Nacht über Föhr von Volker Streiter

Buchvorstellungund Rezension

Nacht über Föhr von Volker Streiter

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Nacht über Föhr“,, 336 Seiten.ISBN 3740802863.

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Kurzgefasst:

Föhr 1845: Der vierzehnjährige Schiffsjunge Ingwer wird ermordet an der Lembecksburg gefunden, die Haut übersät mit eingeritzten Zeichen. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, doch Reiseschriftsteller Johann Kohl hat seine Zweifel an dessen Schuld und stellt eigene Nachforschungen an. Gleichzeitig sucht Ingwers kleine Schwester den Mörder im Kreis der wohlhabenden Badegäste. Doch die Föhrer Gesellschaft ist rätselhaft verstrickt. Und dann verschwindet das Mädchen spurlos.

Das meint Histo-Couch.de: „Kindermord vor deutsch-dänischem Hintergrund“85Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Nachdem Volker Streiter in seinem ersten Roman Das Geheimnis des Strandvogts den Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl einen Mordfall hat ermitteln lassen und dort die Magd Dina Martensen hat kennenlernen lassen, durfte diese in Eidergrab erstmals allein ermitteln. Im nun vorliegenden dritten historischen Küstenkrimi des Autors kommt wieder der Reiseschriftsteller Kohl zum Zuge – allerdings ohne die Magd Dina.

Man schreibt das Jahr 1845, als der Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl auf der Insel Föhr landet, um Land und Leuten ein literarisches Denkmal zu setzen. Unglücklicherweise wurde am Vortag der vierzehnjährige Junge Ingwer ermordet an der Lembecksburg gefunden, erstochen und mit seltsamen Zeichen eingeritzt an den Beinen. In dem flüchtigen Pana Schoones, einem Mann aus der Südsee, der nur gebrochenes Deutsch spricht, obwohl er seit fast zwanzig Jahren auf der Insel lebt, hat man gleich einen Schuldigen gefunden, wenngleich noch nicht gefasst, denn er wurde gesehen, wie er von dem Leichnam flüchtete. Kohl kommt im Hause des Apothekers unter und mischt sich unter die Bevölkerung, um die Insel kennenzulernen.

Unweigerlich wird auch Kohl auf die Sache mit dem toten Jungen aufmerksam und schon wird sein kriminalistischer Forschungsdrang geweckt. Er spricht mit der Mutter und der kleinen Schwester des Jungen und untersucht den Fundort und hat eine Menge Fragen, vor allem auch wegen des vermeintlichen Mörders, der wie vom Erdboden verschluckt scheint. Kohl arbeitet sich weiter in die Bevölkerung vor und wird dafür nicht von allen freundlich empfangen. Und als Ingwers kleine Schwester ebenfalls Nachforschungen anstellt und verschwindet, klingeln auf der Insel die Alarmglocken.

Spannender Hintergrund

Es ist bereits Volker Streiters dritter historischer Kriminalroman aus der norddeutschen Inselwelt, und wieder schafft er es, einen spannenden Kriminalfall zu stricken, bei dem man sich wieder einmal fragt, warum die Ortpolizei nicht auch irgendwie ermittelt. Das ist dann aber auch so ziemlich die einzige Frage, die sich dem Leser stellt, denn Streiter weiß sehr wohl, falsche Fährten zu legen und den Leser bis zur letzten Seite bei der Stange zu halten.

Eingebettet in einen interessanten historischen Hintergrund lässt Streiter seinen Reiseschriftsteller ermitteln, der aufgrund seines Berufes immer Grund genug hat, das Land zu erforschen und Leute zu befragen. Neu dürfte für die meisten Leser der politische Hintergrund sein, der auf der Insel Föhr anzutrefen ist. Aufgeteilt in zwei Teile, Westerlandföhr und Osterlandföhr und somit auch zwei verschiedenen politischen Systemen, gehörte der eine Teil zu Dänemark, der andere zu Deutschland, was natürlich direkt Ressentiments der einen Hälfte der Insel der anderen gegenüber bedeutet. Konflikte sind vorprogrammiert und so schreibt sich ein Krimi zu dieser Zeit fast von allein.

Fast, wären da nicht die schillernden Figuren, die der Autor ins Feld führt. Neben Kohl sind dies die schwermütige Mutter des Opfers, die den Tod ihres Sohnes nur schwer verkraften kann, aber auch vorher nicht so leicht zu verstehen war. Laura, die kleine Schwester des Opfers, ist ein gewitztes, mutiges Mädchen und trägt mit eigenen Nachforschungen zur Klärung des Falles bei. Des weiteren gibt es den Apotheker Leisner, bei dem Kohl untergekommen ist, und der in seinem Hinterzimmer mit Medikamenten experimentiert. In der jungen Frau Emma Kühl, die mehr weiß als sie zugibt, und dem Kameraden Daniel Krückenberg, einem Freund des Opfers, gibt es weitere wichtige Personen. Glücklicherweise hat der Autor hinten im Buch ein Personenverzeichnis mit angegeben, wo auch vermerkt ist, wer von den Charakteren des Buches eine historische Person ist und wer erfunden, was bei der Lektüre des Romans das ein oder andere Aha-Erlebnis hervorrufen dürfte.

Geschickt konstruiert

Insgesamt ist Volker Streiter ein spannender Krimi vor historisch und auch sonst interessanter Kulisse gelungen, der hier auf gut 330 Seiten aus dem Hause Emons als Küstenkrimi daherkommt. Neben dem bereits erwähnten Personalverzeichnis findet sich als Extra noch eine historische Karte der Insel Föhr zu Beginn des Romans, auf der man einige Wege nachverfolgen kann. Der Roman eignet sich gut als Urlaubslektüre, wenn man eh auf die nordfriesischen Inseln fährt oder sich für die deutsch-dänische Geschichte und Schleswig-Holstein interessiert. Und wer weiß, vielleicht ermittelt Johann Kohl ja erneut, es gibt da ja noch einige Inseln mit Menschen, die sich bestimmt nicht immer ganz grün sind.

Ihre Meinung zu »Volker Streiter: Nacht über Föhr«

dorli zu »Volker Streiter: Nacht über Föhr«19.04.2018
In seinem historischen Küstenkrimi „Nacht über Föhr“ nimmt Volker Streiter den Leser mit in das Jahr 1845 auf die nordfriesische Insel Föhr. Der Autor wartet mit einer fesselnden Mischung aus Realität und Fiktion auf und lässt diesen Roman damit zu einer kurzweiligen Zeitreise werden.

Gleich an seinem ersten Tag auf der Insel wird der Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl Zeuge der Gefangennahme eines vermeintlichen Mörders. Der seit vielen Jahren auf Föhr lebende Südseeinsulaner Pana Nancy Schoones soll den 14-jährigen Schiffsjungen Ingwer Martens erschlagen haben. Kohl, der nicht nur auf der Suche nach spannenden Geschichten für seinen nächsten Reisebericht ist, sondern auch einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hat, zweifelt an der Schuld des friedvollen Panas und stellt eigene Nachforschungen an…

Auch Ingwers 13-jährige Schwester Laura ist davon überzeugt, dass jemand anderes ihren Bruder auf dem Gewissen hat. Sie will sich bei den wohlhabenden Badegästen in Wyk umschauen und ahnt nicht, in welch große Gefahr sie sich damit begibt…

Volker Streiter hat einen sehr mitreißenden Schreibstil – ruckzuck war ich mittendrin im Geschehen und konnte prima mit den Akteuren mitfiebern.

Die Darstellung von Land und Leuten ist Volker Streiter hervorragend gelungen – der Autor hebt die Besonderheiten des Landstrichs genauso hervor, wie die Mentalität und die Eigenarten der Inselfriesen, so dass ich mir sowohl die Schauplätze wie auch die Akteure sehr gut vorstellen konnte. Nicht nur das Lokalkolorit ist überzeugend, auch mit dem Zeitkolorit kann der Autor punkten. Lebensweise, Gepflogenheiten, Mode und Sprache der damaligen Zeit fließen genauso in die Handlung ein, wie die politische Lage Föhrs in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch der Kontrast zwischen der armen Landbevölkerung und der vornehmen Wyker Badegesellschaft wird beleuchtet.

Volker Streiter hat ein gutes Händchen dafür, die historischen Fakten, wahren Begebenheiten und lokalen Sehenswürdigkeiten mit fiktivem Geschehen und fesselnder Krimihandlung zu verweben. Der Blick des Lesers wird während der spannenden Spurensuche durch einige Überraschungen und Wendungen in unterschiedliche Richtungen gelenkt, so dass man prima über Täter und Motive miträtseln kann. Selbst nachdem für den Leser etwa ab Mitte des Buches klar ist, wer der eigentliche Bösewicht in dieser Geschichte ist, bleibt die Spannung auf einem hohen Niveau – zum einen, weil der ganze Fall mit dieser Erkenntnis noch lange nicht gelöst ist und zum anderen, weil Volker Streiter das Geschehen mit dramatischen Ereignissen und neuen Fakten bis zum Schluss lebendig und interessant hält.

„Nacht über Föhr“ hat mich durchweg begeistert – ein gut ausbalancierter Mix aus Spannung und Historie, der mit interessanten Charakteren und einer fesselnden Handlung zu überzeugen weiß.
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