Tom Finnek

„Ich möchte nur Romane schreiben, die ich auch als Leser gern lesen würde“

06.2015 Die Histo-Couch im Interview mit Tom Finnek über Westfalen, London und die Herkunft seines Pseudonyms.

Histo-Couch: Auf die obligatorische Frage, wie Sie zum Schreiben gekommen sind, braucht man sich eigentlich nur Ihren Werdegang und Beruf vor Augen halten, denn als (Film)Journalist gehört Schreiben ja auch zu Ihrer Arbeit. Dennoch stellt sich natürlich die Frage, wie Sie über Krimis gerade in das historische Genre gekommen sind.

Tom Finnek: Das war eigentlich reiner Zufall. Nachdem ich einige Krimis geschrieben hatte, bin ich in der Pfarrchronik meines westfälischen Heimatdorfes auf eine äußerst spannende Begebenheit aus dem 19. Jahrhundert gestoßen, die ich als Hintergrund für eine Abenteuergeschichte verwenden wollte. Eigentlich sollte „Moorteufel“ eine kurze Novelle nach Art der „Judenbuche“ werden dass daraus dann ein 500-Seiten-Schmöker wurde, war ursprünglich nicht geplant. Genauso überrascht war ich von der begeisterten Reaktion des Lübbe-Verlags, denn von Rebecca Gablé oder einem aufkommenden Boom des Historischen Romans hatte ich bis dato noch nichts gehört. Ich war halt einfach auf eine spannende Geschichte gestoßen und bin ganz unbedarft in das Genre geraten.

Histo-Couch: Sie haben ja vor Ihren drei London-Romanen schon mehrere Krimis, aber auch historische Romane geschrieben, die entweder in Westfalen oder Berlin spielen. Die London-Trilogie hebt sich aber sowohl optisch als auch geschichtlich deutlich von Ihren anderen Werken ab. Wie kamen Sie von Westfalen nach London?

Tom Finnek: Nachdem die westfälische Moor-Trilogie beendet war und ich zwischenzeitlich immer wieder Berliner Gegenwartskrimis geschrieben hatte, brauchte ich eine „Luftveränderung“, weil sonst die Gefahr besteht, sich zu wiederholen. Nach meiner Heimat Münsterland und meiner Wahlheimat Berlin kam für mich eigentlich nur London in Frage, vielleicht weil ich immer gern dort gelebt hätte, es aber nie getan habe. Quasi eine Wunschheimat. Aber auch für London gilt, dass zunächst die Idee zu einer für mich spannenden Geschichte im Vordergrund stand. Genauer gesagt, das Jahr 1666 hatte es mir angetan. Das Jahr, in dem die Pest ging und das Feuer kam. Und damit war „Unter der Asche“ geboren.

Histo-Couch: Auffällig ist auch Ihr enormes Detailwissen um die Zeit, in der Ihre Geschichten in London spielen. Haben Sie einen besonderen Bezug zu dieser Metropole und betreiben Sie Recherche vor Ort?

Tom Finnek: Wenn ich keinen besonderen Bezug zu einem Ort hätte, könnte er für mich nicht zu einem Schauplatz eines Romans werden. Die Liebe zu London war schon sehr früh da, nicht nur weil die Stadt für mich als münsterländischen Dorfpunk sozusagen das Mekka der Musik war. Vielleicht ist diese Liebe sogar erst durch Bands wie „The Clash“ und Songs wie „London Calling“ entflammt, das Interesse für Londons wechselhafte Historie kam erst später. Dass ich für die Vor-Ort-Recherche zu meinen Büchern immer wieder nach London „musste“, war ein Nebeneffekt, den ich gern in Kauf genommen habe. Auch wenn das Detailwissen eher aus Büchern und dem Internet stammt und meine Streifzüge durch London eher der Atmosphäre und Stimmung der Orte galten. Damit das angelesene Wissen greifbar und spürbar wird.

Histo-Couch: Schrieben Sie alle Ihre Bücher unter Ihrem wahren Namen Mani Beckmann, so benutzen Sie seit dem Erscheinen der London-Trilogie Ihr Pseudonym Tom Finnek. Was hat es damit auf sich?

Tom Finnek: Das war ein Vorschlag des Verlags, auf den ich zunächst etwas irritiert reagiert habe. Bei Lübbe war man der Meinung, dass der Name Mani Beckmann zu sehr mit Westfalen verbunden ist und ein Pseudonym das Neuartige der London-Romane betont. Nach und nach habe ich mich mit dem Gedanken angefreundet, auch weil ich bei der Auswahl des Pseudonyms freie Auswahl hatte. So habe ich die Vornamen meiner beiden Söhne benutzt und daraus einen Namen gebastelt. Mit dem Resultat, dass der ältere der beiden sich oft darüber beschwert, dass sein Name auf meinen Büchern falsch geschrieben ist.

Histo-Couch: Im Genre des historischen Romans schwimmen Sie ja eigentlich gegen den Strom, da Ihre Geschichten so gar nicht mainstreammäßig sind und nicht stets ein vorhersehbares Ende a la Friede, Freude, Eierkuchen haben. Wie wichtig ist es Ihnen, sich von der Masse abzuheben?

Tom Finnek: Ob meine Geschichten „Mainstream“ sind oder nicht, ist für mich bei der Entwicklung einer Idee erst mal nicht von Belang. Ein Stoff, ein Thema, eine Person muss mich interessieren und „anspringen“, egal ob es massentauglich ist oder nicht. Allerdings möchte und kann ich nur Romane schreiben, die ich auch als Leser gern lesen würde. Eine Story oder eine Figur muss mich überraschen können, was natürlich nicht möglich ist, wenn sie nach Schema F konstruiert ist. Ich mag es, mit Erwartungen und Genre-Konventionen zu spielen und die LeserInnen auch mal zu irritieren. Das funktioniert durch ungewöhnliche und wechselnde Erzählperspektiven oder durch unübliche Wendungen, die aber immer im Dienst der Geschichte stehen sollten. Es macht mir durchaus Spaß, gegen den Strom zu schwimmen, aber es darf kein Selbstzweck werden. Sonst wird’s schnell zur Pose.

Histo-Couch: In Ihrer London-Trilogie schwenken Sie von den Reichen und Gebildeten auch zu den untersten Gesellschaftsschichten wie einfache Handwerker, die sich Ihr Leben schwer verdienen, bis hin zu den Zuhältern und Säufern. Woher holen Sie sich Ihre Einblicke in die menschliche Psyche und wie viel Tom Finnek bzw. Mani Beckmann steckt in Ihren Figuren?

Tom Finnek: Ehrlich gesagt interessieren mich die Könige, Gebildeten und Reichen in historischen Romanen nicht besonders. Gauner, Tagelöhner, Huren und Säufer sind mir viel näher, selbst wenn ich sie nicht zwangsläufig sympathisch oder gar heldenhaft zeichne. Auch hier ist meine Punk-Vergangenheit womöglich prägend gewesen, den Underdogs galt immer schon meine Zuneigung. Für mich ist es viel spannender, vom Kampf gegen die Mächtigen und Übermächtigen zu erzählen, als die Ausübung der Macht selbst zu beschreiben. Natürlich steckt enorm viel Tom Finnek/Mani Beckmann in meinen Figuren, das gilt für die münsterländischen Kleinbauern wie für das Londoner Gesindel. Die Einblicke in die menschliche Psyche sind in gewisser Weise Blicke in den Spiegel, und natürlich bediene ich mich schamlos bei meinem direkten Umfeld. Was mitunter zu bösem Blut führen kann, wenn sich jemand erkannt fühlt. Oder ertappt.

Histo-Couch: Sie schreiben ja Krimis und historische Romane, haben Sie nicht schon einmal mit dem Gedanken gespielt, diese beiden Genres zu verbinden und einen historischen Krimi zu schreiben?

Tom Finnek: In meinen historischen Romanen geht es immer auch um Verbrechen und ihre Aufklärung. Auch wenn ich sie nicht als Krimis bezeichnen würde, sind sie doch Spannungsromane oder sollten es zumindest sein. Genauso packend wie die Verbrechen, die es aufzuklären gilt, sind jedoch die Geheimnisse und Ungereimtheiten, die sich dahinter verbergen. Als ich es bei „Vor dem Abgrund“ mit den Morden von Jack the Ripper zu tun hatte, ging es mir nicht in erster Linie darum, die Identität des Mörders zu ermitteln, sondern die Geheimnisse und Konflikte in diesem Umfeld aufzudecken. Und zwar nicht aus der Sicht eines Polizisten oder Detektivs, sondern aus der unmittelbaren Perspektive der beteiligten Personen.

Histo-Couch: Welche Autoren lesen Sie persönlich am liebsten und gibt es welche, die für Sie als Vorbild fungieren?

Tom Finnek: Die Autoren, die ich schätze, oder die Romane, die ich liebe, sind breit gefächert und reichen von Klassikern wie Dostojewskis „Schuld und Sühne“ bis zu dem wunderbar verstörenden „Jesus von Texas“ von DBC Pierre, aber ich würde sie nicht unbedingt als Vorbild für mein Schreiben bezeichnen. Wenn ich diese Romane so sehen würde, könnte ich die Lektüre vermutlich gar nicht genießen. Was meine Vorliebe für Perspektivwechsel und unterschiedliche Erzählerstimmen angeht, gibt es allerdings zwei Romane, die mich unglaublich beeindruckt haben: „Wassermusik“ von T. C. Boyle und „Die Frau in Weiß“ von Wilkie Collins. Mein unerreichter Favorit bei den Historischen Romanen ist übrigens „Die Abenteuer des David Balfour“.

Histo-Couch: Wie und wo finden Sie Muße zum Schreiben, haben Sie bestimmte Zeiten zu denen Sie kreativ sind?

Tom Finnek: Die Zeit zum Schreiben ist vorgegeben durch die Schul- und Schülerladenzeiten meiner Kinder. Früher habe ich geschrieben, wann immer mich die Muse geküsst hat, manchmal bin ich nachts um drei aufgestanden, weil ich im Schlaf eine gute Idee hatte und davon wach wurde. Nun muss die Muse warten, bis die Kinder in der Schule sind. Am liebsten schreibe ich morgens und mit einer Tasse Kaffee neben der Tastatur, dann werkele ich, bis der Kopf leer ist und mein Magen knurrt. Oder die Kinder abgeholt werden müssen.

Histo-Couch: Wie gehen Sie mit Kritik um bzw. was bedeutet es für Sie, wenn Lesern Ihre Bücher nicht gefallen?

Tom Finnek: Natürlich schreibe ich Bücher, damit sie den LeserInnen gefallen, und mit meinen Romanen geht es mir, vor allem kurz nach Erscheinen, wie mit meinen Kindern: Bei Kritik bin ich dünnhäutig und verwundbar, versuche aber, es mir nicht anmerken zu lassen. Das ändert sich erst, wenn etwas Zeit vergangen und Selbstkritik möglich ist. Mitunter ist es aber auch so, dass die Romane, die am wenigsten geschätzt oder gekauft wurden, mir die liebsten und wertvollsten sind. Gerade weil sie durchwachsene Kritiken bekommen oder triste Ladenhüter sind. Da werde ich zum westfälischen Dickschädel.

Histo-Couch: Die London-Bücher sind ja sehr augenfällig gestaltet. Entsprangen die Covermotive Ihrer Phantasie oder war dies rein die Arbeit des Verlages? Wie viel Mitspracherecht haben Sie bei Ihren Büchern in Aufmachung, Gestaltung und auch Themen?

Tom Finnek: Das ist allein die Arbeit des Verlags und der jeweiligen Grafikbüros. Bei den London-Romanen ist das zum Beispiel das „Büro für Gestaltung“ von Pauline Schimmelpenninck in Berlin, das jeweils großartige Arbeit abgeliefert hat. Mit meinen Covern bin ich extrem zufrieden und glücklich, weil sie tatsächlich „augenfällig“ sind, ohne dabei aufdringlich zu sein. Ein Mitspracherecht habe ich als Autor in diesem Sinne aber nicht.

Histo-Couch: Wann wird Ihr nächstes Werk erscheinen und in welcher Zeit wird sich der Leser dann wiederfinden? Können Sie uns schon etwas über Ihr nächstes Buch verraten und wann es voraussichtlich erscheinen wird?

Tom Finnek: Derzeit arbeite ich an zwei sehr unterschiedlichen Stoffen. Bei dem einen handelt es sich um einen Kriminalroman, der im Münsterland spielt und bereits zur Hälfte geschrieben ist. Ich kehre damit zu meinem eigentlichen Namen und an den Ort meiner Moor-Trilogie zurück, diesmal allerdings in der Gegenwart. Bei dem zweiten Stoff, der noch in den Kinderschuhen steckt und ein weiterer „Finnek“ wäre, handelt es sich um eine weitere historische London-Geschichte, die im frühen 20. Jahrhundert angesiedelt ist und abermals ins Londoner East End führt. Mit authentischem Hintergrund und einigen bizarren historischen Figuren, die man üblicherweise nicht in den Geschichtsbüchern findet. In dieser Hinsicht bleibe ich mir treu.

Das Interview führte Daniela Loisl.