Der sterbende König

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Rowohlt, 2011, Titel: 'Death of Kings', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Carsten Jaehner
Packende Weiterführung der Sachsen-Saga

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Aug 2012

Kurzgefasst:

Der König stirbt. Das Reich soll leben. Zum Ende des neunten Jahrhunderts droht England erneut im Chaos zu versinken. Uhtreds Herr, König Alfred, ist ein todkranker Mann. Krieg liegt in der Luft. Alfred will, dass sein Sohn Edward ihm auf dem Thron folgt. Doch die Krone begehren viele, Sachsen und heidnische Wikingerfürsten. Ist es für den Krieger Uhtred nun an der Zeit, das ihm geraubte Land im Norden wiederzuerobern? Nein. Denn auch wenn ihn kein Eid an den schwachen Königssohn bindet: Uhtred wird nicht zusehen, wie Alfreds Traum von einem starken England in Blut und Brand versinkt.

 

Wessex im Winter 898. König Alfred ist schwer krank und wird nicht mehr lange leben. Alle anderen englischen Könige warten auf seinen Tod, um anschließend in Krieg über die Königreiche auszubrechen. Alfreds treuester, wenn auch nicht überzeugtester Kämpfer ist immer noch Uhtred von Bebbanburg, der sich im Land viele Feinde und viel Respekt verschaffen hat. Von Alfreds Sohn und Nachfolger Edward bekommt er den Auftrag, zu König Eohric zu gehen, um einen Friedenvertrag auszuhandeln.

Immer wieder kreuzt Sigurd seinen Weg, den er ein einer vorherigen Schlacht am Leben gelassen hat, was er seitdem bereut. Wegen des Friedensangebots wittert er eine Falle, und tatsächlich wollen Sigurds Truppen ihn überfallen. Sigurd hatte von der Zauberin Ælfadell gesagt bekommen, Uhtred würde sterben, und so sucht er die Zauberin selber auf, bekommt aber etwas ganz anderes gesagt.

Uhtred deckt ein Komplott auf und geht sicherheitshalber an den Hof des sterbenden Königs Alfred. Dieser ringt ihm das Versprechen ab, seinem Sohn und Nachfolger Edward den Treueeid zu schwören, und da dies sein letzter Wille ist, schwört Uhtred Edward den Eid. Doch damit beginnen die Probleme erst, denn nach Alfreds Tod bringen sich viele Feind in Position, um die Machtverhältnisse zu verschieben. Und darunter befinden sich auch Blutsverwandte wie Edwards Cousin Æthelwold...

Schachereien im Hintergrund

Bernard Cornwell hat mit Der sterbende König den sechsten Teil seiner Sachsen-Saga vorgelegt, in dem Uhtred immer noch der Held ist und aus dessen Ich-Perspektive die Geschichte der fünf vorherigen Bände nahtlos weitererzählt wird. Doch steht Uhtred selbst nicht so sehr im Fokus der Erzählung, jedenfalls geht es nicht um seine persönliche Geschichte, die ihn dazu treibt, seinen Onkel von der Bebbanburg zu vertreiben. Hier steht König Alfred im Mittelpunkt, beziehungsweise liegt er, denn er hat sein Sterbebett schon lange nicht mehr verlassen und wird dies auch nicht mehr tun.

Man wird nicht zu viel verraten, wenn man erwähnt, dass Alfred tatsächlich ziemlich genau in der Mitte des Buches stirbt und die verschiedensten politischen Parteien sich außerhalb der Burg in Stellung bringen, um sich gegenseitig zu bekriegen. So kann der Roman getrost in die zwei Teile vor und nach Alfreds Tod unterteilt werden. Und man stellt tatsächlich fest, dass der erste Teil der schwächere der beiden ist, wenngleich im zweiten eigentlich mehr passiert.

Leichte Schwächen in der ersten Romanhälfte

Zwar wird im ersten Teil wieder geschlachtet und gemetzelt, aber irgendwie schwebt über allem der sterbende König, und die Könige und Herrscher aller britischen Länder warten nur darauf, damit man sich in Stellung für weitere Kriegstaten geben kann. Da wird geschachert und um Bündnisse gefeilscht, mit Dänen paktiert oder auch nicht, und Uhtred ist wie gewohnt Herr der Lage und durchschaut, wenn auch knapp, die Intrigen, die hinter seinem Rücken und gegen Alfred und seinen Sohn und Thronfolger Edward geschmiedet werden.

Das ist zwar spannend, und Fans von Cornwell kommen durchaus auf ihren Geschmack, aber irgendwie fehlt ein gewisser Fluss in der Erzählung. Ein bisschen hölzern kommt die Erzählung daher, man vermisst gelegentlich einen gewissen Tiefgang, und so richtig wird man mit den Charakteren auch nicht warm. Vielleicht mag es auch an der Übersetzung liegen, denn es fällt schon auf, dass bei einigen englischen Redewendungen versucht wurde, ein entsprechendes deutsches Pendant zu finden, was aber nicht immer geglückt ist. Immerhin gibt es aber einige neue und alte Personen, die man wiedertrifft oder die man kennen lernt, wie die Zauberin Ælfadell, die zwar einen prominenten Platz in der ersten Hälfte des Romans bekommt, letztlich aber doch nicht so entscheidend für den weiteren Verlauf der Handlung sein wird.

Und der Gegner greift nicht an

In der zweiten Hälfte des Romans, als Edward die Krone übernimmt und Uhtred ihm den Treueschwur geleistet hat, formieren sich die Gegner des neuen Königs, der vorhat, das Erbe seines Vaters anzutreten und letztlich ein geeintes Britannien, vor allem ohne Dänen, zu schaffen. Uhtred selber entwickelt sich nicht großartig weiter, aber dafür umspannt der Roman auch nicht genügend Zeit. Gerade mal drei Jahre vergehen auf den etwas mehr als 500 Seiten, und in der zweiten Hälfte findet der Erzähler wieder zu seiner alten, gewohnten Stärke. Es wird nicht so viel herumgeschlachtet, und das wundert selbst Uhtred, denn er würde an Stelle seiner Feinde anders vorgehen. Doch gerade hierin liegt die Spannung, dass er nicht weiß, was sein Gegner planen und wie sie vorgehen. Sie sind in der Überzahl, und es müsste ihnen ein leichtes sein, Uhtred und seine Mannen zu schlagen, aber sie greifen nicht an. Hinzu kommt, dass man sich nie sicher sein kann, wer Freund ist und wer Feind, und nur gelegentlich kommen Boten mit Nachrichten von anderen Fronten, und erst langsam kristallisiert sich heraus, was sich da auf britischem Boden überhaupt abspielt.

Cornwell vermischt gekonnt altbekanntes aus seinen Romanen, vor allem das Personal, mit neuen Aspekten und bringt auch einige vergnügliche verbale Scharmützel mit. Amüsant sind vor allem immer wieder sein Unverständnis der Kirche gegenüber, mit der er immer noch nicht viel anfangen kann, und dem damit verbundenen ewigen Zwist mit den Göttern des Nordens. Wie man mit einer handvoll Broten und Fischen zehntausend Menschen ernähren konnte, ist ein gefundenes Fressen für einen sarkastischen Kommentar. Neu ist, dass Uhtred noch nie einen Löwen gesehen hat und sich auch nicht vorstellen kann, wie so einer denn wohl aussehen mag - das ist immer wieder für einen Schmunzler gut. Cornwell versteht es, selbst im dreckigsten Kampf seinen Helden Humor einzugeben, der dann auch nicht unpassend ist.

Trotz allem packend und spannend

Cornwell gelingt es, sich dramaturgisch nicht zu wiederholen, allerdings kommen die Gedanken an das Kämpfen im Schildwall doch recht oft vor, und auch als jemand, der erstmals einen Cornwell-Roman in der Hand hält, dürfte man feststellen, dass es mit dieser "Schildwall-Romantik" vielleicht ein wenig übertrieben wurde. Man ist auch geneigt zu sagen, dass man mit all den Namen, die mit "Æ" beginnen, wie Æthelwold, Æthelflaed, Æthelred, Æthelstan und Ælfadell (letztere ist die Zauberin und nicht mit den anderen, Alfreds Familie, verwandt) schon durcheinander kommen kann, da aber die Familienmitglieder tatsächlich so geheissen haben, muss man da einfach durch und sich im Zweifelsfall des Stammbaums bedienen, der am Beginn des Romans steht.

Eine Karte, das Ortsnamenverzeichnis, der Stammbaum und ein hochinteressantes Nachwort ergänzen den Roman, der für die Hauptperson keine Entwicklung zeigt, wohl aber eine entscheidende Schnittstelle in der Geschichte Britanniens präsentiert und diese dem Leser trotz allem spannend und packend erzählt. Mag dieser Roman auch nicht der stärkste in der Reihe der Sachsen-Saga sein, so ist einem ein "schwächerer" Cornwell doch immer noch lieber als einiges andere auf dem Büchermarkt, das weniger Tiefgang und wenig Spannung zwischen zwei Buchdeckel bringt. Warum der Titel Der sterbende König gewählt wurde, bleibt fraglich, denn der Originaltitel Death of Kings, also "Tod von Königen" trifft viel mehr zu, denn es werden noch mehr Könige außer nur Alfred die letzte Seite des Romans nicht lebend erreichen. Das Mittelalter war eben blutig, gewalttätig, voller interessanter Geschichten und unheimlich spannend. Und so warten wir mit Freude auf den siebten Teil, den der Autor bereits angekündigt hat.

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