Krieg der Sänger

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Piper, 2012, Titel: 'Krieg der Sänger', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Carsten Jaehner
Der unerwartet wörtliche Sängerkrieg auf der Wartburg

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2012

Kurzgefasst:

Auf der Wartburg versammeln sich an den Weihnachtstagen 1206 die sechs bedeutendsten Dichter deutscher Zunge. Was als friedlicher Sängergipfel in Zeiten des Bürgerkriegs geplant war, artet aus in gegenseitige Provokationen und Streitereien - und endet mit dem Vorhaben, einen Wettstreit auf Leben und Tod durchzuführen: Wolfram von Eschenbachs Parzival gegen das Nibelungenlied Heinrichs von Ofterdingen und die Minnelieder Walthers von der Vogelweide. Aber es ist ein Spiel mit gezinkten Karten: Absprachen werden getroffen, Intrigen geschmiedet, Menschen verschwinden auf unerklärliche Weise von der verschneiten Burg. Ausgerechnet der jüngste und unbegabteste der Sänger nimmt es auf sich, Licht ins Dunkel zu bringen. Denn auch er muss entscheiden, auf wessen Seite er sich schlägt in diesem Krieg der Sänger.

 

Im Herbst 1521 sitzt Martin Luther in seiner Kammer der Wartburg in Thüringen und übersetzt die Bibel ins Deutsche. Da erscheint ihm der Teufel und versucht, ihn davon abzubringen. Als Beispiel für die Schlechtigkeit der Menschen erzählt der Teufel Luther die Geschichte vom Sängerkrieg auf der Wartburg aus dem Jahr 1206.

Landgraf Hermann von Thüringen hatte die sechs besten Sänger seiner Zeit zu einem Wettstreit eingeladen mit der Möglichkeit, die Winter- und Weihnachtstage auf der Burg zu verbringen. Dem Ruf folgten neben Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach auch der alte Reinmar von Hagenau, Heinrich von Ofterdingen, Heinrich von Weißensee als Schreiber und der junge Biterolf von Stillaha.

Schon bei der Ankunft auf der Wartburg ist Biterolf nervös, da er doch seine großen Vorbilder treffen wird. Alles sind auch recht freundlich, einzig Heinrich von Ofterdingen ist bei allen unbeliebt wegen seiner schroffen und beleidigenden Art, die ihm schon in der Vergangenheit viele Feinde gemacht hat. Schnell geraten sich die sechs Sänger in die Haare und beschließen einen Wettstreit, der dem Sieger die Krone bringen soll, dem Verlierer jedoch den Kopf kosten soll. Der Landgraf stimmt zu, und der Wettstreit nimmt seinen Lauf. Als der Schiedsrichter Reinmar Sieger und Verlierer kürt, nutzt der Verlierer den Moment, das Richtschwert aus dem Fenster zu werfen und in den Kerker gebracht zu werden. Biterolf deckt nach und nach eine Verschwörung auf, bei der der Verlierer scheinbar von vornherein festgestanden haben soll...

Rahmenhandlung mit Luther und dem Teufel

Der Titel von Robert Löhrs Roman Krieg der Sänger ist, auch wenn man es zunächst nicht meinen soll, durchaus wörtlich zu nehmen. Eingebettet in die Rahmenhandlung um Luther und den Teufel, die am Anfang, in der Mitte und am Ende steht, gibt es die beiden Teile "Sängerstreit" und "Sängerkrieg", wobei der erste mit dem Urteil nach dem Gesangswettbewerb und dem Hinauswurf des Richtschwerts endet.

Eine Rahmenhandlung mit Luther und dem Teufel zu entwerfen, ist schon irgendwie frech, aber es passt sehr gut und bettet die Geschichte des Sängerstreits in einen schönen Zusammenhang, bietet sich doch immerhin mit der Wartburg die selbe Kulisse für beide Geschichten.

Unterhaltsame Erzählung

Der Leser verfolgt den jungen Biterolf auf seinem Weg zur Wartburg, was eine kluge Entscheidung ist, lernt man doch alle Sänger aus einer neutralen Perspektive kennen. Mit Walther und Wolfram trifft er seine beiden Idole, und der Hass auf Heinrich von Ofterdingen wird auch klar und deutlich erklärt. Nach und nach lernt der Leser auch die Vorgeschichten der Sänger kennen, die dramaturgisch geschickt in die Erzählung eingefügt werden.

Löhr weiß zu erzählen und den Leser zu unterhalten, gelegentlich kann man sich auch ein kräftiges Lachen nicht verkneifen, gerade wenn die Sprache mal etwas derber wird, wobei dies nie unangemessen ist. Mit Witz weiß der Autor zu formulieren und den Leser an die Lektüre zu fesseln, mit so manch einem zeitgeschichtlichen Seitenhieb. Dies funktioniert vor allem bis zur Mitte des Buches nach dem Wettstreit. Der Wettstreit an sich ist Ziel des ersten Teils und durch die Festivitäten drum herum gut dargestellt, wenngleich man sich die ein oder andere Zeile mehr aus den Dichtungen gewünscht hätte. Doch auch so kommt eine gute Atmosphäre herüber, die den Leser durch die Wettbewerbstage begleitet.

Nach dem Streit folgt der Krieg

Nach dem Lutherzwischenspiel in der Mitte des Buches sackt die Spannung leider zunächst etwas ab, und die Handlung schwimmt ein wenig vor sich hin. Es dauert eine Weile, bis der bis dahin geführte rote Faden wieder aufgenommen wird und neu geknüpft wird. Haben sich die sechs Sänger Ehrlichkeit geschworen, bringt sie das nun in Schwierigkeiten und auch gegeneinander auf. Biterolf deckt die Verschwörung gegen den Verlierer auf (der hier nicht verraten werden soll, wenngleich es keine große Überraschung ist, da historisch verbürgt), und schließlich finden sich die Sänger an gegenüberliegenden Fronten und kämpfen tatsächlich auf Leben und Tod gegeneinander. Einige Nebenfiguren müssen tatsächlich ihr Leben lassen, was zeigt, dass hier nicht gespasst wird.

Überhaupt geben die Nebenfiguren dem Roman die rechte Würze. Das beginnt beim Ritter Gerhard Atze, dem vom störrischen Pferd Wolframs der Finger abgebissen wird, bis zu den Knappen (männlich wie weiblich) der Sänger und zu den Kindern des Landgrafen. Robert Löhr zeichnet eine bunte Schar von mittelalterlichen Persönlichkeiten, die in den Weihnachtstagen des Jahres 1206 die Wartburg bevölkern und einen schönen Wettstreit sehen wollten - dass es so ausarten würde, war nicht zu ahnen.

Kleines Spannungsloch

Nur vom Teufel, der sich scheinbar in seinen Ansichten bestätigt sieht, aber sein Gegenüber heisst immer noch Martin Luther. Der lässt sich an seiner Überzeugung, die Bibel ins Deutsche zu übertragen, nicht so leicht abbringen, und so tut der Teufel, was er wohl tun muss. Der Roman findet ein passendes und interessantes Ende, wenngleich das Ende der Sängergeschichte etwas überzeugender hätte gestaltet werden können.

Abgesehen von einem Spannungsloch zu Beginn der zweiten Hälfte und ein paar kleinen überzogenen Kämpfen im zweiten Teil ist der Krieg der Sänger ein unterhaltsamer und amüsanter Roman, der eine geschickte Dramaturgie aufweist und jeden Leser mühelos für sich einnehmen wird. Freunde von Wagner-Opern sollten sich damit abfinden, dass Löhr näher an der Historie ist als der Komponist des "Tannhäuser", aber natürlich trotzdem zu Lektüre greifen. Fakten über die Sänger wurden in den Roman eingestreut, so dass die einzige Ergänzung der Lageplan der Wartburg im Einband vorne und hinten im Buch ist, was sich aber für die Strategien des zweiten Teils als nützlich erweist. Ein gelungener Roman, der Lust auf mehr aus der Feder des Autoren macht. Weiter so!

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