Der leere Thron

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2015
  • 4
  • Rowohlt, 2014, Titel: 'The Empty Throne', Originalausgabe
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Carsten Jaehner
981001

Histo-Couch Rezension vonJun 2015

Die Familie - dein Freund, dein Feind

König Æthelred von Mercien liegt nach einer schweren Verwundung, die er sich im Kampf zugezogen hat, im Sterben. Man schreibt das Jahr 911, und im Hintergrund formieren sich bereits mögliche Nachfolger und solche, die ihren Herren helfen wollen, Herrscher zu werden. Uhtred, der einst Æthelreds Vater, König Alfred dem Grossen, die Treue geschworen hatte, ist ebenfalls schwer verwundet, lebt aber, ist aber kampfunfähig, doch sein Geist ist hellwach. Die Wunde will sich nicht schliessen, doch er muss für seine Herrin, Æthelreds Schwester Æthelflæd, die Stellung halten und sie möglichst auf den Thron hieven - obwohl sie eine Frau ist.

Derweil bringen sich die Nachfolger in Stellung. Durch Verheiratung sollen Bünde geschlossen werden und sich mögliche Kandidaten in bessere Positionen bringen, doch ist das nicht so einfach. Gerade Æthelflæds Tochter Ælfwynn ist ein begehrtes Heiratsobjekt, doch sie verweigert sich, und so kann Æthelflæd durch geschicktes Taktieren von Uhtred zur neuen Herrscherin gewählt werden.

Sie weiß, dass sie nur eine Übergangsherrscherin ist und ihr Bestreben ist, England zu einen und ihren Neffen Æthelstan auf den Thron vorzubereiten. Doch Æthelstan ist noch jung und gefährdet, von den Feinden getötet zu werden. Eine Möglichkeit für Uhrtred, sich zu beweisen und den vermeintlichen Thronfolger auf sein Amt vorzubereiten, während er selber nach der Waffe sucht, der er seine Verwundung zu verdanken hat. Doch neben Walisern haben auch die Norweger unter ihrem Anführer Sigtryggr die Absicht, sich in Mercien niederzulassen. Und so sind sowohl Uhtreds List als auch seine Kampfkraft gefragt.

Unblutiger Kampf um den Thron

Es ist einiges los im England des beginnenden 10. Jahrhunderts, und keiner versteht es, seinen Lesern dies so anschaulich, unterhaltsam und aufschlussreich zu vermitteln, wie es Bernard Cornwell beherrscht. Im bereits achten Teil seiner Sachsen-Saga beschreibt er wohl ein paar Schlüsselbegebenheiten, die letztlich in einem einigen England münden werden. Allerdings wäre ein Stammbaum zu Beginn des Buches hilfreich gewesen, denn bei all den Ähnlichkeiten der Namen mit Æthelred, Æthelstan, Æthelflæd und weiteren ähnlich zu schreibenden Namen hätte eine bessere Übersicht schon Sinn gemacht. Vielleicht holt der Verlag dies ja im bereits vom Autor fertig gestellten neunten Teil nach.

Bestechend in diesem achten Roman der Reihe ist vor allem das Thema Familie. Tatsächlich beginnt der Roman zwar mit Uhtred, aber nicht dem angeschlagen Senior, der der eigentliche Erzähler der Reihe ist, sondern seinem Sohn Uhtred, noch jung an Jahren und dennoch bereits mit einiger Erfahrung, und es lässt sich erahnen, dass er einst den Spuren seines hochangesehen Vaters folgen wird. Daneben nimmt auch Stiorra, Uhtreds Tochter, einigen Raum im Roman ein. So spielt Uhtreds Familie insgesamt eine grössere Rolle in dem Roman, und die auch deshalb, weil sie ebenfalls Spielfiguren im großen Spiel um die Macht in Mercien, Wessex, Ostanglien und Northumbrien werden, die eines Tages zu einem einheitlichen England verschmelzen werden.

Eine verzauberte Wunde

Nachdem die Macht für Æthelflæd durch List gerettet wurde, macht sie sich daran, ihre Macht zu bestätigen und auszubauen. Uhtred soll nach Wales gehen und dort helfen, norwegische Invasoren zu vertreiben, zudem sucht er immer noch nach der Lanze, die, wie man vielleicht aus Richard Wagners Oper "Parsifal" weiss ("Die Wunde schliesst der Speer nur, der sie schlug.") verhext war und so die einzige Möglichkeit darstellt, seine Leiden zu lindern und zu beenden. Doch erweist es sich als nicht so einfach, herauszufinden, wer nach seinem Sieg über Cnut den Speer an sich genommen hat. Die Suche danach ist zwar Privatsache, doch von Æthelflæd geduldet, braucht sie doch einen starken Uhtred - jederzeit.

Uhtred zur Seite stehen neben seiner Familie seine Getreuen, die wir bereits aus den vorigen Romanen kennen. Dies ist vor allem Finan, der nicht nur Uhtreds rechte Hand ist, sondern auch allmählich denkt wie sein Herr, und die Wortgefechte zwischen den beiden sind immer wieder des Lesens wert. Überhaupt besticht der Roman neben seiner saftigen Sprache auch durch seinen Humor, vor allem wenn es um Cornwells Lieblingsthema geht: Die Kirche und der Glauben.

 

Ceolnoth lachte hart auf. "Eine Frau! Krieger befehligen! Diese Vorstellung ist abwegig! Die Aufgabe einer Frau ist es, ihrem Ehemann zu gehorchen."

"Der heilige Paulus hat uns genaue Anweisungen gegeben", pflichtete ihm Ceolberth leidenschaftlich bei. "Er schreibt in seinem Brief an Timotheus, dass keine Frau über einen Mann herrschen kann. Die Heilige Schrift ist unmissverständlich."

"Hatte der heilige Paulus braune Augen?", fragte ich.

Von dieser Frage verwirrt, runzelte Ceolnoth die Stirn. "Das wissen wir nicht, Herr, warum fragt ihr?"

"Weil er offensichtlich nur Scheiße im Kopf hatte", sagte ich rachsüchtig.

 

Dennoch lässt sich Uhtred taufen, und das verwirrt Freunde wie Gegner, ist aber ein geschickter Schachzug mal wieder. Man kann ja das eine tun, ohne das andere zu lassen. So wie gelegentlich das Schwert zu schwingen, auch wenn es ihm gerade zu Beginn des Romans schwer fällt, denn er ist ja immer noch geschwächt von seiner Verwundung. Überhaupt nehmen Kämpfe in diesem Roman nicht den grössten Platz ein, aber wenn, dann werden sie gewohnt detailliert beschrieben und sind für den geübten Leser das ersehnte Salz in der Suppe. An den herrlichen Beschreibungen merkt man auch, dass Cornwell selber sehr viel Vergnügen hieran findet - die Seiten verblättern sich im Nu, und man ist nur deswegen traurig, weil wieder ein gelungenes Buch viel zu früh zu Ende ist.

Der leere Thron ist eines der stärkeren Bücher der Reihe, weil es strategisch einen wichtigen Zeitraum abdeckt, viele bunte Charaktere enthält und mehr in die persönliche und private Tiefe geht als seine Vorgänger. Der Roman enthält alles, was das Herz von Cornwell-Fans begehrt und verdient daher hohe Wertungen.

Warum Design-Wechsel?

Warum der Verlag sich allerdings dazu entschlossen hat, das Design der Buchcover zu wechseln (ausser aus Marketinggründen, die dem geneigten Leser eh völlig egal sind), bleibt schleierhaft. Zwar ist man nun näher an den englischen originalcovern, und auch Neuauflagen der früheren Romane werden nach und nach das neue Design erhalten. Das alte Design war für Fans gewohnter und eben nicht so einheitlich und daher etwas besonderes. Schade, auch deswegen, weil bei längerem in der Hand halten des Buches die goldene Farbe des Schriftzuges abblättert. Bedauerlich, dass man dem Mainstream folgen muss und nichts eigenes mehr machen kann.

Die gewohnten Zugaben wie eine Karte, Begriffserklärungen, Glossar und einem interessanten Nachwort, runden den äusserst gelungenen Roman ab, wenngleich, wie bereits erwähnt, ein Stammbaum schmerzlich vermisst wird. Dennoch bleibt die Spannung, bis der nächste Teil erscheint, erhalten. Herausragend. 

Der leere Thron

Bernard Cornwell, Rowohlt

Der leere Thron

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