Teatime im Jane-Austen-Club

  • Aufbau
  • Erschienen: Juli 2022
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Kirsten Kohlbrei
84

Histo-Couch Rezension vonJan 2023

Unvergessene Jane

Chawton 1945. Nach Kriegsende gilt es auch für die Bewohner des kleinen Dorfes in Südengland, in ihren Alltag zurückzufinden. Dort, wo Jane Austen die letzten Jahre vor ihrem Tod in einem kleinen Cottage auf dem Landsitz ihres Bruders lebte und ihre bedeutenden Romane schrieb, sind es auch ihre Bücher, die dabei helfen. Die leidenschaftliche Verehrung für die Autorin und ihr Werk eint eine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen, die es sich zur Aufgabe machen, die Erinnerung an die Schriftstellerin zu bewahren. Sie alle haben persönliche Schicksalsschläge erlebt und Austens Geschichten und Figuren sind ihnen im eigenen Leben zu tröstlichen Begleitern geworden.

Romane als Refugium

Adam Berwick, der nach dem frühen Tod seiner Brüder und seines Vaters auf ein Studium verzichtete, arbeitet nach dem Verkauf der eigenen Farm auf dem Landsitz der Knights, den direkten Nachkommen des Bruders von Jane Austen. Frances Knight, die einzige Tochter, blieb nach einer gelösten Verlobung mit ihrem Jugendfreund Andrew Forrester alleinstehend und wird, kinderlos geblieben, vom im Sterben liegenden Vater, aus der Erbfolge genommen. Andrew ist mittlerweile der Anwalt des alten Mr. Knights und so begegnen sich die ehemals Verlobten regelmäßig. Der Arzt Dr. Benjamin Gray hat bei einem tragischen Unfall seine Frau verloren. Er ist Autoritätsperson im Dorf, aber als Witwer auch dem Gerede der Leute ausgesetzt. Mit der jungen Lehrerin Adeline Grover verbindet ihn mehr als eine Arzt-Patientin Beziehung. Adelines Mann fiel als Soldat kurz nach der Hochzeit und Dr. Gray kann es sich nicht verzeihen, dass er bei einer Notgeburt zwar Adeline, nicht aber ihr Kind retten konnte. Evie Stone war Adelines beste Schülerin, bis ihr Vater im Krieg schwer verletzt wurde und sie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste. Seitdem ist sie als Dienstmädchen im Herrenhaus angestellt. Die Kindheit der berühmten amerikanischen Schauspielerin Mimi Harrisson wurde durch den Selbstmord ihres Vaters überschattet. Sie kommt mit ihrem Verlobten, einem reichen Filmproduzenten nach Chawton, der dort ein Landhaus kaufen möchte. Yardley Sinclair ist Auktionator bei Sotheby's, wo Besitztümer aus der Nachlassenschaft von Jane Austen zunehmend gewinnbringend versteigert werden. Beruflich erfolgreich, leidet er persönlich darunter, dass er seine Homosexualität nicht offen leben kann.

Lebendiges Gedenken in der Jane Austen Society

Diese acht Personen mit ihren grundverschiedenen Lebensläufen werden zu den Gründungsmitgliedern der Jane Austen Society. Den Anstoß dazu liefert eine kleine Spielzeugfigur, die Adam im Sperrmüll des alten Austen-Cottage findet und die ihn auf die Idee bringt, das alte Haus in ein Museum umzuwandeln. Um den zurückhaltenden Adam schart sich in tiefer Verbundenheit zu Jane Austen in Kürze der Kreis von Mitstreitern, die mit ihrem Engagement zum Ansehen ihrer Lieblingsautorin beitragen möchten. Mit dem Wissen, den Fähig- und -Möglichkeiten ihrer Angehörigen, ist es erklärtes Ziel, der ins Leben gerufenen Gesellschaft, das Cottage zu erwerben und den Buchbestand der Schriftstellerin in der Bibliothek im Landhaus der Knights zu sichern. Schon bald drängt die Zeit, denn nach der Verlesung des Testaments von Frances Vater droht die Zerschlagung des Anwesens und damit auch der Verlust der Erinnerungsstücke aus dem Austen-Besitz.

Dass Adam im Zuge der Suche nach einem rechtmäßigen männlichen Erben unerwartet eine besondere Rolle einnimmt sowie die unklaren Kaufabsichten des Verlobten von Mimi verkomplizieren die Situation zusätzlich. Die Society begegnet jedoch den herben Rückschlägen bei der Umsetzung ihres ambitionierten Vorhabens mit freundschaftlichem Zusammenhalt, der Beharrlichkeit und des überlegten Vorgehens ihrer Member.  Beim ersten Jahrestreffen der Jane Austen Society ist letztendlich dann nicht nur die Mitgliederzahl erheblich angestiegen, auch bedeutsame Veränderungen der Besitzverhältnisse im Austen-Knight Nachlass können verkündet werden. Zudem hat sich über das Jahr das Leben des Gründer-Circle nachhaltig verändert. Wo Beziehungsträume geplatzt sind, sind neue Verbindungen entstanden, berufliche und häusliche Veränderungen fordern heraus. Belastende Erinnerungen bestimmen nicht mehr den Alltag und der Blick in die Zukunft geht optimistisch nach vorn.

Reales Geschehen fiktiv ausgeschmückt

In einer Anmerkung am Ende des Romans liefert die Autorin Natalie Jenner Details zum historischen Hintergrund ihrer Erzählung, die zwar auf einer wahren Begebenheit beruht und an realen Schauplätzen spielt, deren Handlung und Figuren aber rein fiktiv sind.

Ihre Protagonisten finden über ihre Liebe zum Lesen und zu Büchern zusammen, vor allem

über die Freude an den Romanen von Jane Austen, die eine zentrale Bedeutung für die eigene Biographie darstellen.

Jenners feinfühlig und unterhaltsam erzählte Geschichte wird darüber zur Hommage an die englische Schreibkollegin sowie an die Kraft und Wirkung von Literatur. Die kontinuierliche Bezugnahme auf Austens Person, Texte und Charaktere, macht die „Teatime“ dabei natürlich für deren Fans zu besonders vergnüglicher Lektüre. Und die Leser*innen, die wiederum bisher die Bekanntschaft von Mr. Darcy noch nicht gemacht haben, bekommen „Stolz und Vorurteil“als Leseanregung en passant. Parallelen zu Austens Gesellschaftsromanen sind offensichtlich, aber Jenner verharrt nicht in der Kopie. In einem anderen Jahrhundert angesiedelt, wählt sie als Setting ebenfalls den Mikrokosmos einer englischen ländlichen, von gesellschaftlichen Konventionen bestimmten Dorfgemeinschaft. Dort schickt sie ihre individuell ausgearbeiteten Figuren in turbulentes Geschehen, das ihnen jede Menge Tatkraft abverlangt und konzipiert ein Beziehungsgeflecht mit gleichsam ungewöhnlichen Begegnungen und vertrauter Konversation.

Fazit

„Teatime im Jane-Austen-Club“ ist ein hoffnungsfroher Roman über die Möglichkeit, trotz leidvoller Erfahrungen, den Wiedereinstieg in ein erfülltes Leben zu schaffen. Dank Zusammenhalt und mutiger Selbsthilfe der Betroffenen, getragen von der Leidenschaft für Literatur, buchstäblich gestärkt mit Büchern im Rücken. Dabei erfüllt Natalie Jenner, das Statut der Jane Austen Society - Erinnernde Wertschätzung der Autorin, angenehm zu lesen -  mühelos gleich mit.

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