Ein Held dunkler Zeit von Christian Hardinghaus

Buchvorstellungund Rezension

Ein Held dunkler Zeit von Christian Hardinghaus

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Ein Held dunkler Zeit“,, 368 Seiten.ISBN 3958901190.

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Kurzgefasst:

Winter 1941/ 42, deutsche Stellungen in der Südukraine. Wilhelm Möckel, Unterarzt in der Panzer-Aufklärungs-Abteilung 16, kämpft einen verzweifelten Kampf – er benötigt das Eiserne Kreuz I. Klasse. Es ist die einzige Chance, in den Offiziersrang aufzusteigen und beim Führer ein Gnadengesuch einzureichen, um seine halbjüdische Frau »arisieren« zu lassen. Eine Ausnahmeregelung der Nazis verspricht ihr »deutsches Blut«, wenn er zum Helden wird …Als er Annemarie im Sommer 1932 kennenlernt, ist er wie vom Blitz getroffen. Sie ist die Frau, die er heiraten will, und auch für Annemarie ist es die große Liebe. Doch das junge Glück währt nicht lange, schon bald ziehen dunkle Wolken auf, und mit Hitlers Machtübernahme 1933 beginnt die offene Verfolgung von Regimegegnern und »rassischen Minderheiten«. Trotz eindringlicher Warnungen seines Zwillingsbruders Karl, der auf der Karriereleiter der NSDAP rasch emporsteigt, heiratet Wilhelm und schwört seiner Frau die Treue. Auch als er seine Kassenzulassung verliert, hält er zu ihr und den beiden Kindern. Da er Deutschland nicht verlassen will, sieht er nur noch einen Ausweg: Er meldet sich freiwillig zum Kriegseinsatz, um durch hervorragende Leistungen für das Deutsche Reich beim Führer eine Arisierung für seine Familie zu erbitten. Und so verschlägt es Wilhelm an die Ostfront, wo im eisigen Winter 1941/ 42 die russische Gegenoffensive beginnt, während Annemarie und die Kinder zu Hause immer stärker von NSDAP-Leuten bedrängt werden. Wird es Wilhelm rechtzeitig gelingen, sein Ziel zu erreichen?

Das meint Histo-Couch.de: „Die bewegende Geschichte des Helmut Machemer“90Treffer

Rezension von Yvonne Schulze

Im Privatarchiv der Familie Machemer schlummerte 75 Jahre lang der nahezu 2000 Fotos, über 500 Briefe und unzählige Meter Filmmaterial umfassende Nachlass des Frontarztes Helmut Machemer. Nun hat sich sein Sohn Hans Machemer entschlossen, dieses historisch bedeutsame Material gemeinsam mit dem Historiker Christian Hardinghaus zu sichten, auszuwerten und für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten. Drei Jahre waren Christian Hardinghaus und Hans Machemer mit der Aufarbeitung des Materials beschäftigt, das nun im unlängst erschienenen Sachbuch Wofür es lohnte, das Leben zu wagen veröffentlicht wurde.

Um dieses wichtige Thema einer breiteren Leserschaft nahezubringen, hat sich Christian Hardinghaus entschlossen, hierauf aufbauend auch noch einen historischen Roman zu schreiben. Mit seinem Roman „Ein Held dunkler Zeit“ stellt der Autor zum einen die Judenverfolgung in Deutschland und zum anderen das Leben und Sterben deutscher Soldaten an der Ostfront in den Focus seiner Erzählung und gibt denen eine Stimme, die in der deutschen Erinnerungskultur etwas ins Hintertreffen geraten sind. 

„Doch im Kugelhagel, da wurde ich Zeuge von Heldentaten. Ich habe Menschen gesehen, die ihr eigenes Leben riskiert oder im schlimmsten und nicht seltenen Fall verloren haben, um viele andere Leben zu retten.“

Der Roman beginnt zeitlich recht unstrukturiert. Nachdem der Leser auf den ersten Seiten gleich mitten hinein in die Kampfhandlungen an der Ostfront im Januar 1942 geworfen wird, wird er nach nur wenigen Seiten wieder zurück in die Gegenwart katapultiert, wo er dem mittlerweile über 90 Jahre alten Sanitätssoldaten Friedrich Tönnies begegnet, der in einem Seniorenheim lebt und noch immer mit den Dämonen der Vergangenheit kämpft. Lange hat er, wie so viele seiner Generation, über seine Kriegserlebnisse geschwiegen. Doch jetzt, mit dem Tod vor Augen, reflektiert er die Vergangenheit und entschließt sich, das Schweigen zu brechen und seine Geschichte zu erzählen. Doch es ist nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die seines Vorgesetzten Wilhelm Möckel, hinter dem sich eben jener Helmut Machemer verbirgt.

Eine ungewöhnliche Rettungsaktion

Als der Augenarzt Wilhelm Möckel im Sommer 1932 die Medizinstudentin Annemarie kennenlernt, ist es Liebe auf den ersten Blick und die beiden heiraten trotz aller Warnungen, denn Annemarie ist Halbjüdin und der Antisemitismus ist im Jahr 1932 bereits deutlich zu spüren. Mit Hitlers Machtübernahme 1933 glaubt Wilhelm noch an einen Aufwärtstrend in Deutschland nach dem Scheitern der Weimarer Republik. Doch das Leben wird für die Möckels zunehmend schwieriger und sie bekommen die Auswirkungen des Rassenwahns am eigenen Leib zu spüren. Annemarie darf ihr Medizinstudium nicht fortsetzen, Wilhelm verliert seine Kassenzulassung, Freunde wenden sich ab und wollen nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Da eine Auswanderung für Wilhelm nicht in Frage kommt, entschließt er sich auf Anraten seines nationalsozialistisch gesinnten Bruders, als Arzt an die Front zu gehen und damit seine Familie zu retten. Die Rassengesetze der Nazis sahen eine Ausnahmeregelung vor, die es einem arischen Deutschen erlaubte, durch große Tapferkeitsauszeichnung seine Familie arisieren zu lassen. Hintergrund dieser Regelung war die wahnwitzige Vorstellung der Nationalsozialisten, dass sich das deutsche „Heldenblut“ in den nachkommenden Generationen gegen das jüdische „unreine“ Blut durchsetzt und dieses verdrängt.

Während Wilhelm nun als Frontarzt an der Ostfront tagtäglich sein Leben aufs Spiel setzt, um seine Familie zu retten, ist Annemarie in der Heimat den Repressalien und Verfolgungen der Nazis und ihrer Anhänger ausgesetzt. Sie erfährt am eigenen Leib, was es bedeutet, schutzlos in einer Gesellschaft zu leben, die einem jede Daseinsberechtigung abspricht. Wilhelm Möckel ist sicher nicht der strahlende Held im herkömmlichen Sinn. Denn um seine Familie zu retten, geht auch er über Leichen. Auch wird die Umsetzung seines Rettungsplanes immer wieder durch Vorgesetzte boykottiert, die sein Vorhaben nicht unterstützen wollen und ihm deshalb ständig Steine in den Weg legen.

In ein anderes Licht gerückt

Es gelingt dem Autor, hier einen etwas differenzierteren Blick auf die Wehrmachtsangehörigen zu werfen, denn nicht alle waren überzeugte Nazis oder Kriegsverbrecher und es gab genügend Soldaten, die den ganzen Wahnsinn in Frage gestellt haben, nachdem sie erkennen mussten, dass man sie nach Strich und Faden belogen hatte. Die Schrecken des Krieges werden zwar detailliert beschrieben, doch der Autor findet das richtige Maß, um seine Leser nicht zu überfordern. Neben Tod und Sterben gibt es auch hin und wieder positive Momente und Menschlichkeit. Es ist sicher nicht einfach, sich mit unserem heutigen Wissenstand in die damalige Zeit hineinzuversetzen, denn vieles, was wir heute wissen, war den Protagonisten damals noch gar nicht bekannt. Diese Gratwanderung meistert der Autor aber mit Bravour und er begeht nicht den Fehler, hier irgendetwas zu verharmlosen.

Hardinghaus´ Roman ist ein spannend und zugleich einfühlsam erzähltes, erschütterndes Zeitdokument und man kann diesem Buch nur eine große und verständige Leserschaft wünschen, die auch die Parallelen zur heutigen Zeit erkennt. Es ist ein Roman gegen das Vergessen und gemeinsam mit dem Sachbuch Wofür es lohnte, das Leben zu wagen eine lohnende Lektüre.

Ihre Meinung zu »Christian Hardinghaus: Ein Held dunkler Zeit«

Martinas Buchwelten zu »Christian Hardinghaus: Ein Held dunkler Zeit«28.03.2018
Der Roman von Christian Hardinghaus basiert auf der wahren Geschichte des Arztes Helmut Machemer. In seinen Briefen von der Front hat er seine Eindrücke seiner Familie hinterlassen. Gemeinsam mit Christian Hardinghaus hat sein Sohn Hans Machemer diese Dokumente ausgewertet und in einem Bildband/Sachbuch niedergeschrieben. Die Geschichte hat den Autor so nachhaltig beeindruckt, dass er einen Roman geschrieben hat, der auf Macheners Lebensgeschichte basiert.

Aus der Erzählperspektive des 95-jährigen ehemaligen Sanitätsgehilfen Friedrich Tönnies erfährt der Leser die Lebensgeschichte von Doktor Wilhelm Möckel. Dieser war sein Freund und Wegbegleiter in den ersten Kriegsjahren. Ein kleiner Vorfall ist der Auslöser, dass Friedrich den Entschluss fasst, die Geschichte von Wilhelm zu Papier zu bringen. Als der junge Augenarzt die kesse Medizinstudentin Annemarie im Sommer 1932 kennenlernt, ahnen sie nicht, welches Schicksal sie erwarten wird. Als Annemarie und Wilhelm heiraten wollen, erfährt die junge Frau, dass ihre Mutter Jüdin ist. Diese hat zwar nie den jüdischen Glauben praktiziert, doch nach dem Inkrafttreten des Nürnberger Rassegesetzes 1933 ist Annemarie ein "Mischling erstes Grades". Sie darf ihr Medizinstudium nicht mehr weiterführen und Wilhelm wird nach der Heirat die Kassenzulassung entzogen. Freunde wenden sich ab. Als Wilhelm hört, dass er die Möglichkeit hat durch eine besondere Tapferkeitsauzeichnung, das Eiserne Kreuz I. Klasse, ein Gnadengesuch beim Führer einzureichen, meldet er sich freiwillig zum Kriegseinsatz. Dies ist die einzige Chance einer "Arisierung" für seine Frau und die Zwillingssöhne Max und Martin zu bekommen...

Zu Beginn erfahren wir mehr über Wilhelm und Annemarie, ihre beginnende Liebe und die anfänglichen Schwierigkeiten durch das Nürnberger Rassegesetz. Man erlebt hautnah mit, wie die beiden ausgegrenzt werden und wie radikal selbst ehemalige Freunde sich verhalten.
Doch den Großteil begleiten wir Friedrich und Wilhelm an die Ostfront, liegen mit ihnen in den Schützengräben, laufen unter Kugelhagel zu den Verwundeten und verbinden sogar den Feind. Äußerst authentisch und wahnsinnig gut recherchiert hat Christian Hardinghaus für seinen Roman und legt einen ungeschönten Bericht vor. Der entscheidende Hungerwinter steht der 16. Panzerdivision bevor, doch zuvor geht es noch in die Südukraine, deren Bewohner der Besatzungsmacht gar nicht so feindlich gegenübersteht, weil viele von ihnen deutsche Wurzeln haben. Kriegstechnische Details langweilen hier nicht, sondern lenken ab und zu vom Kampfgeschehen, Amputationen und schweren Verlusten ab, die Wilhelm und Friedrich miterleben müssen. Dabei bleibt Wilhelm immer menschlich und seinem Hypokrates-Eid treu.

In einem zweiten Strang bleiben wir bei Annemarie und ihrer Familie, die mehr und mehr unter Druck geraten und den Schikanen der NS ausgeliefert sind. So erfährt der Leser wie es den Daheimgebliebenen ergeht, während Wilhelm und sein treuer Sanitätsgehilfe Friedrich an der Ostfront kämpfen.

Zum Roman gibt es auch das Sachbuch "Wofür es lohnte, das Leben zu wagen: Briefe, Fotos und Dokumente eines Truppenarztes von der Ostfront 1941/42" mit über 160 Briefen, über 2000 Fotos und mehreren Stunden Filmmaterial.

Schreibstil:
Christain Hardinghaus hat einen eher nüchternen, aber sehr flüssigen Schreibstil, der bei diesem Roman, der den Schrecken des Krieges sehr detailliert wiedergibt, perfekt passt. Trotzdem kommt das Emotionale genaus durch und berührt sehr. Als Historiker und mit den persönlichen Unterlagen des Vorbildes für seinen Roman, entführt er den Leser zurück in die Zeit des zweiten Weltkrieges. Die Stimmung ist dem Thema entsprechend eher düster gehalten.
Die Charaktere sind sehr lebendig und gut gezeichnet. Ich fühlte ihre Emotionen, sei es Angst, Unglauben, Freude oder Verlust durch jede Zeile.

Fazit:
Ein bewegender Roman mit biografischen Zügen, der ein weiterer großartiger Beitrag gegen das Vergessen ist. Ein wichtiges Zeitdokument, das ich gerne weiterempfehle! Literatur zu diesem Thema kann es nie genug geben!
mikaschu zu »Christian Hardinghaus: Ein Held dunkler Zeit«22.03.2018
Ohne diesen Roman gelesen zu haben, möchte ich mal zu bedenken geben, daß diese Zeit vielleicht nicht nur dunkel war. Ich habe unter mir unter anderem einmal die Mühe gemacht, mit ZEITZEUGEN zu sprechen (ich bin nicht Mitglied irgendeiner rechten Front -das möchte ich voraus schicken), aber jene Menschen, die damals in den Krieg gezogen sind, hatten nicht nur einen Befehl und sind für den Führer in den Kampf gezogen. Die häufigsten Antworten, die ich erhielt, lauteten für die Familie und meine Heimat. Auch diese Kehrseite der Medaille sollte in Betracht gezogen werden. Es waren alte Männer, die keineswegs den Krieg verherrlicht haben, es sind jene, die aus der eigenen Sicht einen Grund hatten, überhaupt zu kämpfen, auch das sollte nicht vergessen werden. Es sind dann auch jene, die staunend in den Nachrichten erfahren müssen, daß ein über 90-jähriger ehemaliger SS-Mann in 2018 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Das ist meines Erachtens AUCH menschenverachtend. Er hat vor 70 Jahren mit hehrem Ziel gekämpft und jetzt, kurz vor seinem Ableben, wird er dafür zur Rechenschaft gezogen. Ich finde das ziemlich beschämend, muß ich gestehen. Das hat nichts mit Partei ergreifen zu tun, das ist einfach nur traurig, aber allerdings nicht verwunderlich, wenn man den Medienberichten über die Pflege alter Menschen in unserem Land folgt...
Isabel alias engi :) zu »Christian Hardinghaus: Ein Held dunkler Zeit«21.03.2018
Dieser Roman, dessen Geschichte auf wahren Tatsachen basiert, zeigt mal wieder sehr anschaulich, wie facettenreich ein Einzelschicksal zu Zeiten des Naziregimes beleuchtet werden kann. Der beeindruckende junge Autor, Christian Hardinghaus, der nach seinem Geschichtsstudium im Bereich Propagandaforschung promovierte, hat sich seinen Recherchen zu diesem Buch mit einer Ausdauer und Euphorie gewidmet, die einem als Leser das Herz aufgehen lassen. Er hat sich ein trauriges Kapitel unserer bewegten deutschen Geschichte rausgesucht und hat sie in keinster Form geschönt. Aber er hat es geschafft, den einzelnen Charakteren eine Stimme zu geben, die uns immer wieder darin bestärkt nicht zu vergessen um nicht zum Wiederholungstäter zu werden. Er hat es auch geschafft bei mir beim Lesen ein derartiges Kopfkino auszulösen, dass ich mit gelitten und gebangt habe mich aber auch dann den schönen Abschnitten des Romans freuen konnte. Man denke da z. B. an die kesse junge Annemie, die ihrem Wilhelm ganz schön einheizt oder an die vielen schönen Briefe, die ihren Weg in dieses Buch gefunden haben. Es gab so viele Schicksale in dieser schweren Zeit, viele haben sich wahrscheinlich auch in den Familien der Leserinnen und Leser abgespielt. Dennoch ist der beinah biografische Roman nicht langweilig oder gar redundant. Jede Geschichte verdient einen Leser oder Zuhörer, schön dass du dich dieser Aufgabe angenommen hast, lieber Christian!
venatrix zu »Christian Hardinghaus: Ein Held dunkler Zeit«19.03.2018
Historiker Christian Hardinghaus entführt seine Leser in eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte: In die Zeit des Nationalsozialismus.

Inhalt:

Als der Augenarzt Wilhelm Möckel 1932 die Medizinstudentin Annemarie kennenlernt, weiß er sofort, dass sie die Frau fürs Leben ist, aber er ahnt noch nicht, wie sehr diese Redewendung der Wahrheit entsprechen wird.

Annemarie hat nämlich, ohne dies bisher zu wissen, eine jüdische Mutter. Nach der Machtübernahme Hitlers und der Inkrafttreten der Nürnberger Rassegesetze gilt Annemarie als „Mischling ersten Grades“ und wird sukzessive vom sozialen Leben ausgeschlossen.
Freunde wenden sich ab, Wilhelms gutgehende Praxis wird von einem Tag auf den anderen gemieden und muss geschlossen werden. Um seine Familie, er ist inzwischen stolzer Vater zweier Söhne, zu schützen, fasst Wilhelm, nach Beratung mit seinem Zwillingsbruder Karl, der seit Langem als Jurist für die NSDAP arbeitet, einen folgenschweren Entschluss: Er meldet sich freiwillig als Mediziner zur Wehrmacht. Es gibt nämlich die Möglichkeit, als deutschblütig anerkannt zu werden, wenn ein Familienmitglied das „Eiserne Kreuz I. Klasse“ wegen besonderer Leistungen erhält. Ein Gnadenakt, der nur vom Reichskanzler höchspersönlich gewährt werden kann.

Dieses Ziel vor Augen zieht Wilhelm Möckel als Arzt mit der 16. Panzer-Aufklärungsdivision 1941 in die Südukraine. Immmer an seiner Seite: Der junge Sanitätsgehilfe Friedrich Tönnies.

Meine Meinung:

In diesem historischen Roman, der nach der wahren Geschichte des Helmut Machemer, geschrieben wurde, zeigt sich das wahre Gesicht des Krieges. Junge Männer werden auf beiden Seiten der Front(en) verheizt. Ein Menschenleben zählt nichts. Die Menschen werden zu Nummern degradiert, sowohl als Soldaten als auch als Insassen der Konzentrationslager.

In eindringlichen Worten, aber nicht Effekt haschend und weit abseits von heroisiernden „Landser-Geschichten“ á la Konsalik schildert der Autor das Leben an der Front. Besonders interessant ist die Erzählperspektive: Der nunmehr 95-jährige, ehemalige Sanitätsgehilfe Friedrich, schreibt die Lebensgeschichte „seines“ Arztes in der Ich-Form nieder. Auslöser ist ein Halbwüchsiger, der mit seinem Modellpanzer des Typs T34 (jenem sowjetischen Panzer, der im Krieg zum Einsatz kam) im Garten der Seniorenresidenz herumfährt und bei Friedrich einen Flashback verursacht.

Die Leser finden sich inmitten von Kugelhagel, Granatsplittern und sterbenden Männern wieder. Man kann förmlich das Rasseln der Panzerketten hören, den Brandgeruch, den Gestank der Latrinen und der Verwundeten wahrnehmen. Man kann die Verzweiflung und die Angst der Soldaten spüren. Es werden nur wenige an Körper und Seele unverletzt zurückkehren. An einigen Stellen schleicht sich auch ein wenig Menschlichkeit in der Unmenschlichkeit ein. So hilft Wilhelm verwundeten und im Stich gelassenen russischen Soldaten. Er fühlt sich an den Hippokratischen Eid gebunden. Er operiert, amputiert und verbindet die fremden Männer. Da kann auch die plötzlich auftauchende Gruppe von SS-Schergen wenig ausrichten. Geistegegenwärtig und auch gewitzt, schützt Wilhelm eine Seuche vor und rettet die Verwundeten vor der Ermordung.

Ein zweiter Erzählstrang ist der Blick auf die Heimat. Hier wird – in der dritten Person von den Repressalien, denen Annemarie und ihre Familie ausgesetzt ist, berichtet. Von Seite zu Seite steigert sich die Angst, ebenso wie ihre Mutter in ein KZ deportiert zu werden. Eindrucksvoll ist die zunehmende Beklemmung, die Furcht von irgendeinem missgünstigen Nachbarn denunziert zu werden geschildert. Die bedrückende Stimmung in einem Land leben zu müssen, lähmt beinahe den gesamten Alltag. Der völlige Irrsinn des Rassenwahns zeigt sich als Annemarie von Wecker, einem Nazi der ersten Stunde, sexuell bedrängt wird: Eine Ehe mit einer Jüdin/Juden einzugehen ist Rassenschande, sich an einer Jüdin zu vergreifen, ist ok. Hier greift Karl helfend ein. Ich denke, dies ist auch der Punkt, an dem er erkennt, mit welchem System er sich da eingelassen hat.

Christian Hardinghaus ist es gelungen die Gräuel des Krieges so darzustellen, dass die Leser zwar eine Ahnung davon bekommen, aber nicht durch allzu blutrünstige Details verschreckt werden.

Einige, für das Verständnis der Handlung, notwendige militärische Begriffe sind unaufgregt in die Geschichte eingeflochten. Die Interessierten unte uns Lesern können den einen oder anderen Fachbegriff dann noch nachlesen.

Charaktere:

Hauptperson ist natürlich Wilhelm, der aus Liebe zu seiner Frau, dieses Wagnis auf sich nimmt. Er unterzieht sich diesem Himmelfahrtskommando, immer das Ziel vor Augen, seine Familie zu retten.
Friedrich Tönnies ist die zweite, sehr sympathische Figur, die mit „seinem Arzt“, wie er Wilhelm respektvoll nennt, in die Hölle folgt, obwohl er mehrmals die Möglichkeit hat, in eine andere Einheit versetzt zu werden. Auch wenn die beiden durch Alter und Rang getrennt scheinen, sind sie einander freundschaftlich verbunden. Ja, diese Freundschaft geht soweit, dass Friedrich einen ehemaligen Freund Wilhelms brutal zusammenschlägt, als sich der über die Soldaten der Wehrmacht lustig macht und sich im Selbtmitleid suhlt, obwohl er im heimatlichen Osnabrück, die Front nur vom Hörensagen kennt.

Die verschiedenen Charakterzüge von Vorgesetzten – von wohlwollend bis menschenverachtend – sind gut herausgearbeitet.

Karl, Wilhelms Bruder, zu Beginn ein ordentlicher Parteisoldat, macht eine erstaunliche Entwickung durch, die vermutlich nicht einmal er selbst vorhergesehen hat. Er zieht Fäden, um Annemarie und Wilhelm zu helfen, kann aber nicht allzu zu offensichtlich auftreten, da Denunziatnen überall sind.

Annemarie ist zu bewundern, wie sie mit dem Druck, Wilhelm an der Front und die ständige Bedrohung durch ihre Herkunft umgeht. Selbst der Umzug nach Augsburg hilft wenig, das die Bürokratie, für die die Deutschen bekannt bzw. bertüchtigt ist, ihr vorauseilt.
Nachvollzihebar ist ihr Verhalten als sie als deutschblütig anerkannt, sich von ihrer ehemaligen Freundin, die nun wieder angekrochen kommt, distanziert.

Fazit:

Ein erschütternder Roman abseits jeder Heldenstilisierung, der auf der wahren Lebensgeschichte des Helmut Machemers beruht. Dazu gibt es auch noch das Sachbuch „Wofür es lohnte, das Leben zu wagen“, das Christian Hardinghaus gemeinsam mit Helmut Machmers Sohn Hans geschrieben hat.
Ich gebe diesem aufwühlenden Roman fünf Sterne und eine absolute Leseempfehlung.
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