Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel

  • Rowohlt
  • Erschienen: August 2025
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Julian Hienstorfer
741001

Histo-Couch Rezension vonDez 2025

Eingeklemmt zwischen zwei Buchdeckeln, auf gerade einmal 140 Seiten entfaltet sich eindrücklich die Geschichte einer Familie.

Wie war Mama eigentlich früher? Warum ist sie so geworden, wie sie heute ist? Und woher kommt eigentlich unsere Familie? Diese Fragen stellen sich die drei namenlosen Töchter in Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel und machen sich auf eine gedankliche Entdeckungsreise in die Vergangenheit.

Mäuschen spielen in der Familiengeschichte.

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel erkundet sorgfältig und sanft die Wurzeln der Mutter, deren Jugend in der Sowjetunion, in der sie mit ihrer Mutter – einer dauergestressten Ingenieurin, die viel erzählt, aber schlecht zuhört, die von der Zukunft träumt und versucht, den Teesatz zu lesen – aufgewachsen ist. Die Töchter erfahren von der Nachbarstochter der Mutter, die aus reiner Langeweile zur Freundin wird, von Streifzügen durch die Stadt, politischem Aktivismus und vom Großvater, der nicht mehr da ist. Sie erfahren von der Entscheidung der Mutter für die Freiheit und all das, was sie dafür aufgeben muss, und lernen sie dadurch mit anderen Augen zu sehen. Denn auch die Dinge, von denen sie nie erzählt hat, die Leerstellen ihrer Lebensgeschichte, die auch unausgesprochen ihre Kinder prägen, kommen ans Tageslicht.

Die Chronisten der Zeit, über die den Nachfahren bisher niemand erzählt hatte, sind die Mäuse aus der ehemaligen Wohnung der Mutter. Deren verschrobene Rekonstruktion des Gewesenen liest sich wie eine etwas wirre Bestandsaufnahme: Da ist die Aufbruchsstimmung in der Sowjetunion der 80er Jahre. Die Perestroika und die antijüdische Bewegung Pamjat. Da sind die jüdischen Wurzeln der Familie, da ist die Angst vor antijüdischen Pogromen, die Willkür der Staatspartei und eine Flucht.

Innovative Form

Schnell bemerken die Töchter: wie es gewesen ist, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Im Versuch, all die Ereignisse der Vergangenheit zu ordnen und zu strukturieren, scheitern die Mäuse. Es ist an den Töchtern – und den Lesenden – sich aus den Eckdaten des Geschehenen ein plausibles Gesamtbild zusammenzureimen. Und so werden die Lücken der Erzählungen der Familie über sich selbst mit feingliedrigen Spinnenweben aus Fantasie und Vorstellung gefüllt.

Die nicht ganz einfach zu lesende Herkunftserzählung mäandert immer wieder vom eigentlichen Inhalt weg und reflektiert stattdessen über den Prozess des Erzählens und über die Weitergabe der Erinnerung – oder eben deren Verschweigen. Die teilweise humorvollen Abschweifungen und Assoziationen konterkarieren die allgegenwärtige Tragik und zelebrieren die Vorstellungskraft. Bildungsbürgerliche Wort- und Sprachspiele ergänzen diesen intellektuellen Fiebertraum.

Fazit

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel ist eine verschrobene Spurensuche der Imagination. Und wenn man sich auf den Stil einlassen kann, auch ein Lesevergnügen.

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel

Yulia Marfutova, Rowohlt

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel

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