Die Henkerstochter

  • Ullstein
  • Erschienen: Januar 2008
  • Ullstein, 2008, Titel: 'Die Henkerstochter', Originalausgabe
Die Henkerstochter
Die Henkerstochter
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85

Histo-Couch Rezension vonApr 2008

Ein spannender, fesselnder<br> historischer Krimi!

Kurzgefasst:

Kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg wird in der bayerischen Stadt Schongau ein sterbender Junge aus dem Lech gezogen. Eine Tätowierung deutet auf Hexenwerk hin und sofort beschuldigen die Schongauer die Hebamme des Ortes. Der Henker Jakob Kuisl soll ihr unter Folter ein Geständnis entlocken, doch er ist überzeugt: die alte Frau ist unschuldig. Unterstützt von seiner Tochter Magdalena und dem jungen Stadtmedicus macht er sich auf die Suche nach dem Täter.

 

Henker - ein unehrenhafter Beruf. Immer schon waren die Männer gefürchtet, die ihn ausübten - aber auch still geachtet. Meistens lebten sie mit ihren Familien außerhalb der Städte, kurz hinter den Stadtmauern. Ihre Anwesen waren jedoch nicht klein und auch alles andere als ärmlich.

Zum Henker wurde man in Kriegszeiten ernannt oder dazu ";überredet", wenn man selbst straffällig wurde. Es gab nicht viele Alternativen und so beugte man sich lieber dem Bitten der Stadträte, als den Kopf auf dem Richtklotz zu legen. Im Laufe der Zeit entstanden wahre ";Henkerdynastien" - Henkersfamilien, in denen der älteste Sohn die Nachfolge des Vaters antrat und in manchen Fällen auch von ihm für das Töten und Foltern ausgebildet wurde. Das Gesellenstück war dann die Enthauptung eines verurteilten Verbrechers.

Der Berufsstand des Henkers war ein ";unehrlicher" Beruf. Damit ging eine soziale Abgrenzung einher, obwohl viele Scharfrichter tiefgreifende Kenntnisse der menschlichen Anatomie besaßen - schließlich mussten sie die Verurteilten unter Umständen nach der Folter wieder heilen. Zwar wurden manche Henkersfamilien recht vermögend, doch der unsichtbare Stempel, ein ";Handlanger des Todes" zu sein, war auch ein Fluch. Nicht selten waren diese Männer alkoholsüchtig oder gar gewalttätig, aber sie waren auch nicht ungebildet, im Grunde waren sie Opfer der damaligen Ständegesellschaft.

Eine Leiche, Hexerei und ein seltsames Mal

Der Autor Oliver Pötzsch hat mit ";Die Henkerstochter" einen historischen Kriminalroman geschrieben, in dem als Ermittler die historische Figur des Schongauer Henkers Jakob Kuisl auftritt.

1659: Elf Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg sind noch ganze Landstriche verwüstet und viele Städte haben noch immer mit den Nachkriegsfolgen zu kämpfen. Die wirtschaftliche Infrastruktur ist alles andere als stabil und das bayerische Schongau liegt immer im Wettstreit mit dem benachbarten Augsburg.

Der junge Peter Grimmer, Sohn eines Flößers, wird tot im Wasser treibend gefunden. Auf den ersten Blick ist es schon offensichtlich, dass es sich niemals um einen Unfall handeln kann. Simon Fronwieser, Sohn eines Baders und studierter Medicus, untersucht die Leiche des Kindes und stellt fest, dass es durch mehrere Messerstiche getötet wurde. Verwundert findet Fronwieser auch ein seltsames eintätowiertes Mal auf der Schulter des toten Jungen. Augenblicklich denken die aufgebrachten Bewohner und auch der Vater des Kindes an Hexerei und der Verdacht fällt schnell auf die alte Hebamme Martha Stechlin, bei der sich der Junge zusammen mit anderen Kindern gerne aufgehalten hat.

Jakob Kuisl, der Henker und Scharfrichter von Schongau, kann nur mit Mühe die aufgebrachten Bürger vor einem Lynchmord an der alten Frau hindern. Zu ihrer eigenen Sicherheit bringt Kuisl sie in den städtischen Kerker.

Fronwieser hingegen, der den toten Körper des Jungen in das Haus des Henkers gebracht hat, untersucht den Leichnam jetzt mit geübtem Auge nach Spuren und Hinweisen. Er beneidet den älteren Kuisl um sein Wissen in der Anatomie und die vielen medizinischen Bücher, die er besitzt. Er findet schließlich heraus, dass das Mal mit Hollersaft unter die Haut auf der Schulter des Jungen wurde tätowiert. Nur warum? Was soll es darstellen? Ist es ein Zeichen von Hexen, von schwarzer, teuflischer Magie ...?

Der Autor: Nachkomme eines Henkers

";Die Henkerstochter" ist der Debütroman von Oliver Pötzsch. Die Geschichte um den Schongauer Henker und seine Ermittlungen ist ein historischer Krimi, der spannend und fesselnd geschrieben ist. Schon das erste Kapitel versetzt den Leser in die gewaltsame und blutige Welt des Mittelalters und gibt einen ersten Einblick in den Berufsstand eines Henkers und den Ablauf einer Exekution.

Aus Fachbüchern, Filmen, Legenden und Sagen ist nicht unbedingt viel bekannt über das Leben eines Scharfrichters. Viele Vorurteile werden in diesem Roman aufgelöst und im Detail auch beschrieben. Ebenso eine blutige und brutale Hinrichtung, sowie die Folter schildert Oliver Pötzsch neutral und sachlich.

Sein sehr strukturiertes und fundiertes Wissen hat Oliver Pötzsch im Grunde durch erste Hand. Er selbst ist Nachkomme des Jakob Kuisl und diese Familie war in Schongau und überhaupt im bayerischen Lande eine wahre Dynastie von Henkern. Er recherchierte in den Unterlagen seiner Vorfahren und schuf somit ein großartiges Erzählepos.

Eine Perle des Genres ";historischer Krimi"

Stimmig und logisch und mit einem mitreißenden erzählerischen Stil ist dieses Buch mit seiner Handlung eine Perle dieses Genres. Man erfährt nicht nur viel über die Arbeit und das Leben eines Henkers und seiner Familie. Der Autor gewährt uns auch einen Blick nach Schongau mit seiner Stadtgeschichte und der damaligen politischen und gesellschaftlichen Lage.

Die Geschichte entwickelt sich von Kapitel zu Kapitel und mit ihr der Spannungsbogen, der die Lösung am Ende plausibel erscheinen lässt. Der Leser kann also im Laufe der Handlung die Ermittlungen von Kuisl und Fronwieser verfolgen und so manches Mal gibt es gut eingebaute Wendungen und Erklärungen.

Die kleinen Nebenschauplätze und Geschichten, die Dialoge zwischen Fronwieser und seinem verbohrten Vater, sowie die Liebesgeschichte und die daraus resultierenden Schwierigkeiten zwischen dem jungen Fronwieser und Magdalena, der Tochter des Henkers, sind ebenso spannend. Das tut der Handlung gewiss gut und schildert wirklich die Lebensarten und Komplikationen dieser Zeitepoche.

Hervorragende Charakterisierungen

Die Protagonisten, allen voran Jakob Kuisl, sind grandios charakterisiert. Kuisl, der natürlich auf der Seite des Gesetzes ist, ist zwar rundweg positiv, aber auch er hat seine dunklen und geheimnisvollen Seiten, die nicht zu Ende erzählt werden. Auch die persönlichen Schicksale der einzelnen Protagonisten wären ausbaufähig gewesen! Trotzdem sind sie liebevoll und fein gezeichnet, mit vielen Ecken und Kanten, mit negativen und positiven Eigenschaften, die doch erst Figuren so liebenswert machen.

Der Roman ist mit Sicherheit so konzipiert, dass es Fortsetzungen geben kann und auch wird. Viele offene Fragen stellen sich am Ende. Zwar wird der Fall gelöst, wie es sich gehört - doch bleibt die Frage wie es weitergeht mit der Henkerstochter und dem Ermittlerduo Kuisl und Fronwieser.

Die ";bösen Charaktere" sind sehr, sehr transparent geschildert, über ihr Leben oder ihre Motivation wird nicht viel preisgegeben. Schlichtweg eindimensional erfüllen sie halt ihren Zweck, mehr nicht und leider etwas zu wenig für eine höhere Bewertung.

Einzig und allein der Titel ";Die Henkerstochter" ist ein wenig unpassend, da diese zwar eine handelnde Person ist, aber keine tragende Rolle spielt. In manchen Passagen hätte die Handlung dichter sein können, es fehlen nur wenige Details, aber dieser werden vielleicht in den nachfolgenden Romanen zu Ende erzählt.

Die Henkerstochter

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