Das weiße Gold des Nordens

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Rowohlt, 2014, Titel: 'Das weiße Gold des Nordens', Originalausgabe

Couch-Wertung:

93
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Carsten Jaehner
Spannende Geschichtslektion aus dem hohen Norden

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jul 2014

Skandinavien, 965. Harald Graufell plant, ein grosses Heer aufzustellen und den Norden Norwegens zu erobern. Helfen soll ihm dabei Bischof Poppo, der vehement das Christentum verbreiten will, auch mit unlauteren Mitteln, und vor allem braucht Harald Graufell Geld, viel Geld. Dieses hat er in Form von Narwalzähnen, die zwanzig mal wertvoller sind als Gold.

Doch das "weisse Gold, wie es auch genannt wird, fällt in die Hände von Hakon, Jarl von Hladir, und dieser weiß seine unerwartete Beute gut zu verstecken. Doch Harald setzt nach und tut alles, um die Zähne zu finden und Hladir zu erobern. Währenddessen soll Hakon eigentlich Thordis heiraten, was ihm die Unterstützung der Naumudaler sichern soll, doch obwohl sie die schönste Frau weit und breit ist und er mit ihr bereits eine Tochter hat, interessiert er sich nicht für sie, sondern für das Mädchen Malina, das er liebt, und sie ihn auch.

Durch geschickte Intrigen zwingt Thordis Malina zur Flucht und Hakon zur Heirat mit ihr, doch dies ist erst der Beginn einer Reihe von Betrügereien und Ränkespielen, die Hakon an den Rand einer Niederlage bringen, als Harald Graufells Truppen Hladir erobern. Mit Hilfe der Seherin Asny und seinem Raben plant Hakon Rache.

Die Wikinger kommen!

Axel S. Meyers dritter Roman Das weiße Gold des Nordens entführt seine Leser in eine finstere Zeit und in eine fast noch finsterere Region. Dabei bedient er sich den skandinavischen Sagas und entwirft daraus einen spannenden Wikingerroman, der es durchaus in sich hat und in dem auch nicht mit Blut und Kämpfen gegeizt wird.

Hauptfigur ist Hakon, Jarl von Haldir und somit verantwortlich für viele Menschen, die ihm vertrauen und die ihr Leben in seine Hände gelegt haben. Durch Zufall gerät er an die Narwalzähne, die Harald Graufell für die Finanzierung und Eroberung der Nordküste braucht. Hakon will Harald abwehren, doch der kommt immer näher und will Hladir erobern, und einige Male gerät Hakon, der noch jung und relativ unerfahren ist, an seine Grenzen und derart in Gefahr, dass er sein Volk des öfteren im Stich lassen muss. Hakon ist kein Überheld, im Gegenteil, er hat viele Facetten, eine dunkle Vergangenheit und Probleme mit den Frauen, und dazu als besten und verlässlichsten Freund einen Raben, der, wenn er nicht auf seiner Schulter sitzt, tatsächlich sowohl Spion als auch Waffe ist und dementsprechend auch gebraucht wird.

Herrliche Bösewichte

Neben Harald Graufell ist vor allem Bischof Poppo der Bösewicht des Romans. Er scheut vor keinen Brutalitäten und Quälerein zurück, wenngleich er seine Handlanger zur Ausführung derselben hat. Er will das Christentum verbreiten, und wer den alten Nordischen Göttern nicht abschwört, bekommt auch keine Gelegenheit mehr dazu. Poppo ist eine historische überlieferte Figur, wenngleich nicht konsequent in dieser Brutalität, aber Meyer hat ihn sehr negativ konzipiert und somit bietet er eine herrliche Angriffsfläche und einen hervorragenden Antagonisten.

Die Frauen ...

Neben dem drohenden Angriff Harald Graufells sind es vor allem auch die Frauen, die Hakons Leben mitbestimmen. Er lebt zusammen mit seiner Geliebten Malina, hat aber eine Tochter aus einem nächtlichen Zusammensein mit Thordis, der schönsten Frau weit und breit, und um diese Beziehung würden ihn alle beneiden. Aber er hat sich gegen sie und für Malina entschieden, was er immer wieder von seiner nervigen Mutter vorgehalten bekommt. Bergljot heisst sie und schikaniert Malina, wo sie nur kann, und diese Dialoge nehmen den Leser nicht nur für Malina ein, sondern bringen ihn auch gegen die böse Mutter auf. Ihre Schimpftiraden bewegen sich jedoch schon fast am Rande des Amüsements, wenn es nicht so grausam gegen Malina wäre. Hier ist man knapp an einer Klischee-Hexe vorbeigeschrammt.

Man verrät nicht zu viel, wenn man bemerkt, dass Thordis sich an Hakon heranpirscht und ihn hintergeht, wie noch nie eine Frau einen Mann hintergangen hat. Gemeinsam mit ihrem brutalen, aber etwas jähzornigen und einfältigen Bruder schwört sie Rache und sorgt damit für weitere Konflikte.

An Hakons Seite befindet sich stets die junge Seherin Asny, die eine zwielichtige Figur ist und die man nicht richtig einordnen kann. Das tut der Geschichte gut, zumal sie die einzige ist, auf die sich Hakon verlassen kann, und auch sie wird den Roman nicht ohne Schrammen überstehen.

Vielfältige Dramaturgie und viele Überraschungen

Überhaupt geht es ordentlich rund in dem Roman. Es wird gekämpft und gelitten, Taktiken angewandt und verworfen, in Fallen getappt und großartig gesiegt, alles das, was das Herz eines Lesers von Wikingerromanen begehrt. Dabei versteht es der Autor, seine Leser immer wieder zu überraschen, man kann sich nie in Sicherheit wiegen. Manche dieser Überraschungen kommen derart unvorbereitet, dass man kaum glauben mag, dass man das gerade wirklich gelesen hat und lässt einen noch einmal zurückblättern. So muss ein gelungener Roman sein.

Axel S. Meyer beweist auf gut 650 Seiten aus dem Hause Rowohlt, dass Geschichte packend serviert werden kann, und nicht nur Freunde von Wikingerromanen werden ihre Freude an diesem Roman haben. Zwei Karten zu Beginn des Romans sowie ein lesenswertes, ausführliches Nachwort, eine Übersetzungsliste der Ortsnamen und Gewässer/ Inseln und eine Danksagung ergänzen einen hervorragenden Roman, der den Leser sofort für sich einnimmt. Er bietet viele Überraschungen, eine kleine Liebesgeschichte, einiges Gemetzel, viel Taktik und Neben der Haupthandlung einige Rahmenhandlungen, die aber alle ineinander fliessen und so von einer hervorragenden dramaturgischen Übersicht des Autors zeugen. Ordentliche Bösewichte und ein nicht-strahlender Held füllen einen Roman, der auch aufgrund des passend gewählten Covermotivs in jedes Bücherregal für Freunde historischer Romane gehört. Und zudem, hat man einiges über Narwalbein gelernt. Weiter so!

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