Filocolo

  • Die Andere Bibliothek
  • Erschienen: Juli 2025
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Filocolo
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Alexander Krist
901001

Histo-Couch Rezension vonJan 2026

Der erste europäische Prosaroman.

Ein imaginäres 6. Jahrhundert: Auf dem Weg nach Santiago de Compostela wird ein Pilgerzug christlicher Römer in eine Schlacht gegen das Heer des heidnischen spanischen Königs Felice verwickelt. Da sich herausstellt, dass der Kampf von einem buchstäblich teuflischen Missverständnis ausgelöst wurde, nimmt der König Giulia, die schwangere Witwe des römischen Anführers Lelio, großmütig an seinem Hof auf. Felices Sohn und Giulias Tochter werden am selben Tag geboren; Giulia stirbt dabei. Florio und Biancifiore, wie die beiden Kinder genannt werden, wachsen gemeinsam auf und natürlich kommt es, wie es kommen muss: Sie verlieben sich unsterblich ineinander. Florios Eltern jedoch sind gegen die Verbindung und schmieden verschiedene Pläne, um Biancifiore loszuwerden. Schließlich wird sie als Sklavin an einen ägyptischen Würdenträger verkauft. Unter dem Decknamen Filocolo (pseudogriechisch "Liebesmüh") bricht Florio auf, sie zu suchen und zu befreien. Unterstützung erhält er von den römischen Göttern, und doch wird ihre Odyssee das Paar nicht nur zu einander, sondern auch zum Christentum führen...

Literaturgeschichtlicher Meilenstein

Giovanni Boccaccio (1313-1375) gilt als Begründer nicht nur der italienischen, sondern der europäischen Prosaerzählung. Sein großes Frühwerk Il Filocolo, etwa 1336 bis 1338 verfasst und 1499 ins Frühneuhochdeutsche übersetzt, geriet später gegenüber der weltberühmten Novellensammlung IlDecamerone in Vergessenheit und liegt tatsächlich hier erstmals in modernem Deutsch vor. Boccaccio greift die seit dem 12. Jahrhundert in alle europäischen Literatursprachen adaptierte Geschichte von "Floire und Blancheflor" auf, die vermutlich persische Wurzeln hat. Allerdings bearbeitet er den Stoff sehr selbständig, wobei spätere Versionen meist auf seiner basieren. Der Plot, der für sich allein schon jedem Versuch einer kurzen Zusammenfassung spottet, wird bei ihm zum Rahmen für unzählige Anspielungen auf Mythologie, Bibel und die von Sagen und Anekdoten umwobene Geschichte des frühen Rom.

Die ungefähre Handlungszeit ergibt sich daraus, dass ein fiktiver Sohn des oströmischen Kaisers Justinian (reg. 527-565) eine Nebenrolle spielt, aber der Autor versucht nirgends, die Anachronismen zu verbergen, die ihm und seinem zeitgenössischen Publikum sehr wohl bewusst gewesen sein müssen. Filocolo ist nach keiner sinnvollen Definition ein geschichtlicher Roman, aber er ist ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des Romans als literarischer Gattung - der erste europäische Prosaroman in einer heute noch lebenden Sprache.

Zwischen Antike, Mittelalter und Renaissance

Was ist Filocolo, wenn kein historischer Roman? Ein Beispiel dafür, dass in der Literatur auch erfolgreich zusammenwachsen kann, was nicht zusammengehört. Der Autor präsentiert eine eigenwillige Mischung aus philosophischem Liebesdrama, Abenteuergeschichte, christlicher Allegorik, mythologischer Fantasy, reichlich Astronomie und manchem mehr. Als Porträt des 6. Jahrhunderts ist nicht eine Seite zu gebrauchen, aber es bietet sich ein faszinierender Einblick ins 14. - in ein Spätmittelalter, in dem die Renaissance bereits wetterleuchtet.

Auffällig ist vor allem die skurrile Verschmelzung von Christentum und antiker Mythologie: Schon im Prolog tritt Götterkönigin Juno als Personifikation der Kirche (!) auf, die in ihrem Pfauenwagen vom Himmel hoch nach Rom kommt, um dem Papst (!) Anweisungen zu erteilen. Jupiter ist zugleich der christliche und der römische Gott, Pluto steht für den Teufel und so weiter. Die "Heiden", eine Art römische Araber, rufen wohlgemerkt die gleichen Götter an; dass es überhaupt einen Unterschied zwischen den Religionen gibt, wird meist nur sehr subtil angedeutet. Erst wenn die Handlung gegen Ende hin zur Bekehrung der Protagonisten schreitet, wird es konventionell dogmatisch. Bei allen frommen Bekenntnissen zum "einzig wahren" Glauben ist Boccaccio bereits Humanist genug, um Heiden und Christen einen gemeinsamen moralischen Kompass und die gleiche Gefühlswelt zuzugestehen.

Fazit

Trotz erklärender Fußnoten des Übersetzers: Gute Kenntnisse in antiker Geschichte und Mythologie sind unverzichtbar. Definitiv kein simpler Schmöker für zwischendurch, aber wer Sinn für Klassiker hat und sich in der ziselierten Rhetorik Boccaccios zurechtfinden kann, den erwartet hier ein besonderer Genuss.

Filocolo

Giovanni Boccaccio, Die Andere Bibliothek

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