Die Tore der Welt

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Lübbe, 2007, Titel: 'World Without End', Originalausgabe

Couch-Wertung:

80
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Carsten Jaehner
Willkommen zurück in Kingsbridge

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Dez 2007

Ende des Jahres 2007 schlug die Nachricht im deutschen Bücherwesen ein wie eine Bombe: Ken Follett veröffentlicht eine Fortsetzung zu seinem Erfolgsroman "Die Säulen der Erde", von vielen als der Mittelalterroman schlechthin bezeichnet, gar als "Mutter aller historischen Romane" tituliert! 19 Jahre nach dessen Erscheinen kommt  mit "Die Tore der Welt" ein Fortsetzung auf den Markt, die allerdings keine direkte Fortsetzung ist, denn sie spielt 200 Jahre später, aber wieder in Kingsbridge, dem Ort, wo seinerzeit die Helden des ersten Buches eine Kathedrale gebaut haben.

Einstürzende Brücken und die Pest in England

England, November 1327. Kingsbridge ist im Laufe der letzten 200 Jahre, nachdem der legendäre Tom Builder die Kathedrale gebaut hat, zu einem ansehnlichen Ort geworden.Zufällig treffen sich die Brüder Merthin und Ralph und die beiden Mädchen Caris und Gwenda im Wald, wo sie eigentlich nicht sein dürften. Plötzlich kommt ein Mann zwischen den Bäumen hervor, der von zwei Soldaten verfolgt wird. Gemeinsam entledigen sie sich der Soldaten, und am Ende bleibt nur Merthin mit dem Mann übrig, der an einem Baum einen Brief vergräbt, der erst hervorgeholt werden daf, wenn er selbst verstorben sein wird. 

Zehn Jahre später ist aus Merthin und Caris ein Paar geworden. Merthin ist seinem grossen Vorfahren Tom Builder in den Handwerkerberuf des Architekten gefolgt, ist aber noch in der Lehrzeit unter seinem Meister Elfric. Jeder in Kingsbridge weiß, dass Merthin eigentlich besser ist als Elfric, dieser gilt aber als bester Architekt, der vor allem auch die Bauaufträge der Priorei bekommt. Da stürzt unterwartet die Brücke ein, die Kingsbridge am anderen Ufer mit den anderen Orten verbindet. Dies geschieht ausgerechnet am Markttag, und bei dieser Katastrophe kommen hunderte Menschen ums Leben. 

Alle versuchen, mit der Situation am besten umzugehen. Caris möchte Ärztin werden, was aber für ein Frau unmöglich ist. Merthin hat tolle Ideen, die dem Ort helfen, die er aber nicht umsetzten kann, weil er kein Meister ist und Elfric und somit auch die Priorei gegen ihn ist. Gwenda liebt einen Mann, der einer anderen Frau hinterherschaut, und Ralph hat einen hochgestellten Mann aus dem Wasser gezogen und hofft auf eine Anerkennung. Die Priorei selbst braucht auch einen neuen Prior, weil der alte Prior beim Einsturz der Brücke ums Leben gekommen ist. All das bietet genügend Zündstoff, damit aus Freunden Feinde werden. Und gerade, wenn man denkt, es könnte für jeden einzelnen nicht schlimmer kommen, hält die Pest Einzug in England.

Neubau und Wiederaufbau im Mittelalter

Ken Follett hat sich viel Mühe gegeben, den Leser mit auf seine Reise ins Mittelalter zu nehmen. Über 1300 Seiten entspinnt er eine Welt, die er gut zu gestalten weiß und in der er sich auskennt. Seine Schilderungen sind einfach, aber präzise, und so nimmt er den Leser von der ersten Seite an mit in "sein" Kingsbridge. Dabei hat er gut daran getan, nicht direkt an "Die Säulen der Erde" anzuschließen, sondern eine Zeitpunkt gewählt, an dem er mit neuen, frischen Charakteren beginnen kann. Das ist klug gewählt, denn so kann man die Fortschritte beobachten, die der Ort in den letzten Jahren genommen hat. Intrigen und Neid gibt es allerdings wie eh und je. 

Follett erweist sich wieder als Kenner der Materie. Sein Fachwissen, was das Bauen von Brücken angeht, ist erstaunlich und gut zu erkennen, ebenso wenn ein eingestürzter Kirchturm wieder aufgebaut werden muß oder die Priorei um Gebäude erweitert wird. Stets wird gebaut, Kingsbridge entwickelt sich, und so passiert immer irgend etwas, auch wenn man es nicht immer so genau sieht. Und da liegt der Haken bei Folletts Buch.

Kein roter Faden, viel Stereotypie

Ein Buch, das damit beworben wird, die Fortsetzung eines der bekanntesten und berühmtesten Romane der letzten zwanzig Jahre zu sein, und das zudem von vielen als die "Mutter aller historischen Romane" bezeichnet wird, muß sich zwangsläufig mit seinem Vorgänger vergleichen lassen. Auch wenn es zweihundert Jahre danach angesiedelt ist, wird der Leser doch auf Parallelen achten und aufmerksamer das Geschehen verfolgen als bei anderen Büchern. Und der Leser wird schnell merken, dass das, was "Die Tore der Welt" fehlt, ein roter Faden ist. Ging es bei den "Säulen der Erde" immer irgendwie um den Bau der Kathedrale, so vermisst man bald ein Ziel, worauf dieses Buch hinauslaufen könnte. Sicherlich, es werden die Lebenswege mit ihren Hochs und Tiefs von vielen Menschen beschrieben, und so könnte man meinen, dies sei der rote Faden. Das ist aber für 1300 Seiten viel zu wenig. 

Schuld daran ist eine gewisse Stereotypie, mit der Follett seine Erzählung vorantreibt. Es taucht ein Problem auf, es wird gelöst, entweder zur Zufriedenheit der einen oder der anderen Seite. Dann folgt das nächste Problem, das wieder für die eine oder andere Seite gelöst wird. Zu Beginn des Buches fällt das nicht so auf, man fragt sich aber spätestens ab der hälft des Buches, ob dem Autor noch andere Schachzüge einfallen, den Leser bei der Stange zu halten. Glücklicherweise kommt sprengt sich das Geschehen irgendwann so weit auseinander, dass nicht mehr nur Kingsbridge im Mittelpunkt steht, sondern sogar andere Länder, und mit dem Einzug der Pest werden die Karten wieder neu gemischt.

Es passiert Vieles, aber nichts Neues

Follett hat selbst auf die Frage, warum seine Bücher so beliebt seien, geantwortet, weil auf jeder Seite etwas neues passiere. Genau das ist aber bei 1300 Seiten ziemlich anstrengend und kann natürlich nicht durchgehalten werden. Das macht auch nichts, aber auch gerade deswegen sollte nicht immer wieder dasselbe passieren. Wo Follett etwas neues einfällt, ist man schon über die Hälfte des Buches hinaus. Immerhin schafft er es, all sein zahlreichen Handlungsfäden immer im Blick zu behalten und auch den kleinsten Faden letztendlich abzuschließen. Überraschungen gibt es dabei aber letztlich kaum. 

Immerhin zeigt Follett große Fachkenntnisse, was Recht und Ordnung im Mittelalter angeht. Er kennt sich in den Gesetzen und ihrer Anwendbarkeit aus, durch alles Stände hinweg, seien es Adelige, Bauern, Handwerker oder Geistliche. Erstaunt ist man nur, dass auch jeder seine Rechte und die der jeweils anderen so genau kennt, dass er sofort weiß, wann er welches Unrecht begeht, auf das die und die Strafe folgt, was das und das bedeuten kann und man so und so darum herumkommt.

Sprachliche Mängel

Sprachlich weiß Follett leider keine Glanzlichter zu setzen, im Gegenteil. Gerade das erste Kapitel, in dem es um die Kinder geht, ist teilweise so sehr auch in Kindersprache geschrieben, dass man hofft, es möge für den Rest des Buches nicht so weitergehen. Auch Sätze wie "Ein Jahr später hatten die meisten Bäume Wurzeln geschlagen und ließen wacker Blätter sprießen" passen sprachlich nicht in Kontext der Erzählung und wirken daher störend. Das mag auch an der Übersetzung liegen, aber hier zeigt sich auch eine gewisse Uneinheitlichkeit innerhalb des Buches. 

Insgesamt wird mehr geliebt (und beschrieben) als in "Die Säulen der Erde", mehr und intensiver gehasst, und so werden die Guten ziemlich gut und die Bösen auch ziemlich böse geschildert, lassen aber nur wenig Abstufungen zu. Zwar gelingt die eine oder andere Differenzierung innerhalb der Charaktere, gerade bei Ralph oder dem Geistlichen Godwyn hätte man sich noch Schattierungen gewünscht. Manche Gefühlsregungen kommen dann doch etwas zu plötzlich und unerwartet. 

Mit seinem 1300 Seiten starken und 1300 Gramm schweren Buch "Die Tore der Welt" legt Ken Follett einen Roman vor, der sich flüssig und gut lesen lässt und den Leser auch irgendwie fesselt. Leider reicht er aber an seinen Vorgänger nicht heran, gerade was die Spannung betrifft. Folletts nächstes Projekt ist eine Trilogie über das 20. Jahrhundert, für das er sieben Jahre veranschlagt hat. Auf die Frage, ob es einen dritten Teil über Kingsbridge geben werde, hat Follett gemeint, nicht in den nächsten sieben Jahren, und dann, wer weiß. Sollte es tatsächlich irgendwann einmal den dritten Teil einer Kingsbridge-Trilogie geben, so steht zu hoffen, dass Follett es dann schafft, den Leser mehr zu packen als nur zu unterhalten. Tausende geneigte Leser werden es ihm danken.

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