Axel S. Meyer

„Wenn ich einen Ort mit eigenen Augen gesehen habe, fällt mir das Schreiben leichter”

06.2014 Die Histo-Couch im Interview mit Axel S. Meyer über Nordeuropa, Bösewichte und den Teppich von Bayeux.

Histo-Couch: Herr Meyer, Ihr neuer Roman „Das weiße Gold des Nordens” ist bereits ihr dritter Roman aus der Zeit der Wikinger. Woher kommt Ihre Affinität zu dieser Region?

Axel S. Meyer: Das war eine wilde, ursprüngliche Zeit, die jede Menge Stoff für spannende Geschichten bietet. Und da ich selbst gern eher düstere Geschichten lese, passt das frühe Mittelalter sehr gut für mich. Zudem interessieren mich die Wikinger schon seit Längerem, ebenso wie die skandinavischen Länder Dänemark und Schweden – und vor allem Norwegen.

Histo-Couch: Wieso der Norden Europas? Viele interessieren sich doch eher für unsere Deutschen Lande oder für Südeuropa?

Axel S. Meyer: Hm, gute Frage. Vielleicht weil ich als Norddeutscher eher eine Affinität zu Nordeuropa habe als zu südlichen Regionen. Würde ich in München wohnen, würden meine Romane möglicherweise eher einen Bezug zu Südeuropa haben. Aber ich mag die wilde, ursprüngliche Landschaft in Norwegen mit den Bergen und Fjorden einfach.

Histo-Couch: Woher stammt die Idee zu ihrem neuen Roman?

Axel S. Meyer: Da die Handlung einem Teil des Lebens des Jarls Hakon von Hladir – dem heutigen Trondheim in Norwegen – folgt, war der zeitliche Rahmen weitgehend vorgegeben. Allerdings sind die Quellen recht dürftig. In den Sagas über die norwegischen Könige, der Heimskringla, heißt es dazu: “Jarl Hakon hatte einige Kämpfe mit den Gunnhildssöhnen zu bestehen, und viele Männer fielen auf beiden Seiten„. Das lässt einem Autor eine Menge Spielraum. Faszinierend fand ich die als weißes Gold bezeichneten und damals sehr begehrten Stoßzähne der seltenen Narwale, deren Gewicht mit dem zehn- oder sogar zwanzigfachen von Gold aufgewogen wurde. Zusammen mit den Ereignissen rund um die Ottonischen Herrscher waren das einige der Details, die zu der Idee geführt haben.

Histo-Couch: Haben Sie selber mal so einen Narwalzahn in der Hand gehabt? Kennen Sie den Unterschied zu “normalem„ Elfenbein sozusagen aus eigener Hand?

Axel S. Meyer: Nein, in der Hand hatte ich weder einen Narwalzahn noch Elfenbein. Bei einer Recherchereise nach Quedlinburg am Harz habe ich aber in der Schatzkammer der Stiftskirche St. Servatius Reliquienschreine aus der Ottonenzeit gesehen, die mit Schnitzereien aus Narwalzähnen verziert sind. Es gibt diese Schreine also wirklich.

Histo-Couch: Der Bösewicht Ihres Romans ist der ehrgeizige Bischof Poppo, der auch unchristliche Mittel anwendet, um die Wikinger zum Christentum zu bekehren. War man damals generell so grausam, oder ist Poppo eine Ausnahme?

Axel S. Meyer: Es gibt ein historisches Vorbild für Bischof Poppo, der in den 960er Jahren den Dänenkönig Harald Blauzahn getauft haben soll. Viel mehr ist von dem Mann nicht überliefert. In meiner Geschichte steht er sozusagen sinnbildlich für die ganze Besessenheit, mit der Fanatiker damals anderen Menschen ihren Glauben aufzwingen wollten. Folter und andere grausame Taten gehörten dabei zum Alltag – und das ist in der heutigen Welt nicht anders als damals: Schauen Sie sich nur all die Terrorakte unter religiösen Vorzeichen an: von Sprengstoffanschlägen und Selbstmordbombern bis hin zu Massenentführungen junger Frauen.

Histo-Couch: Der “Held„ ist Jarl Hakon, der erst alles verlieren muss, damit er es wieder zurück gewinnen kann. Wie schwierig ist es, aus wenig Geschichte einen 650seitigen Roman zu machen, der mehrere Handlungsstränge hat und sich trotzdem alles lückenlos fügt?

Axel S. Meyer: So wenig Geschichte ist es ja nun auch nicht. Die dürftige Quellenlage betrifft vor allem die Geschichte Norwegens im frühen Mittelalter. Da sieht es mit dem Reich Kaisers Ottos I wesentlich besser aus, und weil die Ereignisse um Hakon indirekt auch von Otto ausgelöst werden, konnte ich die Handlung mit mehreren historischen Gegebenheiten verknüpfen: beispielsweise Harald Blauzahns Taufe, den Hintergrund des Sankt Servatius’ Stifts in Quedlinburg oder den drohenden Angriff der Polen und Böhmen auf Wolin.

Histo-Couch: Das hört sich nach einer umfangreichen Recherche an. Wie finden Sie Ihre Quellen? Haben Sie auch Originale einsehen können? Wie ist es um Ihr norwegisch bestellt?

Axel S. Meyer: Nun ja: tusen takk, øl (mit Strich durchs o) und torsk – das war’s dann auch schon mit meinen norwegischen Sprachkenntnissen. Aber die Leute sprechen dort meist hervorragend Englisch. Damit kommt gut weiter. Für die historischen Hintergründe recherchiere ich in Fachliteratur, meist aus unserer Universitätsbibliothek oder dem eigenen, inzwischen recht umfangreichen Fachbuchbestand. Nein, Originalschriften – etwa die der Sagas – habe ich noch nicht gesehen.

Histo-Couch: Wie lange haben Sie für den Roman gebraucht?

Axel S. Meyer: Von der Erstellung des ersten Konzepts bis zum Ende des Lektorats hat es gut zwei Jahre gedauert.

Histo-Couch: Wieviele Reisen vor Ort haben Sie gemacht? Waren Sie auch in Haithabu? Ist ein Besuch am Ort des Geschehens wirklich richtungsweisend für einen Roman?

Axel S. Meyer: Für das “weiße Gold des Nordens„ waren das etwa ein halbes Dutzend Reisen, beispielsweise ins norwegische Trondheim, nach Magdeburg, Quedlinburg oder ins polnische Wolin. Nach Rostock-Dierkow, wo im frühen Mittelalter eine Slawenburg stand, konnte ich zu Fuß gehen. Ja, in Haithabu war ich mehrere Male, da es schon in meinem ersten historischen Roman ein wichtiger Handlungsort war. Richtungsweisend ist der Handlungsort zumindest für mich nicht, da die Stationen meist vorher feststehen. Aber wenn ich einen Ort – etwa den Poppostein zwischen Schleswig und Flensburg – mit eigenen Augen gesehen habe, fällt es mir beim Schreiben natürlich leichter, das Geschehen lebendiger nachzuerleben und zu beschreiben.

Histo-Couch: Sie sind ja im “normalen„ Leben für eine Tageszeitung tätig. Wie bekommen Sie da die Arbeit an einem umfangreichen Roman zusätzlich unter?

Axel S. Meyer: Als ich mit dem Schreiben von Romanen angefangen habe, habe ich als Erstes das Fernsehschauen sein lassen. Dadurch gewinnt man sehr viel Zeit, die sich sinnvoll nutzen lässt. Ansonsten: Disziplin und ein striktes Zeitmanagement.

Histo-Couch: Auffällig an Ihren Romanen sind auch die schön gestalteten Cover. Haben Sie da Mitspracherecht? Wer hat die Cover gestaltet?

Axel S. Meyer: Bislang haben mir alle drei Cover sehr gut gefallen. Von einem Mitspracherecht brauchte ich daher kein Gebrauch zu machen. Die Motive stammen aus dem Teppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert, auf dem die Eroberung Englands durch die Normannen dargestellt worden ist. Das beeindruckende Kunstwerk ist fast 70 Meter lang – und bietet also noch reichlich Motive für weitere historische Romane.

Histo-Couch: Haben Sie diesen Teppich gesehen? Wo kann man den besichtigen?

Axel S. Meyer: Nein, gesehen habe den Teppich leider noch nicht. Er wird im französischen Bayeux ausgestellt. Bei Wikipedia gibt es aber eine sehr gute Darstellung des kompletten Teppichs.

Histo-Couch: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, bei Hakon im Schildwall mitzukämpfen oder überhaupt einen Tag aus Ihrem Roman miterleben zu können – würde Sie das tun?

Axel S. Meyer: Na klar, ich wäre sofort dabei – aber nur wenn ich eine Garantie hätte, da auch heil und gesund wieder herauszukommen. Aber es müsste ja nicht zwingend eine Schlacht sein, so ein zünftiges Gelage – das wäre auch was Feines.

Histo-Couch: Können Sie es sich vorstellen, einen Raben als “Haustier„ zu haben? Wie “realistisch„ haben Sie ihn beschrieben, und warum haben Sie ihm keinen Namen gegeben?

Axel S. Meyer: Nicht wirklich. Raben sind faszinierende, intelligente Tiere – und die sollen besser in der Natur leben, wo sie hingehören. Bei der Darstellung des Raben habe ich mich an den Beschreibungen aus dem Buch “Die Weisheit der Raben„ von Bernd Heinrich orientiert, in dem er seine Erfahrungen mit den Vögeln beschrieben hat. Hakons Rabe macht natürlich auch noch andere Dinge, die wahrscheinlich kein Tier tun würde – aber es handelt sich ja auch um einen Roman und nicht um ein Sachbuch.

Histo-Couch: Wie schreiben Sie Romane? Abschnittsweise oder fangen Sie tatsächlich vorne an und hören hinten auf?

Axel S. Meyer: Zunächst sammele ich Ideen und historische Ereignisse, die ich in einem Konzept zusammenfüge und dann immer weiter verfeinere. Dabei kommen neue Figuren hinzu, andere fallen wieder heraus. Es ist ein organischer Prozess, bei dem nach und nach die Geschichte entsteht.

Histo-Couch: Können Sie gut mit Kritik umgehen?

Axel S. Meyer: Eigentlich schon, wenn die Kritik nachvollziehbar dargestellt wird. Ein Buch wird niemals allen in gleichem Maße gefallen. Wenn aber jemand nur seinen Frust ablässt, nervt das schon.

Histo-Couch: Können Sie uns schon etwas über ihre neuen Projekte verraten? Wie stehen Sie zu Fortsetzungen?

Axel S. Meyer: Fortsetzungen finde ich klasse, wenn es starke Charaktere gibt, die man als Leser über ein einziges Buch hinaus begleiten möchte, so wie beispielsweise Uhtred in den Cornwell-Romanen. Wenn ich eine neue Geschichte um Hakon entwerfe, ist das wie ein Nachhausekommen, zu alten Bekannten und Freunden – und Feinden. Nach den beiden Hakon-Romanen “Das Lied des Todes„ und “Das weiße Gold des Nordens" wird es sicher auch einen dritten geben. Mehr kann ich dazu aber im Moment nicht sagen.

Das Interview führte Carsten Jaehner.