Am Ende einer Reise

  • Lübbe
  • Erschienen: November 2025
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Carsten Jaehner
941001

Histo-Couch Rezension vonMär 2026

Poetisches Buch über Islands Nationalschriftsteller.

Als der isländische Schriftsteller Jónas Hallgrímsson, nach einem feucht-fröhlichen Abend im Jahr 1845, in seiner Koppenhagener Unterkunft die Treppe hinunterstürzt, ahnt er noch nicht, dass dies der Anfang von seinem Ende sein wird. Irgendwie schafft er es nach oben in sein Zimmer, hat sich aber wohl ein Bein gebrochen und kann nicht mehr aufstehen. Freunde besuchen ihn Tage später und bringen ihn ins Hospital, wo man einen schweren mehrfachen Bruch diagnostiziert. In seinem Krankenzimmer wird er versorgt, bekommt Besuch von vielen Freunden und Kollegen und denkt immer wieder, nun fern der isländischen Heimat, an seine Jugend auf Island zurück.

Zu dieser Zeit ist ein Freund von ihm, Keli, auf einen anderen Hof gekommen, um dort die Schafe zu hüten. Doch eines Tages büxten einige Schafe aus und Keli ging sie suchen. Keli kehrte nie wieder zurück an den Hof Þverbrekka, weswegen sich seine Gastfamilie und seine eigene Familie auf das schärfste beschimpften und beschuldigten. Der Fall kam sogar zur Anzeige. Jegliche Suche nach Keli war erfolglos; man hatte sogar ein Schaf getötet und in den Fluss geworfen, um zu schauen, welchen Weg Keli genommen hätte, wenn er in den Fluss gefallen wäre.

Jónas liegt in seinem Krankenbett und wirft sich vor, selbst nicht mehr zur Suche beigetragen zu haben. Er fängt an zu delirieren, er muss schnell operiert werden, wenn man sein Bein noch retten will - und damit auch ihn selbst, denn die Blutvergiftung beginnt seine Sinne zu vernebeln.

Realer Hintergrund um Jónas Hallgrímsson

Der isländische Autor Arnaldur Indriđason ist eigentlich eher bekannt für seine spannenden Kriminalromane, hat aber mit seinem letzten Roman „Der König und der Uhrmacher“ erstmals einen historischen Roman vorgelegt, dem nun mit „Am Ende einer Reise“ sein zweiter folgt, beide haben aber nichts miteinander zu tun. Spielte der „Uhrmacher“ noch Ende des 18. Jahrhunderts, so betrachtet man im neuen Roman das Jahr 1845 und blickt zurück in die Jugendzeit von Jónas Hallgrímsson, der heute als einer der bedeutendsten Literaten Islands betrachtet wird.

Dabei ist allgemein bekannt, dass Hallgrímsson den Folgen des Sturzes erlegen ist. Die Operation, bei der ihm das verletzte Bein abgenommen werden sollte, fand nicht mehr statt, weil er in der Nacht zuvor verstorben war. „Am Ende einer Reise“ ist daher nicht nur der Rückblick auf sein Leben, sondern auch der Titel eines in Island sehr bekannten Gedichtes von Hallgrímsson.

Der verschwundene Hirtenjunge

Indriđason springt in seiner Erzählung zwischen der Gegenwart, in der Hallgrímsson im Krankenhaus liegt und immer öfter geistig abdriftet, und der Vergangenheit, in der die Geschichte um den vermissten Keli erzählt wird. Während man bei Hallgrímsson weiß, wie es enden wird, ist das bei Kelis Geschichte nicht so. Zwar wird ab der Mitte des Romans klar, was geschehen ist, aber die Konsequenzen daraus sind noch unklar.

Dem Autor gelingt es durch seine intensive Sprache, den Leser in die Handlung zu holen, gleichzeitig aber auch eine gewisse Distanz zu wahren. Dies schafft er auf eine gewisse isländische Weise, indem er die Menschen, ihre Traditionen und die Landschaft beschreibt, wie es nur auf Island sein kann. Hinzu kommt ein gewisse Gottgläubigkeit, aber ohne die Wärme, die diese ausstrahlen sollte. In diesem Umfeld wird Kelis Geschichte erzählt, sein Verschwinden, der Gang vor das Bezirksamt und wie die Menschen damit umgehen.

Wie Reisen enden können

Das Ende der Reise ist nicht nur für Keli gekommen, sondern auch für Hallgrímsson, dem mit diesem Roman ein Denkmal gesetzt wird, indem zwei seiner Geschichten das Wesen der Isländer beleuchten und darstellen. Hallgrímsson war nicht nur für seine Gedichte bekannt, sondern auch für seine Wortneuschöpfungen, die es in die isländische Sprache geschafft und sich bis heute gehalten haben. Jedes Jahr wird der Tag der isländischen Sprache an seinem Geburtstag, dem 16. November, begangen. „Am Ende einer Reise“ ist nicht nur der Titel dieses Romans, sondern auch sein berühmtestes Gedicht.

Der Lübbe Verlag hat den gut 320seitigen Roman in einem kleinen, gut haltbaren Format als Hardcover mit Lesebändchen herausgebracht. Im vorderen und hinteren Einband findet sich eine Karte des nördlichen Islands mit der Gegend des Hinterlandes um Akureyri, wo die Handlung von Keli spielt. Ein kurzes dreiseitiges Nachwort der Übersetzerin ergänzt den Roman, der nicht nur Islandfans ans Herz gelegt werden kann.

Fazit

Der Roman ist eine großartige Erzählung, die seine Leser in den Bann zieht und bis zur letzten Zeile nicht wieder loslässt. Der Autor schafft eine angemessene Stimmung und bringt seine Geschichten allmählich in Stellung, ehe man mittendrin ist und sich fragt, wie man aus dieser Situation wieder herauskommt. Jede Reise endet irgendwann, die Frage ist nur, wie. Der Roman zeigt mehrere Möglichkeiten und Freunde der Romane Indriđasons werden auch hier nicht enttäuscht werden.

Am Ende einer Reise

Arnaldur Indriðason, Lübbe

Am Ende einer Reise

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