Herz in der Faust
- dtv
- Erschienen: September 2025
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Ein hartes Buch, das erbarmungslos die Konsequenzen von Gewalterfahrungen durchdekliniert.
Die 1930er-Jahre am westlichen Ende Europas. Abgesondert vom Festland, auf der französischen Insel Belle-Île-en-Mer im Atlantik befindet sich eine Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche, die eher einer Strafkolonie gleicht.
Eine Pädagogik der Gewalt
Schutzlos sind die Jugendlichen der Brutalität, dem Sadismus und Zynismus der „Erzieher“ ausgeliefert, die eher Wärtern gleichen. Den Jugendlichen wird ihre vermeintliche Verdorbenheit immer und immer wieder eingeimpft, bis sie selbst daran glauben. Die Gründe für ihre Internierungen sind dabei oftmals nichtig: der Diebstahl von Lebensmitteln, um dem Hunger zu entkommen; Landstreicherei, manchmal genügt es, Waise zu sein. Sorj Chalandon zeigt die Straftaten der Internierten als Resultat der Umstände, erzählt von Ungerechtigkeiten und Willkür, der Perspektivlosigkeit der Kinder, die in der Anstalt landen.
In dieser Welt gibt es keinen Platz für Schwäche, der Hass wird zum Schutzschild, die Fantasie – mal in Form von gewalttätigen Rachegelüsten, mal in sehr poetischen Parallelwelten – zur Zuflucht. Die Gewaltstrukturen setzen sich dabei auch unter den Jugendlichen durch: es gilt das Recht des Stärkeren. Die Kapos regieren brutal, Denunzianten werden zum Schweigen gebracht, Übergriffe und Missbrauch durch das Aufsichtspersonal und Mitinhaftierte sind an der Tagesordnung. Manche explizit geschilderten Szenen sind schwer zu ertragen. Umso mehr, da der Autor sich an historischen Begebenheiten orientiert: der Korrektionsanstalt Haute-Boulogne, deren Betrieb trotz wachsendem medialem Druck erst nach dem 2. Weltkrieg eingestellt wurde.
Von Freiheit und Rachegelüsten
Einer der Inhaftierten ist Jules Bonneau, genannt „Kröte“, der schon als Kind von seiner Familie verlassen wurde. Er ist der Marineabteilung der Anstalt zugewiesen, soll lernen, Seemann zu werden. Statt einer Ausbildung gerät er in ein perfides System, das anstelle von psychologischer Hilfe auf Bestrafung setzt. Den alten Traumata werden neue hinzugefügt und dennoch ist da diese Sehnsucht, nach einer heilen Existenz, einer Möglichkeit, dieser brutalen Welt zu entkommen.
Dies gelingt dem Protagonisten schließlich im Zuge einer Revolte der Inhaftierten gegen das Anstaltspersonal, die in einer Massenflucht mündet. Die anschließende Hetzjagd, an der sich die Bevölkerung der Insel und sogar Touristen nur allzu gern beteiligen, um das Preisgeld für die Ergreifung der geflohenen Insassen einzustreichen, ist schnell von Erfolg gekrönt. 55 von 56 Insassen werden innerhalb weniger Tage wieder gefasst. Jules Bonneau nicht.
Er kommt bei einem Fischer unter, der ihn versteckt, in seine Mannschaft aufnimmt. Erstmals erfährt er Zuneigung, wird in die harte Arbeit an Bord eingebunden, erfährt Gemeinschaft und beginnt, Vertrauen zu schöpfen.
Der Hintergrund dieses zweiten Teils des Buches gerät leider etwas schablonenartig. Die Hauptfiguren werden zu Symbolen für die ideologischen Richtungen der Kommunisten, Anarchisten und Faschisten, deren Konflikte in diesen Jahren nicht nur in Deutschland, Italien und Spanien, sondern eben auch in Frankreich entbrennen. Und trotzdem fiebert man mit Jules Bonneau mit, der zwischen die Fronten gerät. Kann er seine Schutz-Impulse kontrollieren? Oder holt ihn seine Vergangenheit ein und alte Verhaltensmuster kommen erneut zum Vorschein?
Fazit
Es gelingt dem Autor erschreckend gut, die Lesenden die Einsamkeit und ohnmächtige Wut Jules Bonneaus mitempfinden zu lassen. Trotz der Gewaltexzesse, zu denen der Protagonist fähig ist, wird er dadurch zutiefst menschlich. Tempo, Sprache und Handlung des psychologischen Romans „Herz in der Faust“ entwickeln dabei einen unglaublichen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Sorj Chalandon, dtv

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