Oberammergau
- Piper
- Erschienen: Februar 2026
- 0


Die Pest, ein Gelübde und die Dorfgemeinschaft auf dem Prüfstand.
Mit strengen Wachen an strategisch wichtigen Stellen unweit ihres Dorfes versuchten die Oberammergauer im Jahr 1633, die Pest fernzuhalten. Dass nun ausgerechnet ein Heimkehrer an den Wachen vorbei die Seuche in die Siedlung trägt, damit haben die Bewohner nicht gerechnet. 84 Einwohner sterben.
Um jeden Preis
Die Dorfgemeinschaft gelobte daraufhin, alle zehn Jahre ein Passionsspiel aufzuführen, wenn die Pest sie von nun an verschone. Tatsächlich gab es nach dem Schwur keine Erkrankungen mehr. Mit der Umsetzung der Inszenierung wird der junge und unerfahrene Pfarrer Johannes Gabler beauftragt. Die Vergabe der unterschiedlichen Rollen wird aufgrund der Eigenheiten der Oberammergauer zu einer schier endlosen Nervenprobe. Bis Pfingsten muss es gelingen, das Bauern- und Hirtenvolk in Römer und Juden zu verwandeln und sie textsicher zu machen. Allein die Querelen, wer welche Rolle zugesprochen bekommt, sind eine Herausforderung, der der junge Pfarrer fast nicht gewachsen ist. Er kämpft nicht nur mit seinen Darstellern, sondern auch mit seinen Gegnern.
Allen voran mit Agnes Lang, der selbsternannten Ortsvorsteherin. Ihr Mann Adam ist wenige Tage nach dem Gelübde zusammengebrochen und liegt seither in einer Art Koma in seiner Schlafkammer. Also hat Agnes die Leitung des Sechserrats an seiner Stelle übernommen. Im Grunde ist es unerhört, was sich da eine Frau anmasst, aber wer sonst übernimmt die Führung? Agnes hat ihre beiden Kinder an die Pest verloren und dabei ihren Glauben verloren. Deshalb ist sie eine vehemente Gegnerin des Passionsspiels, genauso wie der Abt von Ettal. Doch Pfarrer Gabler gibt nicht auf und setzt alles daran, die Spiele an Pfingsten 1634 aufführen zu können.
«Als es am Seminar hiess, Johannes, wir senden dich nach Oberammergau, da war ich selig. Hier in den Bergen, wo der Abstand zum Himmel geringer ist, hatte ein Finger des Schöpfers die Erde berührt; hier hatte es ihm beliebt, mit den Menschen einen Bund einzugehen: Wenn ihr mir die Passion spielt, will ich die Pest von euch nehmen. Ich habe, mea culpa, vorhin das Bild der himmlischen Jungfrau bemühen wollen, aber, mit Verlaub, genau so ist die Passion über mich gekommen: Sie ist meine Probe, meine Pflicht, meine Berufung, und ich werde dieser Berufung folgen.»
Der Glaube und die menschlichen Schwächen
Diese Geschichte fesselt von Anfang an. Robert Löhr hat die Stimmung im Dorf, die Zwistigkeiten, den Neid und auch die Machtansprüche trefflich eingefangen. Das Getratsche, das Rumoren und das Summen in der Gerüchteküche sind faszinierend. Der Roman liest sich beinahe wie ein Krimi. Es gibt Mord und Totschlag, Intrigen und Verrat. Aber nicht nur das. Löhr erzählt von den Folgen des Dreissigjährigen Kriegs. Von den marodierenden Soldaten und der grossen Not der Menschen.
Dazu kommt die stets präsente Furcht vor der Pest. All dies belastet die Menschen und veranlasst sie zu ungewohntem Handeln. Diese eigenartige Atmosphäre zieht sich durch den ganzen Roman und macht ihn zu etwas ganz Besonderem. Es sind aber nicht nur die schweren Schicksale und das harte Los der Menschen, die Löhr so anschaulich beschreibt. Es ist auch dieser humorvolle Umgang mit kirchlichen Anliegen und die Komik in den Rollenkonflikten, die sich immer wieder in den Zeilen finden und für Vergnügen sorgen.
«Du wärst nicht der erste Pfaffe, den Wendel auf dem Gewissen hat. Aber immerhin der erste katholische, soweit ich weiss.»
Fazit
Der Roman «Oberammergau» von Robert Löhr basiert auf wenigen historischen Fakten. Auf dieser spärlichen Grundlage hat der Autor ein amüsantes und detailreiches Werk mit bildhaften Beschreibungen geschaffen. Aber eben nicht nur das. Seine Figuren agieren glaubhaft und halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Dabei setzt er sowohl auf Spannung als auch auf Unterhaltung und Witz. Ein toller historischer Roman mit krimineller Energie und grandiosen Charakteren!

Robert Löhr, Piper

Deine Meinung zu »Oberammergau«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!