Das Café unter den Linden von Joan Weng

Buchvorstellungund Rezension

Das Café unter den Linden von Joan Weng

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Das Café unter den Linden“,, 304 Seiten.ISBN 3-7466-3294-3.

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Kurzgefasst:

Frühling 1925: Als Fritzi in Berlin ankommt, bringt sie nicht mehr mit als ein gebrochenes Herz, eine Reiseschreibmaschine und einen Traum: bei der UFA Drehbücher schreiben. In der schillernden Metropole findet sie sich schnell in einem Kreis von Malern, Schriftstellern und Musikern wieder, die das Leben und die Kunst feiern. Und dann trifft sie einen Mann, der alles für immer verändern wird. In einem Café unter den Linden ...

Das meint Histo-Couch.de: „Berliner Roaring Twenties auf Sparflamme“56

Rezension von Yvonne Schulze

Im Frühjahr 1925 kommt die junge und recht naive Elfride Lack, genannt Fritzi, gemeinsam mit ihrer Schreibmaschine in Berlin an. Sie hat ihrer heimatlichen süddeutschen Provinz den Rücken gekehrt, um in Berlin beim Grafen von Keller, dem ihr Vater einst gedient hatte, als Tippfräulein in den Dienst zu treten. Graf Hans von Keller ist nicht der ältere Herr, den sie erwartet, sondern ein zwar kriegsversehrter, aber ansonsten recht ansehnlicher Mann in den besten Jahren und sein Herrenhaus samt Anwesen entpuppt sich recht schnell als Künstlerkolonie. Nach einem rüden Empfang findet Fritzi erst einmal Unterschlupf bei Rosa und Wlad, einem schwulen Paar, bis sie letztendlich als Sekretärin in den Dienst des Grafen tritt. Ihr großer Traum ist es, eine erfolgreiche Drehbuchautorin zu werden und das ist auch einer der Gründe, warum sie nach Berlin gekommen ist, nachdem ihr erster Versuch eines avantgardistischen Krippenspiels in der heimischen Provinz kläglich scheiterte. Es dauert nicht lange und Fritzi steckt mitten drin in der Berliner Boheme der Zwanziger Jahre.

Missglückte Umsetzung eines interessanten Themas

Seit Volker Kutschers herausragender Krimireihe um Gereon Rath und Susanne Gogas nicht minder erfolgreicher Leo-Wechsler-Serie sind Romane, die im Berlin der Goldenen Zwanziger spielen, en vogue geworden. Nur wenige Autoren schaffen es, das besondere Flair Berlins mit all seinen Licht und Schattenseiten einzufangen, Frau Weng gehört leider nicht dazu. Die Autorin Ulrike Renk attestiert dem Roman auf dem Rückcover zwar „viel Flair des Berlin der 20er Jahre“, jedoch hat Frau Renk offensichtlich ein anderes Buch gelesen, denn besagtes Flair muss man hier mit der Lupe suchen. Auch der besondere Ruf der Stadt als Kunst- und Kulturmetropole einerseits und Sündenbabel der Republik anderseits geht hier vollständig unter. In den Zwanziger Jahren steppte in Berlin der Bär, bei Frau Weng liegt er im tiefsten Winterschlaf. Ein Grund dafür mag sein, dass sich die Handlung hauptsächlich im Mikrokosmos des gräflichen Grundstücks bewegt, mit gelegentlichen Abstechern ins titelgebende Café unter den Linden, das hier allerdings keine große Rolle spielt. Summa summarum: Der Roman hätte sonstwo spielen können, es wäre nicht aufgefallen.

Die Handlung ist ziemlich überschaubar gestrickt und bedient sich althergebrachter Klischees. Die Berliner Kunstszene und die Rolle der Stadt als Filmmetropole werden nur oberflächlich anskizziert und die Autorin beschränkt sich auf gelegentliches Namedropping, ohne ein wirklich aussagekräftiges Bild zu zeichnen. Oberflächlich ist auch die Figurenzeichnung. Lediglich Fritzi ist nicht ganz so eingleisig geraten wie der Rest des Personals und bei Fritzi findet auch so etwas wie eine Entwicklung statt, auch wenn das Potenzial, das diese Figur bietet, nicht vollends ausgeschöpft wird. Auffällig ist, dass die Hälfte der Protagonisten homosexuell ist, was diese dann auch relativ offen und freizügig zur Schau stellen. In Anbetracht des damals gültigen Unzuchtparagraphen, der Homosexualität mit langen Haftstrafen ahndete, ist dieser offene Umgang damit kaum glaubwürdig. 

Man kann diesem Roman einen gewissen Unterhaltungswert sicher nicht absprechen und es gibt einige durchaus gelungene Szenen, die den Leser bei Laune halten. Unterm Strich gesehen bleibt die Handlung jedoch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Man sollte als Leser also nicht mit der Erwartung an dieses Buch herangehen, hier einen historischen Roman in der Hand zu haben, der ein Stück Zeitgeschichte porträtiert. Vielmehr ist es ein historisch verbrämter Unterhaltungsroman, der einen klischeehaften Blick in die Vergangenheit wirft und einer Liebesgeschichte viel Raum gibt. Das besondere Flair Berlins, seine Pracht und Dekadenz jener Zeit kommen leider kaum zum Tragen.

Orthographische und sprachliche Defizite

Das größte Manko aber ist die Sprache. Die Autorin steht nicht nur mit dem Genitiv auf Kriegsfuß, sondern mit der Virtuosität der deutschen Sprache an sich, von der Rechtschreibung mal ganz zu schweigen. Anders lassen sich solche vermehrt auftretenden, verunglückten Satzgebilde nicht erklären:

„Das war im Herbst 23, und ihm (!) Juni 24 ist Walter abends wie jeden Tag nach Hause gekommen, er hatte gerade Arbeit in einer Jazzkapelle, er ist also heimgekommen, und seine Frau, die hat ihn schon erwartet. Mit der geladenen Pistole.“

Diese infantilen Dialoge legt die Autorin oft und gerne ihren Protagonisten in den Mund, auch den angeblich intellektuellen und gebildeten Charakteren. Die „tannenhonigfarbenen Augen“ von Hans tauchen in schöner Regelmäßigkeit auf, gefolgt von ständigen Wiederholungen der immer gleichen Charaktereigenschaften oder Gedankengänge der Protagonisten mit nahezu identischer Wortwahl. Das Ganze ist gepaart mit einer enervierenden Unart, Adjektive zu doppeln. Dann ist nicht mehr von einer „herrlichen Glocke“ die Rede, sondern von einer „herrlichen, herrlichen Glocke“. Und wenn auf Seite 186 nahezu 14 x das Wort „hatte/n“ auftaucht, würde jede Grundschullehrerin zum Rotstift greifen und eine Sechs unter den Aufsatz ihres Viertklässlers setzen. Falls dieser Erzählstil als Stilmittel gedacht war, ist das gründlich danebengegangen.

Das Café unter den Linden ist eine uninspiriert erzählte Geschichte, die man lesen kann, wenn man simple Liebesgeschichten vor kaum vorhandener historischer Kulisse mag. Wer das besondere Flair des Berlin der Zwanziger Jahre sucht, sollte lieber zu anderen Romanen greifen, denn es gibt Autoren, die diese pulsierende Zeit mit all ihren Facetten einzufangen verstehen und vor den Augen des Lesers ein pralles Gemälde dieser Metropole entstehen lassen.

Ihre Meinung zu »Joan Weng: Das Café unter den Linden«

C.Preute-Junggebauer zu »Joan Weng: Das Café unter den Linden«19.09.2017
Leider ist,bei amusantem Inhalt, die Sprache des Textes eine absolute Katastophe.
Bei der Kiezsprache verständlich,bei dem Rest des Buches einfach nur so schlecht,dass alle drei Bücher der Schriftstellerin vielleicht ,ohne Fehler neu aufgelegt werden sollte.
Jeder Schüler bekäme bei einem Aufsatzt mit diesenFehlern eine 6!
PMelittaM zu »Joan Weng: Das Café unter den Linden«06.08.2017
1925: Fritzi hat es aus der schwäbischen Provinz nach Berlin verschlagen, kaum angekommen, wird sie schon bestohlen: Alle Ersparnisse sind weg. Gut, dass sie noch ihre Schreibmaschine hat, mit der sie sich bei Graf Hans von Keller, unter dem ihr Vater im Krieg gedient hatte, als Tippfräulein bewerben möchte. Der Graf ist zwar ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte, aber immerhin hat sie erst einmal eine Unterkunft …

Wenn Joan Weng den Leser mit ins Berlin der Zwanzigerjahre nimmt, erwartet diesen viel Atmosphäre, einiges an Humor, eine ganze Reihe interessanter, manchmal skurriler, oft liebenswerter Typen und sehr gute Unterhaltung. Das hat sie mit ihren beiden Krimis aus jener Zeit bereits bewiesen und das schafft sie auch hier wieder.

Besonders gut gefallen hat mir, dass Charaktere, die man bereits aus den Krimis kennt, hier in Nebenrollen auftreten oder zumindest erwähnt werden – das fühlt sich ein bisschen wie Heimkommen an, und gibt dem Ganzen noch einiges mehr an Atmosphäre. Für den Leser, der die beiden vorherigen Romane bereits kennt, ist das ein kleiner Bonus, aber auch ohne das wird man viel Freude an dem Roman haben – und man kann es dann ja umgekehrt machen, die beiden anderen Romane hinterher lesen (ich kann mir gut vorstellen, dass man nach der Lektüre diesen Romans große Lust darauf haben wird.).

Wie bereits erwähnt, sind ein großes Plus des Romans die liebevoll gestalteten Charaktere. Das fängt bereits mit Fritzi an, die zunächst etwas naiv wirkt, sich später als kluge, gewitzte Frau herausstellt, die Herz und Verstand am rechten Fleck hat. Oder der Graf, der sich mit Künstlern umgibt und immer etwas melancholisch wirkt, Rosa und Wlad, das schwule Pärchen, bei dem Fritzi unterkommt, sehr sympathisch und Künstler durch und durch, Inge, mit der sich Fritzi anfreundet, die so gerne Schauspielerin werden möchte, es aber höchstens zur Statistin schafft, und viele Nebenfiguren, wie Viktor Klingenberg, bei dessen Vernissage die Exponate in einem Nebenzimmer versteckt werden, damit sie die Stimmung der Feier nicht kaputt machen und so weiter und so fort – man muss sie einfach alle mögen und würde sie am liebsten „in echt“ kennen lernen.

Wie bereits erwähnt, ist der Roman wieder sehr atmosphärisch, die Stimmung ist fast greifbar. Wunderbar fand ich eine Szene, in der beschrieben wird, wie der Gesang eines anderen Charakters auf Fritzi wirkt. Die Sprache ist schön der Zeit angepasst, wodurch sich Atmosphäre und Authentizität noch erhöhen..

Ein bisschen schade finde ich zwar, dass das Café unter den Linden dann doch nicht die Rolle spielte, wie erwartet, man trifft sich zwar mal dort, es wird auch öfter erwähnt, ist aber nicht zentral. Andererseits ist das, bei dieser wunderbaren Geschichte, sehr gut zu verschmerzen.

Bereits mit der ersten Seite hatte mich der Roman wieder gepackt und ich mochte ihn nur ungern aus der Hand legen. Es liest sich einfach gut und unterhält noch besser. Ich hoffe sehr, Fritzi, Hans und die anderen einmal wieder zu treffen, schön wäre eine Fortsetzung des Romans, aber auch ein Wiedersehen als Nebenfiguren würde mir gefallen. Spätestens mit diesem dritten Roman hat es die Autorin in die Riege meiner Lieblingsautoren geschafft, ich kann den nächsten Roman kaum erwarten. Diesen hier empfehle ich uneingeschränkt und vergebe sehr gerne 92°
venatrix zu »Joan Weng: Das Café unter den Linden«30.07.2017
Dieses Buch ist das dritte der Autorin Joan Weng, das in den angeblich „Goldenen Zwanziger Jahre“ spielt. Anders als in den beiden Krimis („Feine Leute“, „Noble Gesellschaft“), in dem ein breites Spektrum von Berlin gezeigt wird, fokussiert sich hier alles in dem kleinen Bereich rund um die „Künstlerkolonie“ der verarmten Adeligen Hans von Keller.

Die Hauptfigur ist Fritzi, die aus einem kleinen Dorf in Südbayern stammt, und mit ihrer Schreibmaschine (eine Orga Privat, die eine nicht unbedeutende Rolle spielt) und einem Empfehlungsschreiben just an die Türe von Hans von Keller klopft. Aus dem anfänglich schüchternen, ja ein wenig provinziellen jungen Tippfräulein, wird in kurzer Zeit eine selbstbewusste Frau die mit humorvollen, aber auch (tief) treffenden Bemerkungen den einen oder anderen Mann in seine Schranken weist.


Wir begegnen Figuren aus den beiden Krimis, unter anderem Graf Sawicki oder Carl von Bäumer.

Meine Meinung:

Der Autorin ist es wieder fabelhaft gelungen, die Welt der Zwanziger Jahre wieder auf erstehen zu lassen. Gut herausgearbeitet ist die Doppelmoral dieser Zeit. So ist es durchaus legitim, eine Zweitfamilie zu haben, wenn nur der schein gewahrt bleibt. Siehe Ludwig von Keller, der mit der reichen Grete verheiratet ist, aber mit der ehemaligen Köchin gleich drei Kinder hat.

Auch Pauline Kinski ist ein Kind dieser Zeit: Sie sucht verzweifelt einen Ehemann (am besten verarmt und/oder schwul), damit sie ungeniert das Verhältnis zu John Gable, dem jüdischen Sänger aus einfachstem Milieu, weiter pflegen kann.

Gut herausgearbeitet sind die Charaktere. Der ewig zweifelnde Hans, die beiden Homosexuellen Rosa und Wlad und auch John Gable, der immer das haben will, was anderen gehört.

Sehr interessant ist auch die Wandlung von Fritzi vom „Landei“ zur selbstbewussten jungen Frau.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz: Die Auflösung des Rätsels, was Wlad treibt, während er angeblich die Fische im Aquarium beobachtet, hat mir ein lautes Lachen entlockt.

Ich mag die Geschichten der Autorin, weil sie penibel recherchiert sind und der „Geschichtsunterricht“ subtil herüberkommt.

Fazit:

Ein toller Roman, der das Flair Berlins und seine verlogene Moral authentisch wiedergibt.
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