Nachtauge von Titus Müller

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2013unter dem Titel „Nachtauge“,, 480 Seiten.ISBN 3896674587.

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Kurzgefasst:

1943. Seit drei Jahren macht der britische Geheimdienst MI5 Jagd auf „Nachtauge“. Hinter diesem Codenamen verbirgt sich eine deutsche Spionin, die Schienen und Brücken zerstört und Verfolger kaltblütig umbringt. Jetzt steht sie vor ihrem größten Coup: der Aufdeckung einer womöglich kriegsentscheidenden großen Operation der britischen Luftwaffe. Diese bereitet die Bombardierung der größten deutschen Stauseeanlagen vor. Erstes Ziel: die Möhnetalsperre. Hier arbeiten über tausend ukrainische Frauen unter entwürdigenden Bedingungen in einer Munitionsfabrik. Im Lager unterstehen sie dem Befehl von Georg Hartmann. Er gerät unter Druck, weil Gerüchte kursieren, dass er nicht hundertprozentig auf Parteilinie sei. Tatsächlich ist er bei den Arbeiterinnen weit weniger gefürchtet als die brutalen Männer vom Werkschutz. Ahnt Hartmann, dass einige Frauen, unter ihnen auch die ihm sympathische Nadjeschka, einen spektakulären Fluchtversuch planen?

Das meint Histo-Couch.de: „Englische Spionin und ukrainische Gefangene – zwei konträre Leben in der selben Zeit“90Treffer

Rezension von Daniela Loisl

London 1943: „Nachtauge“ wird die deutsche Spionin genannt, hinter der Eric Knowlden vom MI5 schon lange her ist. Sie agiert dreist und mit so viel Geschick, dass der Ermittler des Geheimdienstes ihr zwar auf der Spur ist, sie aber nie ergreifen kann. Als jedoch ein für den Krieg entscheidender Gegenschlag an die Deutschen, die Operation „Chastise“ geplant ist, kommt es zu einem Wettlauf um die Zeit. Unter allen Umständen muss „Nachtauge“ davon abgehalten werden, das deutsche Führungskommando über die Operation zu informieren.

Zur selben Zeit in Neheim, Deutschland: Georg Hartmann, eigentlich Lehrer von Beruf, hat sich von seinem Schwager Axel Rottländer die Stelle des Lagerleiters einer Munitionsfabrik vermitteln lassen, um nicht an die Front zu müssen. In der Fabrik kommen gefangene Frauen aus Osteuropa zum Einsatz und Hartmann ist alles andere als geeignet für diesen Job. Sein Schwager, ein eingefleischter Nazi, hält ihn für zu feinfühlig und nachgiebig, was ihn immer öfter in Schwierigkeiten bringt. Als er unter den Neuzugängen die Ukrainerin Nadjeschka kennenlernt, wagt er sich weit vor, um der jungen Frau behilflich zu sein und ihr das Leben im Lager zu erleichtern …

Zwei getrennte Geschichten

Titus Müller erzählt in diesem Buch zwei gänzlich voneinander unabhängige Geschichten und führt gekonnt zwei Erzählstränge, zwischen denen er geschickt wechselt. Einerseits erlebt man hautnah die spannende Jagd des MI5 auf die Spionin „Nachtauge“ mit, die dem Geheimdienst stets einen Schritt voraus ist, und anderseits zeigt der Autor auf sehr einfühlsame Weise, wie grausam das Lagerleben und wie hart die Arbeit in einer Munitionsfabrik damals war und es dennoch zu feinen, zwischenmenschlichen Verbindungen kam. Ob die straffe Erzählung um „Nachtauge“ oder die einfühlsame Geschichte zwischen Georg und Nadjeschka, beide Erzählstränge sind mit derselben Feinfühligkeit gezeichnet. Die Wechsel zwischen den beiden so konträren Begebenheiten sind stets passend gewählt, sodass weder Verwirrung entsteht noch Längen aufkommen. Im Gegenteil, durch das Wechseln zwischen den so unterschiedlichen Szenerien bleibt der Spannungsbogen stets straff und interessant.

Vielschichtige Charaktere

Ob Georg Hartmann, der seinem Beruf als Lehrer nachtrauert und mit seinem Job als Lagerleiter mehr hadert als zurechtkommt, ob sein Schwager Rottländer, für den die Frauen in der Fabrik nur „Untermenschen“ sind, ob Nadjeschka, die von Georgs Verhalten nicht weiß, wie sie das einordnen soll oder auch Knowlden, der in London hinter „Nachtauge“ herjagt, alle Figuren sind akribisch und mit viel Liebe fürs Detail gezeichnet. „Perfekte Menschen“ sucht man in diesem Buch vergeblich, weshalb die Handlungen der einzelnen Personen auch absolut glaubhaft und nachvollziehbar wirken.

Mit Nachtauge hat sich Müller zwar einer wahren Begebenheit angenommen, aber die Geschehnisse rund um das Paar Georg und Nadjeschka wirken deshalb nicht weniger authentisch.

Spannende geschichtliche Einblicke

Wie machte sich der MI5 auf die Fährte eines Spions? Mit welchen Methoden versuchte man diese zur Strecke zu bringen? Wie war das Leben in einem Arbeitslager und wie war dort die Versorgung? Wie nebenbei beantwortet Titus Müller all diese Fragen und verwebt historische belegte Begebenheiten auf sehr gekonnte Weise mit fiktiven Parts. In keinem Fall wirkt etwas übertrieben oder aufgesetzt.

Die beiden so unterschiedlichen Erzählstränge haben keine Berührungspunkte, bis es am Schluss zum Showdown an der Möhnetalsperre kommt, hier streifen sich die beiden Geschichte, wenngleich sie sich nicht verbinden. Diese letzten und dramatischen Szenen veranschaulichen nochmal eine Tragödie, wie sie tausende Menschen im Krieg erleben mussten.

Titus Müller entwickelt sich mit jedem Buch weiter und mit Nachtauge ist ihm nicht nur ein erzählerisch wunderbarer Roman gelungen, sondern er punktet auch noch mit einer ausgereifteren Sprache. Ein Buch, welches die Dramen des Zweiten Weltkriegs in keiner Weise beschönigt, es aber auch nicht nötig hat, mit reißerischen und grausamen Szenen zu punkten. Im Ganzen ein gut abgerundeter Roman, der sowohl Thriller, Spionage, Liebe und Spannung auf harmonische Weise bietet.

Ihre Meinung zu »Titus Müller: Nachtauge«

Sagota zu »Titus Müller: Nachtauge«15.01.2015
"Nachtauge" von Titus Müller ist 2013 im Blessing-Verlag (HC) erschienen; das Cover ist sehr passend zum Romaninhalt gewählt und zeigt die Agentin "Nachtauge", die als fiktive Figur stellvertretend für deutsche Spione in England zu sehen ist, die für das 3. Reich und die Nazis vor und während des 2. Weltkrieges aktiv waren.
Handlung/Inhalt:
Es gibt 2 Erzählstränge, der eine ist in England verortet, die Hauptprotagonisten sind "Nachtauge", die Agentin und Eric Knowlden, der ihr auf den Fersen ist); der zweite an der Möhnetalsperre im Ruhrgebiet (als sehr wichtiges Industrie- und Waffenproduktionsgebiet der Nazis); hier sind Georg Hartmann (Lagerleiter Zwangsarbeiterinnen "Ost") und Nadjeschka (eine ukrainische Zwangsarbeiterin), inspiriert durch eine wahre Begebenheit, die der Autor im "Nachspann" erzählt, die beiden Hauptprotagonisten. Der Roman spielt im Kriegsjahr 1943 und greift die damalige politische Situation für Hitler-Deutschland exemplarisch in Neheim und Dortmund sowie in London auf. Eine kurze Inhaltsangabe befindet sich im Klappentext und auf dem Buchrücken.
Meine Meinung:
Nach wenigen Seiten gelingt es Titus Müller, durch seinen flüssigen und guten Schreibstil, den Leser direkt in die Geschichte hinein zu ziehen - in abwechselnder Folge beobachtet der Leser, wie Eric Knowlden, der seit Jahren versucht, die deutsche Spionin zu fassen, dieser unter Einsatz seines Lebens immer näher kommt. Sehr beeindruckt war ich von der aufgebauten Spannung und dem Detailreichtum der Erzählweise, die die Möglichkeit für mich boten, sich diese Zeit der Schreckensherrschaft sehr gut vorstellen zu können: Die emotionale Gefühllosigkeit, mit der "Nachtauge" vorging, erbarmungslos zahlreiche Menschen ermordete, kam in dem Roman auf brutale Weise und authentisch "rüber"; ebenso im zweiten Erzählstrang, in dem die barbarischen Bedingungen für Zwangsarbeiter aus dem Osten (und vermutlich auch für alle anderen) geschildert werden. Hier berührt die Entwicklung des Romans - der Lagerleiter Georg Hartmann verliebt sich in der Zeit dieser unmöglichen Liebesbeziehung durch die Rassengesetze der Nazis (Blutschande) - und macht betroffen. Man begegnet überzeugten Nazis in der Gestapo (Schwager Axel), brutalsten Lageraufsehern, die ihre sadistischen Neigungen und Störungen auf dem Rücken der Frauen im Lager ausprügeln, aber auch Mitmenschlichkeit und Liebe, wenn Georg für Nadjeschka z.B. ein Kleid kauft oder ihr einen Kuchen backt.
Der Autor hat einen flüssigen und klaren, gut zu lesenden Schreibstil und die Spannung wird im letzten Romandrittel noch gesteigert. Trotz der - auch emotionalen - Sprache wirkt die Handlung sehr authentisch; gut recherchiert und nachvollziehbar.
Fazit:
Mir haben die "scheinbar nebensächlichen Details" die jedoch sehr informativen und erkenntnisreichen Charakter haben, an diesem Roman sehr gut gefallen: Durch den Spannungsaufbau und den Stil las sich das Buch wie ein "pageturner": Ein exemplarisches und gut recherchiertes Stück Zeitgeschichte, die jeder lesen sollte, der sich für Spionage, das 3. Reich und die Geschichte der Deutschen während des 2. Weltkrieges interessiert.
Sehr positiv zum historischen Kontext fand ich das Nachwort und die Bibliographie des Autors. Prädikat: Sehr lesens- und empfehlenswert! Ich vergebe daher 5 Sterne und 94 Punkte auf der Histo-Couch.
histo_freak zu »Titus Müller: Nachtauge«23.12.2014
Großartiges Buch über den zweiten Weltkrieg, Spionage und Liebe. Besonders gut haben mir die differenzierten, gut dargestellten Personen gefallen. Der Gestapo-Typ, der Baracken-Leiter, der Widerstandskämpfer. Alle nicht einseitig dargestellt. Keiner ist nur Böse, oder nur gut. Mir hat sich die Frage gestellt, wie hätte ich reagiert, wenn ich da gelegt hätte? Vermutlich hätte ich mich wie die meisten Deutschen irgendwie arrangiert. Die historischen Fakten sind gut herausgearbeitet, der Autor hat gut recherchiert. Es ist ein historischer Roman, im besten Sinne. Man hat nicht nur einen spannenden Roman gelesen, sondern gleichzeitig noch eine interessante Geschichtsstunde gehabt. Gerade über die Situation der Zwangsarbeiter hört man in der Regel nicht so viel, geschweige denn man liest davon in Romanen. Am Ende ist ein ausführliches Nachwort angestellt. Dort werden die historischen Daten aufgelistet. Zudem hat der Autor die Bücher aufgelistet die er im Zuge seiner Recherche benutzt hat. Vorbildlich. Ich habe bisher nur "Die Brillenmacherin" von Titus Müller gelesen. Auch das ein guter historischer Roman. Doch zwischen den Bänden liegen Welten. Hier hat Titus Müller wahrlich ein Meisterwerk abgeliefert. Lesen!
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