Hanni Münzer

„Mich beschäftigt immer das Böse“

09.2015 Die Histo-Couch im Interview mit Hanni Münzer über den Zweiten Weltkrieg, Persönlichkeiten aus der Nazi-Zeit und ihre eigene Herkunft.

Histo-Couch: Frau Münzer, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn sie an den Zweiten Weltkrieg denken?

Hanni Münzer: Was für ein Armutszeugnis Krieg ist, jeder Krieg. Auch weil sich die Geschichte gerade wiederholt. Jedes 10. Kind wächst im Krieg auf, weil wir unsere Ideologien nicht verwerfen, noch immer ein Klima der Intoleranz herrscht, in dem Rassismus und Religion eine große, traurige Rolle spielen. Dabei geschieht alles nur noch unter dem Aspekt des größtmöglichen Profits. Kriege werden von Kapitalisten geplant, sie verdienen daran. Der ganze Mittlere Osten ist im Aufruhr, 15 Millionen sind auf der Flucht und in Nordamerika klatschen sie in die Hände, weil ihre Strategie aufgegangen ist: diese Region zu destabilisieren. Den Preis für 14 Jahre Krieg zahlt Europa. Und wir haben es zugelassen. Wir entwickeln uns zu wenig weiter. Für mich bedeutet Frieden die höchste Evolutionsstufe des Menschen.

Histo-Couch: Sie haben ins Zentrum Ihres Romans „Honigtot“ starke Frauenfiguren gestellt. Wieso dieses Schwergewicht auf den Frauen?

Hanni Münzer: Weil es immer die Frauen und Kinder sind, die unter den kriegerischen Akten der Männer leiden müssen. Männer wissen zu töten, Frauen, wie man überlebt. Frauen wollen keinen Krieg, keine Zerstörung. Sie wollen Leben schützen, ihre Familie schützen. Sie müssen stark sein, für ihre Kinder. Das ist ihr Kampf. Frauen sind es, die hinterher die Trümmer wegräumen müssen. Das hören die meisten Männer nicht gerne, mit ihren großen Ohrenschützern.

Histo-Couch: Elisabeth macht innerhalb einer kurzen Zeit eine immense Entwicklung durch. Ist das realistisch?

Hanni Münzer: Ich finde ja. Sie wird zweifache Mutter, es sind unruhige Zeiten, ihr jüdischer Mann Gustav verschwindet spurlos und dann ist Krieg. Für ihre Kinder wächst sie über sich hinaus, sie wird zur Löwin.

Histo-Couch: Wie sind sie auf dieses Thema gekommen? Haben Sie einen eigenen familiären Bezug?

Hanni Münzer: Meine Stiefgroßmutter hat mir sehr früh von ihrer Zeit im Krieg erzählt. Ich habe ihre Geschichten als Kind aufgesogen, in dem Alter ist das Böse noch abstrakt. Sie war die Einzige in der Familie, die überhaupt über Kriegserlebnisse gesprochen hat. Mütterlicherseits sind wir Sudetendeutsche, die Familie wurde von jetzt auf gleich verjagt, durfte nur mitnehmen, was sie am Leib trug, waren jahrelang in einem Flüchtlingslager untergebracht. Meine Urgroßmutter und Großmutter väterlicherseits stammen aus einem Roma-Clan, nur wenige haben überlebt. Und Urgroßvater und Großvater waren in der SPD. Es waren für alle schwere Zeiten, trotzdem haben sie einen jüdischen Mitarbeiter versteckt und durch den Krieg gerettet. Später hat der ihnen geholfen, dass sie 1946, als es auch kaum etwas zu essen gab, nicht verhungert sind.

Histo-Couch: Was macht es aus, dass die Menschen wieder und wieder aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs lesen möchten?

Hanni Münzer: Da kann ich nur für mich sprechen. Ich will das Böse verstehen, woher kommt es, wie entsteht es, was macht aus normalen Menschen Bestien? Steckt es in ihnen drin und braucht es nur die Verführung der Macht, um es hervorzurufen? Zum Beispiel eine Uniform?

Histo-Couch: Sie stellen die wachsende Unterdrückung und die aufkeimende Angst in den Vorkriegsjahren sehr realistisch dar. Wie nahe ist Ihnen all das während des Schreibens gekommen?

Hanni Münzer: Sehr nahe, ich lebe sowieso in meinen Geschichten, kann mich kaum daraus lösen. Während Honigtot hatte ich Albträume. Elisabeths Albtraum im Buch, als sie versucht, einem schwarzen Labyrinth aus Eis zu entkommen, ist mein Albtraum.

Histo-Couch: In „Honigtot“ spielen tragende historische Persönlichkeiten eine Rolle – sie enttarnen diese als Kleindenker und Neider. Wie stark haben Sie sich mit den Persönlichkeiten von Hitler, Himmler und Co. auseinander gesetzt?

Hanni Münzer: Ich habe mich natürlich mit Hitler, Himmler, Göring und besonders mit Adolf Eichmann beschäftigt, unzählige Biographien gelesen. Die Kindheit dieser Leute war eher unspektakulär, es wies wenig auf die Karriere des Bösen hin. Höchstens Hitler war früh ein Fall von assoziativer Störung, das drückt sich auch in seiner Chronik eines Wahnsinnigen, dem 1924er-Machwerk: Mein Kampf aus. Hat bloß keiner damals gelesen, obwohl es millionenfach verkauft und verteilt wurde. Für Eichmann empfinde ich Hannah Arendts Formulierung der Banalität des Bösen, die sie für ihn während seines Prozesses in Israel gefunden hat, passend. Aber der Kriegsabschnitt ist jeweils nur 12 Jahre. Die haben aber gereicht, um die Welt ins Chaos zu stürzen. Ich vertrete auch die Meinung, dass die Welt zu lange zugesehen hat. Man hat an Hitler-Deutschland mitverdient und ihm zunächst Polen überlassen. Viele Länder haben zu wenig flüchtende Juden aufgenommen, ihre Grenzen geschlossen oder schier unerfüllbare Bedingungen gestellt hat, wie Bürgen und hohe Geldbeträge, die auf den Banken des Asylstaates deponiert werden sollten. Das konnte sich nur Reiche leisten. Tatsächlich finden die oben genannten Nazischergen in meinem Buch nur in wenigen Sätzen statt, bis auf Eichmann, an den ich meinen Protagonisten Brunnmann angelehnt habe. Ich wollte vor allem aufzeigen, was der Krieg mit den Seelen der Menschen und der ihrer Nachkommen macht.

Histo-Couch: Ist „Honigtot“ ein seltener Ausflug in die Vergangenheit oder planen sie weitere Projekte über historische Themen?

Hanni Münzer: Ich beginne gerade mit der Recherche für die Fortsetzung von Honigtot. Ich möchte die Geschichte von Marlene, der Widerstandskämpferin, ab 1944 erzählen, auch, was aus den ungeklärten Schicksalen in Honigtot wurde. Wie es mit Ottilie, Osman, dem Wolferl weiterging. Und vielleicht auch, was aus Gustav wurde. Es gibt noch Das Hexenkreuz von mir, einen historischen Roman, der im 18. Jahrhundert in Italien und Frankreich spielt, zur Zeit der Aufklärung. Hier spielen die Machenschaften der katholischen Kirche eine Rolle.

Histo-Couch: Wie wichtig sind Ihnen die Reaktionen Ihrer Leserinnen und Leser können Sie damit umgehen, wenn es Kritik zu Ihrem Werk gibt?

Hanni Münzer: Die Leser sind das Wichtigste, für sie schreibe und brenne ich. Ohne sie fände ich als Autor gar nicht statt. Ich gebe zu, bei den ersten negativen Rezensionen schluckt man erst einmal. Für einen Autor hat ein Buch beinahe den Status eines Kindes. Man nimmt Kritik persönlich. Manche ist es leider auch und hat teilweise gar nichts mehr mit dem Buch zu tun. Das ist dann schon Gesinnung, oder man ist versucht, der Person ein Anti-Agressionstraining zu sponsern. Aber das ist die Anonymität im Netz und man muss damit leben, dass hier und da ein Autor gefrühstückt wird. Gerne auch von Kollegen, was man so hört. Essentiell ist die konstruktive Kritik, ohne die geht es nicht. Ich bin der Meinung, man schadet mir, wenn man mir nicht sagt, was ich besser machen könnte. Ich will mich ja nicht nur als Mensch weiterentwickeln, sondern auch als Autor. Gerne greife ich auch Anregungen auf. Ein Rezensent meinte: Früher haben Frauen getöpfert, jetzt schreiben sie Bücher. Das ist ja allerhand, was fällt uns ein? Darum gibt es in meinem neuen Buch eine Frau, die töpfert. Ich lasse ja mit mir reden.

Histo-Couch: Hat man einen erfolgreichen Roman geschrieben, wird man sehr schnell auf eine bestimmte Schiene geschoben und kommt nur schwer davon wieder weg. Wie gehen Sie mit dem dadurch entstehenden Druck um? Belasten Sie die Erwartungshaltungen ihrer Fans?

Hanni Münzer: Druck kenne ich nicht, und über die Erwartungshaltung denke ich nicht nach. Nur über die Geschichten, die ich schreiben will. Und ich freue mich unbändig darauf, Marlene zu schreiben.

Histo-Couch: Waren Sie überrascht darüber, dass „Honigtot“ so viel Resonanz findet?

Hanni Münzer: Jaaaaa! Es ist mein Herzensbuch, und eigentlich habe ich es nicht für mich geschrieben, oder dass es in die große weite Leserwelt hinauszieht, sondern für meine damals 17-jährige Tochter. Ich wollte sie für das Thema interessieren und sensibilisieren. Und da junge Mädchen die schwärmerischsten und romantischsten Wesen überhaupt sind, habe ich die Geschichte in den Kontext einer großen Liebe gesetzt.

Histo-Couch: Hat sich für Sie etwas verändert dadurch, dass Ihr Roman in aller Munde ist?

Hanni Münzer: Nein. Mein Leben war vorher schon spannend und das wird hoffentlich so bleiben. Ich finde es nur schade, dass mein Buch in der deutschen Presse kaum stattfindet. Die interessiert nicht der Inhalt, dabei ist das Thema gerade besonders brandaktuell, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn, interessiert die anfragenden Medien primär, dass ich Honigtot zuerst erfolgreich als Selbstverlegerin herausgebracht habe. Bei Amazon, dem Anti-Christ. Darum sage ich viele dieser Anfragen ab. Ich will nicht über Amazon und das Selbstverlegen sprechen, sondern über mein Buch. So wie mit Ihnen. Danke dafür!!!

Histo-Couch: Ist für Sie das Thema Zweiter Weltkrieg nun abgeschlossen oder beschäftigen Sie sich noch immer damit?

Hanni Münzer: Es wird mich immer beschäftigten. Weil mich das Böse beschäftigt. Und das ist immer auch mit Krieg verbunden. Es ist das Schlachtfeld des Bösen. Krieg ist gegenseitiges Abschlachten.

Histo-Couch: Gibt es Kapitel in der Geschichte, die sie gerne aufarbeiten würden?

Hanni Münzer: Sie meinen als Buch? Freilich, das letzte Kriegsjahr interessiert mich sehr, der Umgang der Allierten mit den Kriegsgefangenen, der Neuaufbau, die Schwierigkeiten der Heimkehrenden, gerade auch der jüdischen Bevölkerung, die waren in den seltensten Fällen damals willkommen und wurden vielerorts in Europa wieder verjagt. Das muss man sich mal vorstellen, sie haben diese schreckliche Zeit überlebt und danach ging der Kampf weiter, weil sie überlebt haben!

Das Interview führte Rita DellAgnese.

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