Der Tote an der Alster
- Emons
- Erschienen: Oktober 2025
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Hauke Sötjes persönlichster Fall.
Hamburg, 1907. Kommissar Hauke Sötje möchte mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern einen schönen Sonntag verbringen, da erreicht ihn die Nachricht, dass im Hotel „Vier Jahreszeiten“ ein Toter aufgefunden wurde. Sötje sieht seinen Sonntag schwinden und eilt ins Hotel, wo ein erstochener Mann liegt. Doch Sötje vermutet in dem Opfer einen Spion aus alter Zeit und er sieht die Geister aus seiner Vergangenheit wieder hervortreten. Die Polizei geht indes von einem Raubmord aus und ermittelt in eine andere Richtung als Sötje.
Sötje verwickelt sich immer in die Ermittlungen, die Geister aus seiner Vergangenheit als Kapitän heraufbeschwören. Als er vom Dienst beurlaubt wird, ermittelt der natürlich weiter und bringt dadurch nicht nur sich, sondern auch seine Familie in Gefahr. Er beginnt bereits an seinem Verstand zu zweifeln und die seltsamen Vorfälle um ihn herum häufen sich, als sich tatsächlich Menschen aus seiner Vergangenheit zu erkennen geben. Und immer noch steht nicht fest, wer genau der Tote aus dem Hotelzimmer ist…
Die Beförderung steht vor der Tür
Hauke Sötjes bereits sechster Fall aus der Feder von Anja Marschall ist zugleich auch sein persönlichster. Drei Jahre hat es gedauert, bis die Autorin ihren Kommissar wieder in Ermittlungen schickt, nach „Der Henker von Hamburg“ ist einiges an Zeit vergangen. Sötje hat inzwischen zwei kleine Töchter und ist ein erfolgreicher Kommissar, der aufgrund seiner etwas ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden erfolgreicher als seine Kollegen ist und dafür auch oben auf er Liste für Beförderungen steht. Sein Vorgesetzter Roscher wäre noch begeisterter, wenn Hauke sich auch entsprechend kleiden würde und nicht nur in seinen Schmuddelklamotten in den Büroräumen und zu den Ermittlungen auftauchen würde.
Nach dem Fund einer entstellten Leiche in einem Zimmer des Hotels „Vier Jahreszeiten“ ist nicht nur die Frage, wer die Leiche so zugerichtet hat, sondern auch wer genau der Tote ist. Zwar wird er als Fabrikant Oppenheimer geführt, Sötje erkennt in ihm aber den Grafen von Lahn, einen Spion aus seinem früheren Leben, und diese Begegnung löst in ihm viele unangenehme Erinnerungen und Gefühle aus. Es geht dabei um seine Vergangenheit als Kapitän und darum, dass er einige Zeit in einer Heilanstalt verbracht hat, wovon viele seiner Kollegen nichts wissen - und auch besser nichts wissen sollen. Je länger die Ermittlungen andauern, desto näher kommen die Geister aus der Vergangenheit, und das nicht nur psychisch, sondern auch physisch.
Unerträglich spannend
Die Autorin schafft es, einen spannenden Kriminalfall zu entwickeln, bei dem man langsam verfolgen kann, wie es um Hauke Sötje immer enger wird. Die Ermittlungen laufen nicht wie gedacht, er wird von dem Fall abgezogen und der Kollege Kleiner, der den Fall betraut, würde gerne auch befördert werden und lässt dies Hauke auch spüren. Dass Sötjes Intuition und Erfahrung mehr wert ist als der Ehrgeiz Kleiners, versteht sich von selbst, zumal Sötje auch die Unterstützung seines Kollegen Heinsohn hat, der für ihn diverse Botengänge und Recherchen erledigt. Was in den vorherigen Büchern Assistent Schröder war, wird hier von Heinsohn erledigt, ein würdiger Nachfolger und von der Autorin passend eingesetzt.
Der Fall ist fesselnd konstruiert und von der Autorin in eine spannende Zeit gesetzt. Fingerabdrücke sind erst seit kurzem als Beweismittel zugelassen, wir befinden uns im Hamburg des Jahres 1907. Technisch ist man noch lange nicht so weit wie heutzutage, doch immerhin gibt es ein Telefon auf jedem Flur im Kommissariat. Droschken fahren durch Hamburg, und das frisch eingeweihte Bismarckdenkmal ist ein beliebtes neues Ausflugsziel. Dieser Rahmen ist für Sötjes Ermittlungen die Basis. Wo er mit seiner jungen kleinen Familie lebt und seine berufliche Erfolgsgeschichte schreibt.
Ein in mehrfacher Hinsicht ausgefeilter Krimi
Geschickt verwebt die Autorin das Leben in Hamburg mit dem Mordfall und Sötjes Vergangenheit. Dieser Fall ist sehr persönlich, was wird auch Sötje immer klarer, so klar, dass er selbst an seinem Verstand zweifelt. Das alles ist sehr intensiv und spannend erzählt, so dass man das Buch wirklich nicht aus der Hand legen mag, ehe nicht alle Probleme gelöst und die Täter dingfest sind. Doch so einfach macht es einem die Autorin nicht; es bedarf noch einiger Opfer, ehe das Buch auf die Schlussgerade einbiegt.
Leider werden nicht alle losen Enden zusammengefügt, die Autorin kündigt einen weiteren Band an, in dem sich alles aufklären wird. Die Leser mit einem Cliffhanger zurückzulassen, der sich gewaschen hat, ist schon ein starkes Stück, man fiebert so bereits der Fortsetzung entgegen.
So bleibt ein bis zum letzten Buchstaben spannender historischer Kriminalroman, der dem Ermittler und auch dem Leser einiges abfordert. Von Beginn an legt der Roman ein forsches Tempo vor, füttert die Ermittler nur allmählich mit Informationen und legt falsche Fährten, findet zwielichtige Gestalten, beschreibt passende Stimmungen und wenn man denkt, eine wertvolle Information erhalten zu haben, tun sich noch mehr neue Fragen auf. Die rund 270 Seiten aus dem Emons Verlag lesen sich flott und werden durch einige Zeitungsausschnitte aus damaligen Nachrichten, einige historische Fakten und ein entschuldigendes Nachwort ergänzt. Hoffentlich dauert es bis zum erlösenden Band nicht allzu lange.
Fazit
„Der Tote an der Alster“ wird im Hotel „Vier Jahreszeiten“ gefunden und bildet Hauke Sötjes sechsten und persönlichsten Fall, bei dem er gegen aktuelle Halunken und Geister aus der Vergangenheit ankämpfen muss, die im Hier und Jetzt auftauchen und ihn nach und nach in den Wahnsinn zu treiben versuchen. Die Autorin hat einen äußerst spannenden Fall gestrickt, der historisch akkurat und kriminalistisch sehr ausgefeilt ist. Ein Muss für Freunde von hanseatischen Krimis.

Anja Marschall, Emons

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