Der Traum der Dichterin von Elke Weigel

Buchvorstellungund Rezension

Der Traum der Dichterin von Elke Weigel

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „Der Traum der Dichterin“,, 341 Seiten.ISBN 3839217334.

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Kurzgefasst:

Annette schreibt Verse, die gar nicht so bescheiden sind, wie von ihr erwartet wird. Im Sommer 1820 trifft sie auf Straube, den ersten Mann, der ihr literarisches Schaffen ernst nimmt. Aber auch der Schöne von Arnswaldt ist zu Besuch, dessen strenge Religiosität ihre schwelenden Schuldgefühle weckt, weil sie ihr dichterisches Leben nicht nach Gott ausrichtet. Sie lässt sich auf Vertraulichkeiten ein, die die Männer gründlich missverstehen. Und als ihre Freundin Male noch dazukommt, bahnt sich eine Katastrophe an.

Das meint Histo-Couch.de: „Die Leiden der westfälischen Dichterfürstin“86Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Annette von Droste-Hülshoff, adelige Dichterin aus dem Münsterland, lebt mit ihrer Familie auf Burg Hülshoff und fühlt sich nicht verstanden. Ihre Eltern sind sehr streng, vor allem ihre Mutter, und Nette, wie Annette von allen genannt wird, hat einen schweren Stand. Sie ist klein, von Geburt an kränklich und hat nur wenig Kontakt nach Aussen, was auch mit einer der Gründe ist, warum sie sich in die Poesie flüchtet.

Einzig Amalie Hassenpflug, genannt Male, wird ihr zur Freundin, zu einem zweiten Ich, zu ihrer Doppelgängerin, scheint sie doch die einzige zu sein, die Nette versteht. 1820 trifft die Familie Droste zu Hülshoff in den Ferien auf Male, und Nette beginnt mit ihre eine enge Freundschaft, die fast schon über Freundschaft hinausgeht, beinahe Liebe ist. Man trifft die Brüder Grimm, die die berühmte Märchensammlung herausgegeben haben, und Nettes Schwester ist verliebt in einen der beiden, doch wäre eine Beziehung nicht standesgemäß, sind die Grimms doch nicht von Adel.

Annette trifft auch auf Männer, und ausgerechnet der gutaussehende Arnswaldt scheint derjenige zu sein, der Annette aus ihrem Elfenbeinturm holen könnte. Der Dichter Straube schien zuvor der einzige zu sein, der Annettes Dichterschaffen ernst nahm, doch ist er auch nicht der richtige. Annettes Sommer droht, zur Katastrophe zu werden, bis sie die Verwaltung des Rüschhaus übernimmt und dort ihr eigener Herr sein kann. Doch denkt sie immer noch an Male und kann sie einfach nicht vergessen.

Nicht einfach

Es ist kein einfaches Buch, das sich leicht weglesen lässt, das Elke Weigel mit Der Traum der Dichterin vorgelegt hat. Freunde der Dichterfürstin Annette von Droste Hülshoff werden hier interessante Charakterzüge und Handlungsstränge vorfinden, die akribisch recherchiert wurden und vielleicht nicht in jeder Biografie auftauchen.

Dass Annette ein schwieriger Charakter war, ist unumstritten, und dass sie wenig fassbar ist, macht der Roman sehr deutlich. Vor allem die Konventionen, unter denen man als adeliges Mädchen, kränklich und als Siebenmonatskind eigentlich nicht als überlebend erwartet, zu leiden hat, werden anschaulich dargestellt. Als Tochter sowieso nicht gut gelitten und allenfalls eine gute Heiratspartie oder eine Kandidatin fürs Kloster, wächst Annette gottgefällig auf im katholischen Münsterland und hat eigentlich keine Aussicht auf ein selbständig geführtes Leben. Einzig ihre Dichtkunst macht sie zu etwas besonderem, mit deren Talent die Mutter zwar hausieren geht, der Tochter aber kein Wort des Lobes geben kann.

Annette und die Männer

Der Vater ist quasi nicht für Nette vorhanden, allenfalls ihr Bruder Werner könnte sich für sie erwärmen, doch auch hier gerät sie an Grenzen. Elke Weigel schafft ein bedrückendes Bild einer Adeligen, die nicht weiß, wohin sie gehört und was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Nette klammert sich an jeden Strohhalm, der ihr einen Weg in ihrem Leben aufzeigen kann, und da sie von Männern enttäuscht wird, die Dinge von ihr wollen, die sie ihnen nicht geben kann oder will, bleibt nicht viel übrig. Als sich die Freundschaft oder gar Beziehung zu Male entwickelt, fühlt sich Nette zum ersten Mal verstanden und anerkannt, wenngleich sie sich noch immer nicht genau definieren kann.

Elke Weigel hat einen tief anrührenden Roman geschrieben, der nicht nur die Zeit gut einfängt, sondern sich auch in die Situation Annettes einfühlen kann, vielleicht stellvertretend für viele Adelige, die in ihrem Käfig sitzen, nicht hinaus können und nichts mit sich anzufangen wissen. Annette von Droste-Hülshoff mag ein extremes Beispiel sein, aber zumindest ist es ein bekanntes. Gerade zum Ende hin flicht die Autorin mehr und mehr Gedichte Annettes ein, die tatsächlich einen Seelenzustand wiederspiegeln, der von Annette gleich selbst mit analysiert wird.

Die Zeit hervorragend festgehalten

Es ist also keine einfache Kost über die westfälische Adelsdichterin, die hier von Elke Weigel festgehalten wird. Wer aber die Struktur des Adels in dieser Zeit mit all seinen moralischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten kennen lernen will, der ist mit diesem Roman gut beraten. Weigel gelingt ein Blick in den Adel zu Beginn des 19. Jahrhunderts, den heute bestimmt niemand vermisst, der aber aus Zeitzeugnissen genau so überliefert ist.

Ein zweiseitiges Nachwort der Autorin ergänzt einen intensiven Roman, dessen Titelfigur auf dem Cover zu bewundern ist. Mit minus 15 Dioptrin und der Basedowschen Krankheit gezeichnet, war Annette vielleicht keine Schönheit und wohl auch daher bei Männern nicht gut gelitten. Durch diesen Roman versteht man aber vielleicht noch eher, wie schwer es seinerzeit war. Lesenswert, wenn man sich darauf einlassen möchte.

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