Stonehenge - Die Kathedrale der Zeit

  • Lübbe
  • Erschienen: September 2025
  • 7
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Carsten Jaehner
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Histo-Couch Rezension vonDez 2025

Das Potenzial der Geschichte wurde nicht genutzt.

In der Großen Ebene im heutigen Südengland vor etwas viereinhalbtausend Jahren. Dort leben drei Völker, die jedes Jahr das Mittsommerfest miteinander feiern und alle Vierteljahre ebenso die Sonnenwendenfeste. Man trifft sich und tauscht Waren aus, die man selber nicht hat, und nach den Feierlichkeiten der Priesterinnen wird die Nacht ein Freudenfest für alle, die alt genug dafür sind. So geht es Jahr aus, Jahr ein, wenn sich die Waldleute, die Hirten und die Bauern treffen, und so manche Liebelei hat auf diesen Festen seinen Anfang genommen.

Auf einem dieser Mittsommerfeste hat der junge Seft, ein Steinhauer, das Mädchen Neen kennengelernt, und sie sind ein Paar geworden. Seft leidet in der Steingrube unter seinem strengen Vater und den Repressionen seiner beiden älteren unfähigen Brüder, sodass er beschließt, wegzulaufen und sich Neens Familie anzuschließen.

Neens jüngere Schwester Joja interessiert sich bei den Festen mehr für die Traditionen der Priesterinnen und findet Gefallen an deren Zeremonien. Diese finden in einem Kreis aus Holzstangen statt, wo die Priesterinnen tanzen und Lieder singen.

Als eine große Dürre über mehrere Jahre den Völkern das Leben schwer macht, sucht jeder seinen Vorteil - und vor allem die Waldleute unter ihrem Ältesten Troon jede Gelegenheit, um ihren Bereich zu vergrößern und die anderen zu schikanieren. Die Gewalt unter den Gruppen wird immer schlimmer, schließlich wird auch das Monument zerstört.

Joja ist inzwischen Priesterin geworden und nimmt sich vor, gemeinsam mit Seft, der großes handwerkliches Geschick zeigt, das Monument neu zu bauen – dieses Mal aber aus Stein, damit es nicht mehr zerstört werden kann und auch neue Menschen aus anderen Gegenden zu den Festen lockt. Doch wie bringt man hunderte Menschen dazu, sich freiwillig am Bau eines Monuments zu beteiligen und dafür die größten Steine zu bewegen, die je ein Mensch gesehen hat? Wie lange soll das dauern? Und welche Hindernisse hat man nicht gesehen?

Das Rätsel um „Stonehenge“

Ken Follett widmet sich in seinem neuen Roman einem der großen Monumente der Menschheitsgeschichte, bei dem gleichwohl nicht alle Mysterien aufgeklärt sind. Tatsächlich weiß niemand bis heute genau, warum das Monument aus Megalithen, also großen Steinen, das allgemein „Stonehenge“ genannt wird, errichtet wurde, geschweige denn wie, von wem und wann.

Diese Unbekannten versucht Follett mit seiner Version des Baus von Stonehenge zu ergründen und begibt sich damit in die Bronzezeit, beginnend mit dem Satz: „Alles beginnt um das Jahr 2500 v. Chr.“ Im Süden des heutigen Englands leben die drei Völker der Hirten, Bauern und Waldleute friedlich nebeneinander und treffen sich alle drei Monate in Riverbend, wo in der Nähe ein Monument aus Holz steht, das von Priesterinnen gehütet wird. Hier werden die Feste gefeiert, die Mittsommer und die anderen drei Sonnenfeste markieren, man trifft sich und handelt, nimmt an den Ritualen der Priesterinnen teil und vergnügt sich nachts mit Männern und Frauen der anderen Völker, damit das Volk genetisch durchmischt wird. Hier lernt man vielleicht den Partner fürs Leben kennen, auch wenn er oder sie nicht aus dem eigene Volk stammt, was nicht nur eine kulturelle, sondern auch sprachliche Hürde sein kann.

Fehden der Stämme untereinander

Eines der Geheimnisse der Priesterinnen ist, wie man zählt, vor allem wie man mehr zählt als man an Händen und Füßen abzählen kann. Joja ist ein schlaues Mädchen, das alles schnell in sich aufnimmt und versteht. Das verschafft ihr Respekt und einen Vorteil gegenüber vielen anderen Mädchen.

Als nach zehn Jahren eine große Dürre ausbricht und viele Sommer anhält, machen sich die Völker gegenseitig Vorwürfe und beginnen, egoistischer zu handeln, sich gegenseitig Land wegzunehmen, Wege zu sperren und nehmen auch den Tod von Menschen aus den anderen Völkern billigend in Kauf. Dies bedeutet, dass ein Leben ein anderes fordert, und die Gewalt unter den Völkern nimmt immer mehr zu. Kein Wunder, dass das Holzmonument, von Seft intelligent durch innovative Ideen stabilisiert, irgendwann in Flammen aufgeht und Joja verspricht, ein neues Monument zu bauen, allerdings aus Stein, damit es nicht wieder zerstört werden kann.

Es dauert, bis man beginnt

Soviel zur Grundidee, die Ken Follett durch den Roman verfolgt. Doch der Bau des Monuments gerät in der Mitte des Romans in den Hintergrund, da Follett mehr die Fehden der Völker untereinander verfolgt, und nur zwischendurch blitzt einmal durch, wie Seft und Joja überlegen, einen rieseigen Stein aus dem Tal der Steine zu ihnen zu schleppen – wie auch immer das bewerkstelligt werden soll. So gilt, es, einen Plan zu haben, bevor man dies mit den Menschen bespricht, damit man auf alle Fragen eine Antwort hat.

Follett liefert diese Antworten auch, allerdings lässt er sich damit sehr viel Zeit. Im Mittelteil des Romans verfolgt man, wie die Völker aufeinander losgehen, da erwischt es auch bereits liebgewonnene Charaktere, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, und all dies beschreibt Follett in seiner gewohnt einfachen Sprache, der jeder mühelos folgen kann. Doch bleibt bei seinem Schreibstil auch leider eines, wie in vielen seiner anderen Romane: Es fehlt die Empathie, das Mitfiebern mit Charakteren, die guten sind gut und die Bösen sind böse, alles ist schwarzweiß und sobald ein Problem aufkommt, wird es gelöst und man wartet auf das nächste Problem. Der große Spannungsbogen, der ja der Bau des Monuments sein sollte, wird unterbrochen durch viel unwichtige Handlung, die nichts mit dem Bau zu tun hat.

Viel Leerlauf, sprachlich sehr einfach

Erst im letzten Viertel nimmt der Roman mit dem Bau des Monuments die Fahrt auf, die man sich auch für die ersten drei Viertel gewünscht hätte. Da kann man auch endlich mit Seft und Joja mitfiebern, wie sie die Menschen für sich gewinnen, um den ersten Stein zu holen, und wenn er dann steht, wie man ihnen beibringt, dass es erst der erste von vielen gewesen sein soll. Gegenspieler Troon von den Waldleuten ist zwar böse, tritt aber nicht so oft in Erscheinung, wie man es erwartet hätte. Letztlich ist er eine lästige Randfigur, der man beim Lesen viel mehr zugetraut hätte. Wenn man sich als Leser andere Handlungsbögen vorstellt, die den Roman spannender gemacht hätten, spricht das nicht für die Dramaturgie des Romans.

So muss letztlich der Roman als sein schwächstes Werk bezeichnet werden. Die Charaktere sind weitestgehend beliebig, viele Nebenereignisse laufen parallel und sind eher banal als spannend, und der vermeintlich „böse“ Gegenspieler zeigt zwar Potenzial, wird vom Autor aber leider nicht genutzt. Am Ende hat man dann zwar einiges über den Bau des Monuments gelernt, auch über die Menschen aus der Bronzezeit, doch leider überwiegt die Enttäuschung, dass die Möglichkeiten der Thematik nicht genutzt wurden.

Die knapp 670 Seiten aus dem Lübbe Verlag kommen als Hardcover daher und haben neben einem Lesebändchen auch eine Karte Südenglands mit der großen Ebene, in der der Roman spielt, im Einband. Leider gibt es bis auf eine kleine Danksagung keine Zugaben wie ein Personenverzeichnis (bei der Menge an Personen und ungewöhnlichen Namen wäre es wünschenswert gewesen) oder ein inhaltliches Nachwort, das vielleicht auf den aktuellen Forschungsstand hingewiesen hätte und warum sich Follett für die vorliegende Version entschieden hat. Schon Bernard Cornwell hat sich am Thema „Stonehenge“ versucht und dabei seinen schwächsten Roman abgeliefert, und leider muss man sagen, dass es bei Ken Follett genauso ist. Und warum man sich für den Untertitel „Die Kathedrale der Zeit“ entschieden hat, was an sich ein schöner Titel ist, bleibt wohl ein Geheimnis des Verlages, trifft er doch nicht den Inhalt. Der Originaltitel „Circle of Days“ ist natürlich sinngemäß schwer zu übersetzen, trifft aber den Kern des Buches viel besser.

Fazit

„Stonehenge“ ist leider Ken Folletts schwächster Roman mit vielen Längen, Handlungssträngen die nicht viel mit dem Thema zu tun haben und einer einfachen, bisweilen banalen und fast gleichgültigen Sprache, die beim Leser kaum Interesse für die Personen wecken. Schade, die Möglichkeiten dieses faszinierenden Themas wurden nicht genutzt.

Stonehenge - Die Kathedrale der Zeit

Ken Follett, Lübbe

Stonehenge - Die Kathedrale der Zeit

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