Mr. Cruso, Mrs. Barton und Mr. Foe

Erschienen: Januar 1990

Bibliographische Angaben

  • Hanser, 1986, Titel: 'Foe', Originalausgabe

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Almut Oetjen
Wer ist Freitag?

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mai 2012

Kurzgefasst:

Um 1720: Susan Barton, von meuternden Matrosen auf einer Insel irgendwo im Atlantik ausgesetzt, trifft auf Robinson und Freitag. Doch anders als in dem berühmten Roman von Defoe gibt es auf der Insel keine Abenteuer zu bestehen, gibt es keine wilden Tiere und keine Kannibalen. Robinson ist nicht sonderlich erfolgreich bei der Feldbestellung. Er konnte Freitag auch nichts beibringen, denn Freitag war stumm. Schließlich wird das Trio gerettet (Robinson hat gar keine Lust mehr, in die Zivilisation zurückzukehren und stirbt auf der Rückreise nach London). Susan Barton, in Begleitung von Freitag, will jetzt vom Schriftsteller Foe ihre Geschichte aufschreiben lassen, die Geschichte der »ersten englischen Schiffbrüchigen«. Mr. Foe hat als professioneller Schreiber freilich ganz andere Vorstellungen von der (Aus-)Gestaltung der Geschichte als die Erzählerin.

 

Die Engländerin Susan Barton wird auf der Suche nach ihrer entführten Tochter von meuternden Seeleuten vor der Küste Patagoniens ausgesetzt. Sie rettet sich auf eine einsame Insel, die sich der schiffbrüchige Engländer Robinson Cruso und sein afrikanischer Hausdiener Freitag mit unzähligen Vögeln und einer Horde Affen teilen. Das Leben auf der Insel ist hart und eintönig. Außer Fisch, Vogeleier und bitteren Salat gibt es keine Nahrungsmittel. Ständig tost ein starker Wind, sintflutartige Regenfälle drohen die Hütte wegzuschwemmen. Die Zeit verbringen Cruso und Freitag mit dem Fischen und der Jagd auf die aufdringlichen Affen, deren Fell sie als Schuhe, Decken und Kleidung verwenden. Eine Ecke der Insel roden sie, jedoch lediglich zum Zeitvertreib, denn zum Bewirtschaften fehlen Pflanzen und Samen. Cruso, der sich nicht als Gestrandeter fühlt, möchte die Insel nicht verlassen. Susan wird nach Freitag sein zweiter Untergebener, seine Pflegerin, als er an einem Fieber erkrankt, für eine Nacht seine Frau und später seine Biografin.

Ein Jahr später wird das Trio von einem britischen Handelsschiff gerettet. Unterwegs nach England stirbt Cruso. In London begegnen Susan und ihr ständiger Begleiter Freitag dem Schriftsteller Foe. Sie möchte, dass er die Geschichte über Crusos Insel niederschreibt. Doch dann verschwindet Foe, und ein mysteriöses Mädchen steht vor ihrer Tür und behauptet, Susan Barton zu heißen und ihre vermisste Tochter zu sein.

Umkehr des Robinson-Mythos

Daniel Defoes Klassiker wird aus weiblicher Perspektive neu erzählt und zwar wahrheitsgetreu, wie die Ich-Erzählerin Susan Barton behauptet. Die Insel ist nicht wildromantisch mit Sandstränden, Wasserfällen, Höhlen im Dschungelgebirge, exotischen Früchten und kalten Bächen, sondern ein felsiger Tafelberg mit ein paar braunen Büschen. Es gibt keine Seeräuber, Kannibalen oder gefährlichen Tiere. Cruso hat folglich keine Abenteuer zu bestehen. Er ist ein alter Mann um die Siebzig, mürrisch und einsiedlerisch, ohne Ambitionen, Charme oder Eloquenz. Er schreibt kein Tagebuch, seine Gedanken sind einfach, er beschäftigt sich nicht mit religiösen oder philosophischen Themen, und er will Freitag nichts lehren. Seine einzige Ambition besteht darin, einen Berghang zu roden, um Terrassen anzulegen. Seine Arbeit ist nutzlos, denn er wird mangels Saatgut keinen Landbau treiben können. Sein einziges modernes Werkzeug ist ein Messer, das er beim Untergang des Schiffes retten konnte. Trotzdem versucht er nie, nach dem Schiffswrack zu tauchen, um sich Werkzeug zu beschaffen oder Materialien für den Bau eines Bootes, denn er will die Insel gar nicht verlassen. Weder ist Cruso ein Held, der Gefahr, Primitivität und Einsamkeit bekämpft und gestärkt als Sieger in seine Heimat zurückkehrt, noch ein kauziger Sonderling, wie Susan anfangs irritiert glaubt. Sein Leben beruht auf einer selbst entwickelten Philosophie, die die "Segnungen der Zivilisation" auf den Kopf stellt.

Ein Roman über die Vorgeschichte eines Romans

Coetzee schreibt einen Roman über die Entstehungsgeschichte von Daniel Defoes (eigentliche D. Foe) Abenteuerroman Robinson Crusoe von 1719, der größtenteils auf den Erlebnissen des Seemanns Alexander Selkirk beruht und ein angeblich um Wahrhaftigkeit bemühter Tatsachenbericht ist. Die Geschichte hinter der Geschichte liest man bei Coetzee auf den ersten 50 Seiten. Es ist der Bericht, den Susan Barton für Foe aufschreibt, damit der Schriftsteller daraus einen Roman ohne Lügen und Ausschmückungen fabriziert. Foe hingegen will einen Roman über Susans Suche nach der verschwundenen Tochter schreiben und die Inselgeschichte zu einer Episode im Roman machen, angereichert um Menschenfresser und Seeräuber. Das lehnt Susan zunächst ab. Erst allmählich begreift sie in der zunächst brieflich, dann persönlich geführten Auseinandersetzung die Position des Autors und realisiert, wie Foe nicht nur ihren Bericht, sondern auch ihr Leben und folglich ihre eigene Geschichte manipuliert. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Mensch und Figur beginnen zu verschwimmen.

Freitag ... bleibt stumm

Die ersten drei Teile des Romans stammen von der Ich-Erzählerin Susan - der Bericht über die Robinson-Insel, die Briefe an Foe und schließlich der Bericht über ihr Zusammenleben mit Foe und Freitag. Den vierten und letzten Teil liefert ein unbekannter Ich-Erzähler, der von der Vergangenheit in die Gegenwart schwenkt. Eine Gedenktafel markiert das Haus, in dem Foe lebte. Sein Name hat sich geändert in Daniel Defoe. Nicht geändert hat sich die Frage nach der Geschichte Freitags, die sich auch Susan stellt, allerdings vergebens, denn Freitag ist stumm. Sklavenhändler schnitten ihm als Kind die Zunge und möglicherweise noch mehr ab. Wie viel er versteht, weiß keiner, denn Cruso versucht in den fünfzehn Jahren auf der Insel nie, ihm über einige einfache Anweisungen hinaus die Sprache beizubringen oder sich in Schrift oder Bild auszudrücken. Cruso erzählt wenig über ihn. Er führt kein Tagebuch über sein Inselleben, seine Geschichten über Freitag sind widersprüchlich. Wurde Freitag von Sklavenhändlern oder vielleicht von Cruso selbst verstümmelt? War Freitag ein Kannibale? Was denkt, was fühlt er? Seine Geschichte bleibt unerzählt, für immer ein Rätsel. Freitag wird zur eigentlichen Hauptfigur des Romans.

Fazit

Der anspruchsvolle Roman benutzt die (fiktive) Entstehungsgeschichte eines Klassikers, um das Schreiben als einen Transformationsprozess von Wahrheit in Fiktion und die gestohlene Stimme der Schwarzen Afrikas zu thematisieren.

Mr. Cruso, Mrs. Barton und Mr. Foe

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