Die Henkerin

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Weltbild, 2011, Titel: 'Die Henkerin', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Carsten Jaehner
Spannendes und abwechslungsreiches Henkergewerbe

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2012

Kurzgefasst:

Esslingen, 1325: Melisande ist noch ein Kind, als ihre Familie in einem Hinterhalt brutal gemeuchelt wird. Dass sie überlebt, verdankt sie allein Raimund. Dem Henker. Er nimmt sie zu sich, gibt sie als seinen stummen Neffen aus, lehrt sie sogar sein Handwerk - das nicht nur entsetzliche Foltermethoden, sondern auch die Kunst des Heilens umfasst. Ihre verletzte Seele findet dennoch keine Ruhe, hat sie ihrer sterbenden Mutter doch eines versprochen: den Mörder zu finden und sie zu rächen.

 

Esslingen im Jahr 1325. Die Familie von Melisande Wilhelmis ist auf der Rückfahrt von einer Hochzeit nach Hause. Sie ist erst dreizehn, muss aber schreckliches mit ansehen: in einem Hinterhalt wird ihr Troß überfallen und die ganze Familie getötet, nur sie kann wie durch ein Wunder entkommen. Befohlen hat diesen Überfall Ottmar de Bruce, dessen Sohn einst von Melisandes Vater in einem Zweikampf umgebracht wurde. De Bruce hatte geschworen, die gesamte Familie zu vernichten und sucht nach Melisande.

Melisande wird vom Henker des Ortes, Raimund, gefunden und in Sicherheit gebracht. Sie erlernt als sein stummer Neffe Melchior das Henkerhandwerk, hat aber immer noch den Schwur an ihre Mutter im Kopf, de Bruce eines Tages zu töten. De Bruce selbst ist brutal und überall unbeliebt und gefürchtet und ahnt, dass Melisande noch lebt, auch wenn er sie nicht finden kann. Er schickt seine Schergen aus, die ein ähnlich aussehendes Mädchen finden und töten, aber sicher sind die nicht.

Fünf Jahre später. Raimund ist scher krank und Melisande hat seit eineinhalb Jahren seine Arbeit übernommen. Da kommt der Weinhändler Wendel Füger nach Esslingen und trifft auf de Bruce, der ihm Wein abkauft. Doch auch Wendel gerät wie so viele bei de Bruce in Ungnade und in Lebensgefahr. Als Melisande Wendel hinrichten soll, beschließt sie, ihn zu befreien und zu fliehen. Sie findet ihn nett, jedoch ist sie ein Mann und ein Henker und beim Volk äußerst unbeliebt. Doch immer noch gibt de Bruce keine Ruhe...

Interessante Details des Henkershandwerks

Sabine Martin, erfolgreiches Autorenpaar, hat mit Die Henkerin einen spannenden und abwechslungsreichen Roman vorgelegt, der enormes Tempo hat und auch mit überraschenden Wendungen nicht geizt. Das süddeutsche Mittelalter wird dabei schön eingefangen und bietet die angemessene Kulisse für den Roman.

Im Mittelpunkt steht das rothaarige Mädchen Melisande, das nach dem Verlust seiner Familie beim Henker Raimund unterkommt und dort das Henkershandwerk lernt. Hier erfährt der Leser einiges über die Rolle und das (nicht vorhandene) Ansehen des Henkers, den jeder kennt, wo Kontakt oder gar nur Berührung mit ihm Unglück und Unheil bringt. Dass dies Vorteile und Nachteile hat, wird gut dargestellt, und man sieht hier das Mittelalter aus einem völlig neuen und ungewohnten Blickwinkel.

Man leidet mit Raimund mit, und auch die Protagonistin Melisande hat an ihrer neuen Identität zu knacken. Heimlich bereitet sie den Mord an de Bruce vor, aber immer wieder kommt ihr etwas dazwischen. Durch ihr neu erlerntes Handwerk hat sie Kraft bekommen und auch den Umgang mit Schwertern gelernt, doch ist es sehr schwierig, eine Situation zu finden, in der sie ihren Plan umsetzen kann. Doch sie meistert ihr Schicksal und gibt nicht auf, wenngleich sie das eine ums andere Mal ans Lamentieren kommt, was gerade in der ersten Romanhälfte ein wenig nervig werden kann.

Ein schön fieser Bösewicht

Graf Ottmar de Bruce ist ein fieser Bösewicht ganz nach literarischem Geschmack. Gekonnt wird er als übermächtiger Adliger gezeichnet, der keine Angst hat und auf Vollendung seiner Rache an der Familie Michaelis brennt. Er heiratet ein zweites Mal, und bei diesem Ereignis lernt er den Weinhändler Wendel Füger kennen, dessen Rolle in diesem Spiel zunächst nicht ganz klar ist. Auch er selber kann zunächst sein Glück nicht fassen, mit de Bruce bekannt zu werden und mit ihm in Handel zu treten, doch schon bald merkt auch er, dass de Bruce nicht so ist, wie er ihn gerne hätte, und findet sich im Kerker wieder.

Auch wenn Wendel erst später im Roman auftritt, so ist er doch neben Melisande, de Bruce und Raimund der vierte Hauptprotagonist des Romans. Es gibt noch weitere wichtige Personen, hauptsächlich unter den Schergen von de Bruce, die eine wichtige Rolle spielen. Immer behalten die Autoren die Übersicht und konstruieren ein bunten Roman, der an keiner Stelle langweilig ist.

Bestechender Detailreichtum

Neben der abwechslungsreichen Personenkonstellation, die sich immer wieder ändert und deren Gewicht sich immer wieder verschiebt, besticht der Roman vor allem durch sein Detailreichtum und seine gute Beschreibung der Lebensumstände der Menschen. Das Autorenpaar Sabine Martin kennt sich aus im Mittelalter, und dies ist in jeder Zeile zu spüren. Durch ihre einfache, aber prägnante Sprache machen sie es den Lesern leicht, dem Geschehen zu folgen und sich in eine fremde Zeit versetzen zu lassen. Die Genauigkeit der Beschreibungen der Henkerstätigkeiten könnten zwar einige Leser abschrecken, aber ein gewisser Realismus gehört bei diesem Handwerk auch einfach dazu.

Einzig gegen Ende gibt es ein paar Unkonzentriertheiten, und auch bleibt irgendwie nicht klar, wie es die Menschen nicht geschafft haben, Melisande durch ihre verschiedenen Identitäten zu erkennen, zumal rothaarige junge Menschen, egal ob Mann oder Frau, immer irgendwie auffällig sind.

Eine Karte und ein Glossar ergänzen den spannenden Roman, der im kommenden Jahr auch eine Fortsetzung bekommen wird. Wer sich für das Mittelalter interessiert und einen abwechslungsreichen Roman mit vielen Überraschungen und Möglichkeiten lesen möchte, wird mit Die Henkerin sicherlich einen guten Griff tun.

 

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