Der Illuminator

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Limes, 2005, Titel: 'The Illuminator', Originalausgabe

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Birgit Stöckel
Bauernrevolte mit fadem Beigeschmack

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Sep 2007

Im Jahr 1380 befindet sich England fest im Würgegriff des Adels und der Kirche. Scheinheiligkeit und Ablasshandel blühen, das Land ächzt unter der heiligen Knute des gierigen und gefürchteten "Kriegsbischofs" Henry Despenser, der seine schleimigen Gottesmänner ausschickt, der Bevölkerung noch das letzte Hemd abzuknöpfen. Damit sollte bald Schluss sein, denn, was niemand weiß: Der Illuminator ist noch für einen weitaus wichtigeren Auftraggeber tätig. Der Aufklärer und Kirchenkritiker John Wycliffe, eine Art englischer Vorfahr Luthers, arbeitet an einer eigenen englischen Volksbibel. An so viel Aufklärung kann die Kirche kein Interesse haben. Und richtig, bald rollen die ersten Köpfe!

Lady Kathryn von Blackingham Manor hat es nicht leicht. Seit ihr Mann verstorben ist, kämpft sie darum, ihr Lehen für ihre Söhne Alfred und Colin zu erhalten, bis diese volljährig sind. Doch das ist gar nicht so einfach, denn die Geldmittel sind knapp. Daher stimmt sie, wenn auch etwas widerwillig, einem Angebot des Abtes des nahe gelegenen Klosters Broomholm zu. Sie soll auf Kosten der Abtei den Illuminator Finn und dessen Tochter Rose bei sich beherbergen, so lange Finn für das Kloster arbeitet. Aus der anfänglich kühlen, aber höflichen Gastfreundschaft wird bald mehr, und Kathryn verliebt sich in Finn. Doch das Glück ihrer Liebe dauert nicht lange, denn Finn wird verdächtigt, einen Priester ermordet zu haben. Doch das ist nicht alles: Die Bauern stöhnen unter der Last der Abgaben, und überall flackert offener Widerstand auf, bis es zur Bauernrevolte 1381 kommt und die Ereignisse sich zuspitzen...

Keine "starke" Frauengestalt

Auch wenn Brenda Vantrease eine Frau als Protagonistin hat, hebt sich das Buch doch von vielen anderen solcher Büchern hab. Denn Kathryn hat keine besonderen Fähigkeiten, die ihr helfen, ihren Weg gegen alle Widerstände zu gehen und ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Sie führt zwar einen verzweifelten Kampf um ihr Lehen, das Erbe ihrer Söhne, aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten, die allerdings recht beschränkt sind. Die Autorin verzichet konsequent darauf, ihrer Hauptfigur durch unwahrscheinliche Zufälle, hohe Gönner oder durch einen starken, strahlenden Ritter aus der Misere zu helfen. Stattdessen ist Kathryn immer wieder gezwungen, nachzugeben, zurückzustecken oder Kompromisse zu machen. Sie wirkt oft wie ein hilfloser Spielball, denn neben den ganzen Widrigkeiten hat sie auch Angst, durch eine unbedachte Äußerung oder Tat ihr Lehen und damit das Erbe ihrer Söhne zu verspielen. Daher versucht sie, es immer allen recht zu machen und gerät dadurch oft in eine noch schwächere Position, als sie sich ohnehin schon befindet.
Dadurch wirkt das Buch insgesamt recht düster und melancholisch. Kathryn sind nur wenige glückliche Momente vergönnt, denen rasch der nächste Tiefschlag folgt. Außerdem gibt es nur wenige überraschende Wendungen, das macht das ganze Buch etwas vorhersehbar. Denn auch wenn man als Leser manchmal Kathryn am liebsten schütteln und anschreien möchte, sie solle doch endlich etwas machen, sich endlich einmal wehren, so weiß man doch, das es aussichtslos ist. Kathryn kann nicht aus ihrer Haut, und so entwickeln sich die Dinge zwangsläufig so, wie man es bereits geahnt hat. Viele ihrer Entscheidungen machen sie dem Leser auch nicht immer sympathisch, denn sie begeht durchaus Fehler. Trotzdem ist ihr Handeln nachvollziehbar, denn sie liebt ihre Söhne über alles. Die meisten Fehlentscheidungen trifft sie, um ihre beiden Söhne zu schützen - vor anderen, aber auch, vermeintlich, vor sich selbst.

Unsichere politische Verhältnisse

Auch die damaligen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse werden von Brenda Vantrease gut eingearbeitet: John Wycliffe übersetzt die Bibel ins Englische, John Ball verbreitet dessen Lehren, die Kirche kämpft gegen diese Ketzer an, die Abgaben werden immer höher und die Bauern erheben sich schließlich zu einem Aufstand.
Finn, der Illuminator, arbeitet nicht nur für die Kirche, sondern illustriert auch Wycliffes Ausgabe der Bibel, was ihn persönlich in größte Gefahr bringt. Nachdem er fälschlicherweise für den Mord eines Priesters verantwortlich gemacht wird, gerät er in Gefangenschaft des Bischofs von Norwich, der ihn zwingt, einen Altaraufsatz für ihn zu erschaffen. Trotzdem findet Finn einen Weg, weiterhin seiner Arbeit für Wycliffe nachzugehen. Die Liebesgeschichte zwischen Kathryn und Finn beginnt zwar etwas kitschig, doch der Verlauf ist dann wieder der Realität angepasst. Denn nicht nur die Verdächtigungen gegen den Illuminator, sondern auch ein anderes Geheimnis, das Finn mit sich trägt, treiben einen Keil zwischen die beiden.

Übertriebener Schluss

Das Ende des Romans trübt allerdings den bisher hervorragenden Eindruck doch deutlich. War bisher alles nachvollziehbar, übertreibt es die Autorin plötzlich mit den Unglücken, die noch über Kathryn hereinbrechen, und gleitet schließlich ins absolut Unglaubwürdige ab. Das ist sehr schade, denn bisher hat sie zwar die Realitäten sehr hart, aber eben nachvollziehbar geschildert. Warum das jetzt plötzlich anders ist, ist nicht nachzuvollziehen. Das Buch hat dieses Ende auf jeden Fall nicht verdient. Selbst wenn bereits Erwägungen einer Fortsetzung eine Rolle gespielt haben, so hätte man das definitiv anders lösen können.

Insgesamt ein Roman, der zwar wenig überraschende Wendungen aufweisen kann, dafür aber eine realistische und nachvollziehbare Geschichte interessant erzählt. Neben Kathryn und Finn gibt es noch viele weitere fiktive und reale Personen, die den Roman bereichern und das Ganze abrunden. Nur der absolut enttäuschende Schluss hinterlässt einen faden Beigeschmack. Bleibt zu hoffen, dass die Autorin im Nachfolgeband ihr hohes Niveau bis zum Schluss hält.

 

Der Illuminator

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Letzte Kommentare:
02.12.2013 14:02:46
isabelle

Grundsätzlich bevorzuge ich es, wenn historische Romane ordentlich recherchiert und einigermaßen historisch korrekt sind. Daher finde ich das Buch nicht ganz schlecht.
Leider ist es der Autorin aber nicht gelungen, die Geschichte lebendig werden zu lassen. Das Buch zieht sich bisweilen ganz gewaltig in die Länge. Auch der Kampf der Protagonistin vermag nicht zu überzeugen; diese Art der Geschichte verlangt einen klaren Spannungsbogen, um die Aufmerksamkeit der LeserInnen zu fesseln. Hier fehlt die innere "Spannung" in der Geschichte, weshalb der Kampf eher frustriert als interessiert.

Andererseits jammere ich hier auf einem (hohen) Niveau, von dem andere Romane nur träumen können - also Empfehlung mit Vorbehalt.

30.05.2010 15:04:27
Susannah

England, Ende des 14. Jahrhunderts. Die Bauern Englands ächzen unter vielen Lasten: unter Sonderabgaben für Kriege, unter der Kopfsteuer, die der Herzog von Lancaster einführt. Mitten in diese unruhige Zeit setzt John Wycliff die erste englische Übersetzung der Bibel - und gilt als Ketzer. Doch Finn, der Illuminator, illustriert die Übersetzung Wycliffs. Getarnt durch eine Arbeit für eine nahegelegene Abtei kommen er und seine Tochter bei einer verwitweten Adligen unter. Kathryn und Finn verbindet vieles, doch ihre Liebe steht unter düsteren Sternen ...

Schöne Geschichte! Wunderschön in den historischen Kontext eingebunden, intressant und mit liebevollen Charakteren. Zwar hält die AUtorin die Spannung nicht über die gesamten knapp 600 Seiten, doch mehr Grund zum Jammern gibt es nicht! Die historischen Persönlichkeiten und die Romanfigurene rgänzen einander perfekt und erzeugen ein in sich stimmiges Bild! Ein wirklich gutes Buch!

31.12.2009 07:18:01
Klaus Kröger

Ich kann mich der Kritik von Goldbeere1970 nur anschließen. Auch ich habe mich durch die Längen des Buches gequält. Ich mag es nicht, wenn die Hauptfiguren immer nur versagen und ständig nur eine düstere Stimmung verbreitet wird. Schade, die Idee für die Story war gut, aber die Umsetzung misslan völlig.

14.09.2009 21:36:43
invesus

Absolut bewegender histo-Roman. Die Geschichte hat mich so gefesselt, dass ich das Buch innerhalb kürzester Zeit durch gelesen habe. Die Charaktere sind alle eigenständig und die Geschichte fand ich glaubwürdig - so hätte es sich zutragen können... Schnulzig für die Einen - romantisch für die Anderen. Für mich: absolut empfehlenswert!

24.06.2009 11:07:31
Eishockeycrack

Ich fand das Buch durchaus lesbar obwohl mir persönlich die Liebespassagen etwas zu schnulzig und in die Länge gezogen waren. Ich zähle mich zwar nicht zur Zielgruppe des Buches fand es aber trotzdem fesselnd. Ich würde das Buch jedem weiterempfehlen der sich etwas für die Probleme und das Leben im 14. Jhd interresiert.

12.03.2009 15:09:10
Goldbeere1970

Also ich lese oder besser quäle mich derzeit noch durch das Buch - ist aber bald geschafft. Mir persönlich nerven die Längen. BV hat zwar einen gut lesbaren Stil aber dieses romantische Liebesgedöns ist mir wirklich zu viel.
Historisch betrachtet ist der Roman mit Sicherheit als gut einzustufen und gibt einen guten Einblick in die Zeit.
Haben die Schriftenhändlerin schon liegen und bin mal gespannt wie das wird.

25.02.2008 18:51:51
MyLady

Es ist schon eine Zeit her das ich dieses Buch gelesen habe aber es ist mir immer noch sehr gut in Erinnerung. Was etwas heißen mag bei sovielen Histo-Romanen die ich lese. Die Handlung um Lady Kathryn und Finn ist sehr stimmig aufgebaut und fesselnd. Ich konnte das Buch bis zu letzten Seite nicht aus der Hand legen. Eine absolut gute Liebesgeschichte mit immer wieder unerwarteten Wendungen. Sehr zu empfehlen für jeden Freund der Historischen Romane!

25.02.2008 16:08:46
Henriette

Das Buch hat mir recht gut gefallen. Der Schreibstil war gut zu lesen. Selbst bei Namen und Bezwichnungen hatte ich keine Schwierigkeiten, obwohl mir das sonst bei historischen Bücher immer etwas schwer fällt. Die Geschichte an sich war sehr gut zu verfolgen. Es wurde sich hauptsächlich auf die Protagonisten Lady Kathryn und den Illuminator Finn konzentriert, die sehr gut dargestellt waren. Alles in allem zu empfehlen.

14.02.2008 18:28:55
olympia

Einmal ein historische Roman der die Bezeichnung "historisch" auch wirklich verdient.

Die Autorin versteht es ausgezeichnet die Handlung der verwitweten Lady Kathryn und ihr verzweifelter Versuch das Gut zu halten und ihre Söhne zu versorgen, mit der Handlung von Wycliffs Bemühungen das Übersetzen der Bibel ins Englische geheim zu halten, zu verweben. Die Handlungsstränge sind gut durchdacht, fesselnd und ohne rührselige Wendungen. Die damalige Zeit war brutal und die Autorin zeichnet dies auf eine sehr realistisch und nachvollziehbare Art wieder. Finn, der Illuminator, kreuzt Kathryns Weg und die beiden finden zu einander. Wer aber nun eine romantische Liebesgeschichte erwartet, wird enttäuscht werden. Einfühlsam und mit Fingerspitzengefühl nimmt einem die Geschichte und das Schicksal der Hauptdarsteller mit.

Oft wünscht man, eingreifen zu können, so greifbar nahe scheinen die Ereignisse. Faszinierend und wunderbar erzählt - mit absolut unerwartendem Schluss..........