zusätzlich eingeengt von der vereinnahmenden Liebe der Eltern.

Vom Festhalten und Loslassen

Für diesen Roman fand Gloria Goldreich eine sehr eindringliche, poetische Sprache mit wunderbaren Beschreibungen von Situationen und Orten. Bedingt durch die Schilderung der Lebensgeschichte Idas führt der Roman an vielfältige Schauplätze und streift zahlreiche Persönlichkeiten, die im Leben Chagalls wichtig waren. Beim Lesen entstehen deutliche Bilder, in denen sich die Familie Chagall bewegt. So können auch starke Gefühle aufkommen und die Palette reicht von Mitgefühl, Unverständnis und Wut bis hin zu Hilflosigkeit oder Erleichterung und Freude. Oft mag man kaum glauben, was man da liest, lernt aber allmählich auch zu begreifen wie sehr jahrhundertelange Verfolgung der Juden und das eigene Leben auf der Flucht das Leben und die Entscheidungen der Familie Chagall beeinflusst haben. Kaum verstehbar das unabdingbare Festhalten aneinander ohne Rücksicht auf, ja, ohne Interesse an anderen Schicksalen.

Dabei gelingt es der Autorin auch, den Prozess des allmählichen Loslassens nachzuzeichnen und dem Leser den Schmerz nahezubringen, den Ida dabei empfindet. Nicht nur durch persönliche Entscheidungen sondern auch bedingt durch die politischen Ereignisse entstehen zum Teil hochdramatische Situationen, die den Leser in geradezu atemlose Spannung versetzen können.

Der große Schatten des Genies

Die Tochter des Malers ist ein wunderbarer, großartiger Roman über eine junge Frau, die es schafft, sich aus dem Schatten des weltbekannten Vaters zu lösen. Angefüllt mit Dramatik und großen Gefühlen punktet dieser Roman mit seiner sensiblen Sprache, seinem feinen Gespür für dramatische Situationen und seinem Bemühen um Detailtreue. Hier hat der Aufbau Taschenbuch Verlag ein Buch im Programm, das aus der großen Masse weit herausragt. Leider ist das Vorwort der Autorin recht kurz geraten und ein Nachwort oder vielleicht einen Lebenslauf Ida Chagalls im Anhang gibt es nicht. Auch eine Abbildung des Gemäldes Der Hochzeitsthron oder ein Portrait von Ida sucht man vergebens. Aber das kann man zur Not auch in einem Bildband oder im Internet finden. So sei verziehen, dass das üppige Cover alleine Bilder von Paris bietet, die aber immerhin ausgezeichnet zum Inhalt des Romans passen.

Die Tochter des Malers bietet viel Information und gute Unterhaltung. Dieser Roman gehört zu den besonderen Büchern auf dem diesjährigen Buchmarkt.

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