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Julian Hienstorfer
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Histo-Couch Rezension vonJan 2026

Das Leben der Dichterin Mascha Kaléko zwischen Wundern, Melancholie und Verzweiflung in federleichter Prosa.

Lyrik zwischen Büro und Bohème, dafür steht Mascha Kaléko, die ihre sehnsuchtsvoll-melancholischen Gedichte meist mit einer Prise Ironie würzte, für viele. Sie vereinte damit eigentlich Unvereinbares. Bezeichnenderweise trug auch ihr erster, im Jahr 1933 verlegter Gedichtband den Titel Lyrisches Stenogrammheft. Volker Weidermann zeichnet in „Wenn ich eine Wolke wäre“ ihren Lebensweg, ihre Träume und Enttäuschungen mithilfe von umfangreichem Quellenmaterial lebhaft und lesenswert nach.

Erster Erfolg, die große Liebe und eine Flucht

Im Romanischen Café, geht der Stern der jungen Mascha Kaléko Ende der 1920er-Jahre auf. Sie verkehrt in den Kreisen der künstlerischen Avantgarde, lernt Else Lasker-Schüler, Joachim Ringelnatz und Erich Kästner kennen, wird in ihrem Auftreten und Dichten bestätigt, erhält viel Zuspruch und feiert erste Erfolge. Doch dann verdunkelt sich der Himmel, die Nationalsozialisten kommen an die Macht und treiben Mascha Kaléko, die jüdische Wurzeln hat, samt ihrem Ehemann Chemjo Vinajer und dem neugeborenen gemeinsamen Kind ins Exil in die USA.

Eine fremde Stadt, eine fremde Sprache, ein weltfremder Ehemann, der religiöse Tempelmusik komponiert und ein kleines Kind – Der Glaube an Wunder und ein gewisser Lebenspragmatismus gehen bei Mascha glücklicherweise Hand in Hand. So organisiert sie Arbeit für Chemjo und kümmert sich um den Lebensunterhalt der kleinen Familie. Aber auch der Trost anderer Exilierter wie Albert Einstein, der von ihren Gedichten sehr angetan ist, kann über ihre wachsende Verzweiflung nicht hinwegtäuschen. Mascha Kaléko wird in Amerika nicht heimisch. Und mit der Heimat kommt ihr ganz nebenbei auch das Publikum ihrer Gedichte abhanden. Sie hat Heimweh nach dem Glück vergangener Tage und „Eswareinmal“, wie sie eines ihrer Gedichte aus dieser Zeit betitelt.

 „Ferien in der Vergangenheit“

So kehrt Mascha 17 Jahre nach ihrer Emigration zunächst allein zurück nach Berlin, der Stadt ihrer Sehnsucht. Dort war ihre Heimat, der vielversprechende Beginn einer großen Karriere. Dort will sie an ihrem Glücks- und Lebens-Faden anknüpfen, wo er jäh abgeschnitten wurde. Aber wird auch im Nachkriegsdeutschland noch Platz für sie sein?

Das Berlin, das sie kennt, gibt es jedenfalls nur noch teilweise: Ruinen dominieren auch Jahre nach Ende des Krieges das Stadtbild.  Und da ist diese seltsame Gleichzeitigkeit: die schöne Erinnerung und die Mahnmale der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten; der Wirtschaftsboom, Gastarbeiter und Kriegsrückkehrer. Von einer Aufarbeitung der NS-Zeit ist man im Nachkriegsdeutschland weit entfernt. Alle wollen Voraus schauen, niemand zurück. Diese Erfahrung verarbeitet Mascha Kaléko in Gedichten mit beißendem Zynismus.

Nichtsdestotrotz treibt sie die Wiederentdeckung ihrer Person und ihrer Gedichte voran, glaubt an die Möglichkeit einer dauerhaften Rückkehr – und wird vom Publikum gefeiert, von den Kulturgrößen, den Journalisten und Verlegern hofiert. Sie badet in dieser langersehnten, im Ausland vermissten Bewunderung, auch wenn sich immer wieder die Vergangenheit als Schatten über diese Herzlichkeit legt. Denn Mascha Kaléko begegnet auch Bewunderern, die sich dem Regime angedient haben, nun aber unbehelligt weiterleben können, als wäre nie etwas gewesen: Gottfried Benn und Martin Heidegger, Kollegen wie Journalisten.  

Auch Mascha würde gerne vergessen können. Nur zu gerne glaubt sie den Unschuldsbeteuerungen ihrer Bekannten und sieht großzügig über deren Verstrickungen in den Nationalsozialismus hinweg, um nur die Sehnsucht nach dem Ankommen, dem Dazugehören stillen und in Berlin wieder Wurzeln schlagen zu können. Sie beschwört in diesen Monaten in Briefen an ihren Ehemann das „Wunderberlin“ ihrer Gedichte, die Möglichkeit des Nachhausekommens, bleibt aber schlussendlich doch nur zu Besuch in ihrer ehemaligen Heimat, die ihren Verlust und ihren Leidensweg nicht validiert.

So taumelt Mascha Kaléko zwischen träumerischer Euphorie und verzweifelter Resignation, Partys, Delikatessen und heruntergekommenen Wohnungen. Für einen zauberhaften Frühling, ja bis in den Sommer hinein, kann sie ihren künstlerischen Zenit noch einmal heraufbeschwören, auf Händen getragen werden. Doch dann kommt der Herbst.

Fazit

Volker Weidermann gelingt mit „Wenn ich eine Wolke wäre“ ein einfühlsames Zeitporträt und das grandiose Denkmal einer besonderen Dichterin, die uns den Glauben an Wunder geschenkt hat und deren weiteres Leben nach dem Aufgang ihres Sterns in den Jahren der Weimarer Republik bislang viel zu unbeleuchtet blieb.

Wenn ich eine Wolke wäre

Volker Weidermann, Kiepenheuer & Witsch

Wenn ich eine Wolke wäre

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